Bedeutung
Das als Handschrift überlieferte Vortragsbuch kann als die wichtigste Quelle zum Repertoire einer bergmännischen Singgemeinschaft im 18. Jahrhundert angesehen werden. Zwischen 1754 und 1812 sind darin 95 Lieder eingetragen worden. Bis auf eine Melodienotation sind lediglich die Texte überliefert. Die Handschrift befand sich im Besitz von Adolph Staubach († 1948) aus Stolberg im Harz. Der Volkskundler Gerhard Heilfurth hat sie in seinem Buch Das Bergmannslied ausgewertet (Heilfurth 1954). Eine maschinenschriftliche Abschrift befindet sich seit 1971 im Deutschen Volksliederarchiv in Freiburg im Breisgau (DVA 71).

Wer nutzte das Vortragsbuch?

Foto: Oberharzer Bergwerksmuseum
Bergsängerbanden gab es in allen Harzer Bergbaugebieten. Es waren kleine Gruppen von musizierenden Bergleuten, die ursprünglich im Bergwerk arbeiteten. Sie wurden von der zuständigen Bergbaubehörde gefördert, ihre Ausbildung begünstigt, ihnen die Bergarbeit erleichtert, für ausgefallene Schichten ein Wartegeld aus der Zehntkasse gezahlt, bis sie schließlich ganz von der Grubenarbeit freigestellt wurden. Bergsänger wirkten an bergmännischen Aufzügen, bei Empfängen hoher Gäste oder der Huldigung von Landesfürsten mit und traten bei höfischen Festen auf. So auch bei einer der größten Aufwartungen 1729 in Clausthal mit 1100 Bergleuten, 222 Hüttenleuten und hunderten Arbeitern: „Vor ihnen standen der Ober-Bergmeister nebst dem Bergmeister bey der Berg-Fahne, die hiesigen Berg-Sänger bei sich habend, und bewillkomten Ihro Königl. Majestät mit einer Berg-Musique.“ (Lommatzsch 1966)
Namentlich bekannt sind Bergsängerbanden aus Goslar, Clausthal-Zellerfeld, Lautenthal, Stolberg, Sangerhausen, Straßberg, Wickerode und Hettstedt. Erstmals ist eine Bergsängerbande aus Zellerfeld 1569 auf einem Gastmahl für Herzog Julius von Braunschweig (reg. 1568-1589) nachweisbar, welches der Rat der Stadt Wolfenbüttel für ihn gab (Wille 2024).
Daneben gab es auch freie selbstorganisierte, damals als „wilde“ bezeichnete, Bergsängerbanden, die umherzogen und auf Märkten, Hochzeiten, Taufen und zu Festen im Jahreslauf in den Dörfern des Harzvorlandes sangen und aufspielten.
Was ist über die Stolberger Bergsängerbande bekannt?
Ihr gehörten sechs Bergleute an. Darunter waren einige Sänger, die ein- oder mehrstimmig Volks- und Bergmannslieder vortrugen, dazu begleitende Musikanten mit Harzzither, einem der Mandoline ähnlichen Instrument, das ein Abkömmling der Zister ist, sowie mit Geige und Triangel, ihrem traditionellen Instrumentarium. Nur Saiteninstrumente zu spielen waren ihnen bis Anfang des 18. Jahrhunderts erlaubt. Trompeten und Posaunen waren Türmern, Stadt- und Hofmusikanten vorbehalten. Doch war es Bergsängern gestattet, ihr Hinterleder – im Harz Arschleder genannt – zusammenzurollen und darauf zu blasen.
Johann Gottfried Schnabel berichtet über eine Beteiligung der Stolberger Bergsängerbande an einer gräflichen Hochzeit in Stolberg 1737. Dort fand am 29. März ein bergmännischer Aufzug statt, wobei die Bergleute mit angezündeten Grubenlichtern vom Marktplatz hinauf zum Residenzschloss marschierten. Nachdem der Zug auf dem Schlossplatz Aufstellung genommen hatte, „sungen die Stolbergischen Berg-Sänger die Ode ab, welche auf die hohe Vermählung im Nahmen der sämmtlichen Stolbergischen Knappschafften gedruckt worden. Hierbey wurden zur Bezeugung unterthänigster Freude bey Erschallung des Glück auf! von allen die Gruben-Lichter in die Höhe gehoben.“ (Schnabel 1737)
Das Repertoire des Vortragsbuchs


Nur 14 Lieder der Sammlung haben einen Bezug zur Lebens- und Arbeitswelt der Bergleute. Darunter befindet sich ein singspielartiger Wechselgesang zwischen einem Bergmann und einem Rutengänger, also einer Person, die mit einer Wünschelrute nach Erzen sucht. Für das im Harz entstandene Bergmannslied Victoria, Victoria, wir Bergleut zusammen ist die Stolberger Handschrift die früheste Quelle.
Die anderen Lieder besingen naturverbundene Tätigkeiten wie das Hüten der Schafe, Fischerei, Jagd oder das Gärtnern, haben häufig erotische Inhalte, sind Hochzeitslieder, derbe und schelmische Kirmes- und Bauernlieder, etwa Klagen über untreue Frauen. Es ist ein breites Liedspektrum mit Unterhaltungswert, wie es bei Auftritten zu Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Schützenaufzügen, ländlichen Festen, Ehrungen oder zu offiziellen Anlässen vorgetragen worden ist. Wie bei Volksliedern üblich stammt das Liedgut aus verschiedenen Landschaften, etwa ein Kirmeslied aus Thüringen, ein bergmännischen Freierlied in Mundart aus dem Oberharz oder es handelt sich um Liedgut, welches über den gesamten deutschsprachigen Raum verbreitet war wie Es hat ein Bau´r ein schönes Weib.
Obwohl das Vortragsbuch nur die Texte enthält, lassen sich zu einzelnen Liedern durch ihre weite Verbreitung mit Hilfe von anderen handschriftlichen Sammlungen, Druckwerken oder Gesangbüchern einige Melodien erschließen.
Wie wurde das Vortragsbuch benutzt?
In diesen Dilettantenkreisen war das Einstudieren von Liedern nach Noten nicht üblich. Die Melodien waren bekannt. Es ist ersichtlich, dass es einen Vorsänger gab. Er studierte die Lieder ein und begleitete sie mit Harzzither oder Geige. In der Handschrift ist nach jeder Liednummer die Tonart angegeben. Durch Zuhören, Nachsingen und Mitsingen wurden die Lieder erlernt.
Das Publikum der Bergsänger bestand entweder aus Angehörigen der Hofgesellschaft und des Bürgertum, aus Bergbeamten oder aus Bauern, Handwerkern und Händlern auf Messen. In ihrer Vortragskunst stellten sich die Bergsänger auf den jeweiligen Zuhörer:innenkreis ein. Wohlgesetzt trugen sie bei bergmännischen Aufzügen oder offiziellen Empfängen hoher Gäste einem schweigenden, lauschenden Publikum Lieder vor. Ganz anders auf ländlichen Festen: Hier hatten sie ein schwatzendes, schmausendes Publikum zu unterhalten und mussten bestrebt sein, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen und ihre Zuhörer:innen zu fesseln. Es wurden Lieder mit frechen, frivolen Texten gesungen. Einzelsänger und Bergsängerbande wechselten sich ab, der Vortrag wurde durch lebhafte Mimik, Gestik und Gebärden begleitet und das Stimmvolumen der Geräuschkulisse angepasst.
So, wie die Lieder gesungen wurden, unverfälscht, erfolgte ihr Texteintrag in das Vortragsbuch. Die Stolberger Liedersammlung ist ein einzigartiges Beispiel für das vielfältige Repertoire einer Bergsängerbande, die vor höfischem oder bürgerlichem Publikum singt und auf ländlichen und privaten Festen unterhält.
Quellen
Heilfurth, Gerhard: Das Bergmannslied – Leben, Wesen, Funktion. Kassel/Basel 1954.
Deutsches Volksliedarchiv (DVA), Freiburg/Breisgau: Stolberger Liederhandschrift 1754, Sign. A 209821-209916.
Wille, Lutz: Bergmännische Musikkultur im Harz. Clausthal-Zellerfeld 2024.
Lommatzsch, Herbert: Bergmännisches Gezäh im Brauchtum. Unser Harz 1966, 204-206.
Schnabel, Johann Gottfried: Das höchst-erfreute Stolberg…, Stolberg 1737.
https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/59348/1
Strobach, Hermann: Schürtz dich Gretlein. Wilhelmshafen 1987, 105.