Köhlerlieder und Köhlergeläut im Harz

Auf dem Kohlhai von Köhlermeister Otto Ibe bei Osterode/Neustadt im Südharz 2009. In seiner Familie lässt sich das Köhlergewerbe bis 1631 zurückverfolgen. © Lutz Wille

Allgemeines

Die Köhler im Harz gehörten zur Gruppe der Waldberufler. Am 1. Mai zogen die Köhlermeister mit ihren Groß- und Kleinknechten sowie dem Haijungen (niederdeutsch „Hulpen“), Pferd und Wagen unter festlicher Anteilnahme der Bevölkerung aus den Dörfern auf ihr Kohlhai (Verkohlungsplatz). Dort wurde die Köte (Behausung der Köhler) aufgebaut. Dann begann der Verkohlungsprozess: Holz musste herangefahren werden, der Meiler wurde aufgebaut und angezündet, und es begann das viel Erfahrung erfordernde „Dirigieren“ des Meilers. Tag und Nacht musste er überwacht werden, damit er nicht durchbrannte, sondern eine Verkohlung einsetzte. Deshalb blieben die Köhler bis Anfang Oktober auf dem Kohlhai. Nur am Sonntag durfte einer aus der Mannschaft ins Heimatdorf gehen oder die Frauen kamen an diesem Tag mit Proviant zu Besuch. Die Köhler wurden zu Waldbewohnern.

Für die Arbeit auf dem Kohlhai wurde zur Verständigung die Köhlerglocke, genannt Hillebille, gebraucht. Sie ist kein Musikinstrument, sondern diente zur Signal- und Nachrichtenübermittlung und wurde benutzt, um die Köhler, welche weitab von der Köte an zerstreut liegenden Meilern im Wald arbeiteten, zu verständigen. In jahrhundertelangem Brauch hat sich eine ganze Reihe von vereinbarten, rhythmisch differenzierten Klopfsignalen herausgebildet, welche durch Tonstärke, Zahl der Anschläge und Tempo der Schlagfolge bestimmt sind (z. B. Gefahrensignal, Hilfssignal, Jägerruf, Signale zum Essen). Aufgrund ihres hellen Klangs konnten die rhythmischen Schläge bis zu einer Entfernung von etwa 6 km im Wald gehört werden. Sie wurden mit zwei kleinen Hämmern aus Buchenholz ausgeführt.

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Auf dem Kohlhai von Köhlermeister Otto Ibe bei Osterode/Neustadt im Südharz 2009. In seiner Familie lässt sich das Köhlergewerbe bis 1631 zurückverfolgen. © Lutz Wille
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Eine Hillebille hängt vor der Köte (L. Richter 1838), Signale werden mit zwei Hämmern gegeben. © Lutz Wille

Klangbeispiel 1

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Zwei Köhler mit Harzzither © Archiv Lutz Wille
Hillebille aus Tanne (1936)

Das Leben im Wald regte die Phantasie der Köhler an: Nebelschwaden wurden zu Spukgestalten, knarrende Bäume und schlagende Äste zu Waldgeistern. Viele Sagen, Schnurren oder Schauergeschichten konnten Köhler zum Feierabend am Holzfeuer erzählen. Der Besucher hörte Volkslieder, begleitet von der Harzzither, „oder die Köhlerjungen sich zurufen und laut in den Bergen jodeln und jauchzen, oder wie sie selbst sagen ledauzen“ (Kohl 1866, S.159–160).

Klangbeispiel 2

Benneckensteiner Waldjodler (M. Hund)

Und auch das Köhlergeläut erklang. Es besteht aus einer Reihe von verkohlten Buchenästen, die an Rosshaaren aufgehängt sind. Sie haben einen Durchmesser von etwa zwei bis sechs Zentimetern und sind von unterschiedlicher Länge. Diese beiden Parameter sind maßgeblich für die unterschiedliche Tonhöhe. Die Stangen werden so ausgewählt und hergerichtet, dass beim Anschlagen jeweils ein Ton der Tonleiter erklingt.

Wenn der Wind wehte und die Stäbe zusammenschlugen, hörte sich dies wie das Geläut einer fern weidenden Kuhherde an. Musikalisch veranlagte Köhler verstanden es, auf diesem Instrument zu musizieren: „In der schwarzen Hütte des einsamen Mannes hängen an Fäden aufgereiht kunstvoll abgestimmte Holzkohlestücke, diese weiß unser rußiger Freund anzuschlagen, daß sie eigentümliche melodische Töne von sich geben; zu einer großen Fertigkeit hat er es auf diesem eigentümlichen Musikinstrument gebracht, und den Melodien, welche er darauf hervorbringt, gleichen seine Geschichten ganz und gar“ (Raabe 1913, S. 114).

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Dr. Walz führt ein nachgebautes Köhlergeläut vor. © Archiv Lutz Wille

Klangbeispiel 3

Köhlergeläut aus Tanne (1936)

Eine Reihe von Berufsliedern der Köhler sind überliefert. So Der Köhler ist ein schwarzer MannSteh nur auf du lust’ger Köhlergesell’ oder Morgens, wenn der Tag anbricht. Sie wurden nach dem Gesang von Köhlern aufgezeichnet, die sich mit ihnen identifizierten. In den Liedern werden Handlungsabläufe, Ereignisse oder die Berufstätigkeiten nicht romantisch verklärt oder idealisiert, sondern es wird realistisch der Alltag besungen. Immer wieder kamen schöpferisch Zwei- oder Mehrreiher hinzu; die Melodieführung entspricht der schlichten Dreiklangmelodik des Volksgesangs.

Klangbeispiel 4

Lied: Steh nur auf du lust’ger Köhlergesell’ (Volkskunstgruppe Harzgerode, Ltg. Ilse Loch)

Am bekanntesten ist das Köhlerlied Morjen hemmen erschten Mai (vgl. dazu auch den Musikkoffer-Artikel Mundartlieder im Harz). Es ist im niederdeutschen Harz entstanden. Wenn auch die Melodie aus Thüringen (Lied Schatzele, geh rei a wenig), vielleicht sogar aus dem Alpenraum in den Harz eingewandert ist (Beziehungen zum österreichischen Schnadahüpfl Übern Lorenz´n Höh), so belegen doch seine mundartlichen Strophen eindeutig eine Entstehung um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Kreise der Harzer Köhler! Das Lied schildert in über 40 Strophen den Auszug der Köhler im Frühjahr, ihr Leben auf dem Kohlhai, die einzelnen Arbeitsphasen vom Anfang des Mailerbaus bis zur Gewinnung der Holzkohle und die Heimkehr im Herbst. Erstmals veröffentlicht wurde der Text des Liedes 1895 aus Trautenstein, die Melodie wurde 1910 mitgeteilt. Das Lied liegt im Deutschen Volksliedarchiv (DVA) in mehreren Aufzeichnungen und Abdrucken aus dem Harz vor und ist ein landschaftsgebundenes Volkslied. Die Melodie wurde stark umgesungen. Die durch den Text geprägte Grundgestalt der Strophen wurde jedoch in den meisten Varianten beibehalten: abwechselnde Textzeile und Jodlerzeile, angehängter vierzeiliger Jodler.

Klangbeispiel 5

Lied: Morjen is de erschte Mai (M. Hund/M. Buchholz, Tischzither)

Die traditionelle Köhlerei wird heute in der Harzköhlerei Stemberghaus bei Hasselfelde gepflegt. Dort ist es möglich, Aufbau und Ernte eines Meilers zu verfolgen und Eindrücke von diesem Gewerbe im Köhlermuseum zu gewinnen. Auf den jährlichen Köhlerfesten erklingen u. a. auch die traditionellen Köhlerlieder.

Literatur 

Ernst Kiehl, Die Volksmusik im Harz und im Harzvorland, Bd. II, Clausthal-Zellerfeld 1992.

Johann Georg Kohl, Deutsche Volksbilder und Naturansichten aus dem Harz, Hannover 1866.

Wilhelm Raabe, Nach dem großen Kriege, 5. Aufl., Berlin 1913.

Lutz Wille, „Die Köhlerei im Harzer Volksleben“, in: Albrecht Kortzfleisch (Hrsg.), Die Kunst der schwarzen Gesellen – Köhlerei im Harz, Clausthal-Zellerfeld 2008, S. 228–240.

Diskografie

Lutz Wil­le, Otto Holzapfel, Wiegand Stief: Dop­pel-CD „Sin­gen­der, klin­gen­der Harz – ei­ne mu­si­ka­li­sche Volks­kunde” (gemeinsam mit dem Deutschen Volksliedarchiv, Freiburg i. Br.), Label Avan­ce-Re­cords, Salz­git­ter 1997, Best.-Nr. AV 130 149-2.

Lutz Wille, Norbert Duve, Kurt Blum: CD „Es grüne die Tanne, es wachse das Erz… (100 Jahre Volksmusikpflege im Harz)“, Deutsche Schallplatten1094-2, BTMusic 2004.

Links

Harzköhlerei Stemberghaus

Deutsches Volksliedarchiv (Universität Freiburg i. Br.)

CD „Es grüne die Tanne, es wachse das Erz…“ bei jpc (mit Hörbeispielen, vgl. auch den Musikkoffer-Artikel zum Jodeln im Harz)

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.