Ileborgh, Adam (15. Jh.)

Anfang der handschriftlichen Orgeltabulatur des Adam Ileborgh von Stendal von 1448 Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 6. Kassel, Basel, London: Bärenreiter-Verlag 1957, Tafel 47

Biografie

Adam Ileborgh lebte im 15. Jahrhundert in Stendal. Seine genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Er war vermutlich Franziskanermönch und zugleich Rektor an der Lateinschule in der zur damaligen Zeit blühenden Handels- und Hansestadt Stendal.

Das einzige Dokument, das Informationen über Ileborgh liefert, ist die Handschrift einer Orgeltabulatur aus dem Jahr 1448, die Ileborgh schrieb und herausgab. Ob er auch der Komponist der darin enthaltenen Orgelstücke ist, war lange nicht gesichert nachweisbar. Nach neueren Erkenntnissen „ist Ileborgh gewiß selbst der Schöpfer aller hier eingetragenen Sätze“ (Staehelin 2003, Sp. 620).

In der Inhaltsangabe der Handschrift bezeichnet sich Ileborgh als „frater“ und „rectoriatus in stendall“.

Musikhistorische Bedeutung 

Ileborghs Handschrift gilt als die früheste reine Orgeltabulatur, die die Bindung an ein Vokalwerk aufgibt. Gleichzeitig ist sie der einzige Beleg für die norddeutsche Orgelkunst vor Beginn des 17. Jahrhunderts. Dieses Alleinstellungsmerkmal rückt das Dokument, das sich heute in Privatbesitz befindet, in den Fokus der Musikwissenschaft.

Inhalt der 7 Blätter sind fünf Präludien mit freier Oberstimme ohne Taktschema und drei als „Mensurae“ bezeichnete Stücke, die alle Bearbeitungen des damals populären Liedes Frowe al myn hoffen an dyr lyed (vermutlich eine Huldigung der Jungfrau Maria) darstellen. Diese Stücke mit Taktunterteilung würden heute den Taktarten 2/4, 3/4 und 6/4 entsprechen. Der Cantus firmus (die Liedmelodie) liegt in der tenoralen Unterstimme.

Vier der acht Sätze der Handschrift sind durchgängig dreistimmig mit gelegentlichen Akkordfüllungen bis hin zur Vier- und Fünfstimmigkeit. Damit stellen diese Stücke den ältesten erhaltenen dreistimmigen Orgelsatz und zugleich den frühesten Beleg für die Verwendung des Pedals bei der Orgel dar (z. T. zweistimmig als Doppelpedal).

Lange Zeit wurde ein falsches, zu großes Format der Blätter tradiert. Tatsächlich hat die Handschrift eine Größe von 14,3 cm mal 10, 8 cm, also Postkartenformat. Außerdem wurde auf Pergamentpapier geschrieben. Daher geht man heute davon aus, dass es sich um eine überreichungsfähige Widmungshandschrift handelt und nicht um ein Notenexemplar, aus dem musiziert werden konnte. Allerdings bleibt rätselhaft, wer der Adressat gewesen sein könnte. Die Schrift ist eher kalligrafisch und Eintragungsfehler wurden nicht korrigiert.

Die Musik selbst gilt, auch im Vergleich mit der Orgeltradition des süddeutschen Raumes, als wenig kunstvoll. Ihr einfacher, freier Duktus mit rhythmisch unregelmäßiger Melodik in der Oberstimme über ausgehaltenen Akkorden wie in den Präludien (Ileborgh selbst spricht in seiner Einleitung vom „modernus modus“) klingt für heutige Ohren recht „mittelalterlich“ und zeigt deutliche Nähe zur Improvisation.

Im Jahr 1998 war die Handschrift während einer internationalen Tagung in Stendal zu sehen.

Folgende Namenszuweisungen im heutigen Stendal erhalten die Erinnerung an den frühen Sohn der Stadt lebendig:

Musik- und Kunstschule Stendal „Adam-Ileborgh-Haus“

Adam-Ileborgh-Straße

Adam-Ileborgh-Chor

Werke

Orgeltabulatur von 1448

  1. Praeambulum in C et potest variari in d f g a

  2. Praeambulum bonum super C manualiter et variatur ad omnes

  3. Praeambulum bonum pedale seu manualeManual Klaviatur für die Hände. in d

  4. Praeambulum super d a f et g

  5. Aliud praeambulum super d manualiter et variatur super a g f et c

  6. Mensura trium notarum supra tenorem Frowe al myn hoffen an dyr lyed

  7. Mensura duorum notarum eiusdem tenoris

  8. Mensura sex notarum eiusdem tenoris

Literatur

Martin Staehelin, Art. „Ileborgh, Adam”, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearb. Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 9, Kassel u. a. 2003, S. 619621.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.