Reichardt, Johann Friedrich (1752 –1814)

Johann Friedrich Reichardt (Stich von Riedel nach Anton Graff)

Biografie

* 25. November 1752 in Königsberg, † 27. Juni 1814 in Giebichenstein bei Halle

Am 25.11.1752 wurde Johann Friedrich Reichardt als Sohn des Stadtmusikanten und Musiklehrers Johann Reichardt in Königsberg geboren. Schon früh erteilte dieser dem jungen Reichardt Violinunterricht, welcher in den späteren Jahren durch Klavier-, Musiktheorie- und Kompositionsunterricht ergänzt wurde. In seiner Heimatstadt lernte Reichardt den Philosophen Immanuel Kant kennen und schätzen und nahm 1768 auf dessen Anregung hin ein Jurastudium in Königsberg auf. Während seiner vielen Bildungs- und Konzertreisen sowie der für den Sturm und Drang typischen Virtuosenreisen (zunächst Mitteldeutschland, Norddeutschland und Böhmen, später auch Italien, Österreich, England und Frankreich) knüpfte Reichardt schnell Kontakte zu bekannten Komponisten. Dazu zählen Johann Abraham Peter Schulz, Johann Philipp Kirnberger, Johann Adam Hiller, Gottfried August Homilius und Carl Philipp Emanuel Bach, die zu einer Inspirationsquelle seines eigenen musikalischen Schaffens wurden. Begegnungen Reichardts mit Persönlichkeiten wie Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Gottlieb Klopstock erweckten zudem ein großes Interesse für Literatur und Philosophie.

Eine entscheidende Station im Leben Reichardts stellt die Berufung zum Hofkapellmeister der königlich preußischen Hofkapelle im Jahre 1775 unter König Friedrich II. dar. Reichardt machte sich neben seiner Tätigkeit als Komponist einen Namen als Musikschriftsteller und -publizist, als welcher er sich intensiv mit musikästhetischen, -politischen und -historischen Themen, stets unter der Zielstellung einer musikalischen Breitenbildung, auseinandersetzte. Aufgrund seiner offenkundigen Sympathien für die Französische Revolution musste er 1794 sein Amt niederlegen. Im selben Jahr erwarb er das Kästnersche Gut in Giebichenstein nahe Halle, das er bereits seit 1791 gepachtet hatte und das heute unter dem Namen Reichardts Garten bekannt ist. 1796 wurde Reichardt, der inzwischen vom preußischen König begnadigt worden war, zum Salinendirektor der Stadt Halle ernannt.

Reichardts Garten wurde in den folgenden zwei Jahrzehnten zum Treffpunkt junger Musiker und Literaten (Ludwig Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel, Wilhelm Grimm, Clemens Brentano, Achim und Bettina von Arnim u. a.) und ist unter der Bezeichnung „Herberge der Romantik” bzw. „Giebichensteiner Dichterparadies” in die Geschichte eingegangen. Auch Johann Wolfgang von Goethe war mehrmals bei Reichardt zu Gast, wie auch umgekehrt Reichardt gelegentlich bei Goethe in Weimar weilte.

Ebenso wird über Musikdarbietungen in der eindrucksvollen Gartenkulisse berichtet. Demnach riefen die Töchter Reichardts, der zweimal verheiratet war (in erster Ehe mit Juliane Benda, in zweiter Ehe mit  der verwitweten Johanna Hensler, geborene Alberti), mit ihren durchweg schönen Stimmen vor den zahlreichen Gästen stets größte Bewunderung hervor, allen voran seine älteste Tochter Louise , die zu ihrer Zeit als Komponistin und Musikpädagogin große Anerkennung erfahren hat.

Mit Unterbrechung durch weitere, z. T ausgedehnte Reisen lebte Johann Friedrich Reichardt fortan auf seinem Giebichensteiner Gut, ab 1811 mit einem Ruhegehalt von 800 Talern. Künstlerische Kontakte unterhielt er zu Carl Loewe, der ihn als seinen Lehrer verehrte, und auch zu Daniel Gottlob Türk und Johann Friedrich Naue. Reichardt starb in Giebichenstein am 27.06.1814 infolge eines schweren Magenleidens.

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Goethebank in Reichardts Garten © Susanne Maas

Musikhistorische Bedeutung

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Brief von Johann Friedrich Reichardt an Johann Gottlob Immanuel Breitkopf(?) Ein herzlicher Dank geht an die Stiftung Händel-Haus für das zur Verfügung gestellte Material
CC BY-NC-SA 4.0, Stiftung Händel-Haus Halle

Mit der Anzahl von ca. 1500 Liedkompositionen kann die Bedeutung des Liedes im gesamtkompositorischen Schaffen Reichardts kaum deutlicher dargestellt werden. Reichardts Zuwendung zur Liedästhetik und der damit verbundenen Priorität des Wortes im Kontext der Musik ist nicht zuletzt Resultat aus den Bestrebungen der zweiten Berliner Liederschule, welche er zusammen mit Johann Abraham Peter Schulz und Carl Friedrich Zelter begründete. Deren Einfluss spiegelt sich in der Schlichtheit, Einfachheit und Eingängigkeit der vielmals für die Jugend komponierten Lieder in Strophenform wider. Dazu schreibt er 1796 in seinem Musikalischen Almanach:

„Das Lied soll der einfache und faßliche musikalische Außdruck einer bestimmten Empfindung sein, damit es auch die Teilnahme einer jeden zum natürlichen Gesange fähigen Stimme gestatte […].” (Reichardt 1796, zit. n. Ausg. 1976, S. 194)

Die Liedkompositionen Reichardts basieren auf der Lyrik bekannter zeitgenössischer Dichter wie z. B. Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, Friedrich Gottlieb Klopstock und Johann Wolfgang von Goethe, zu dem er ein vertrautes, aber vor allem in späteren Jahren dennoch nicht konfliktfreien Verhältnis pflegte. Zur Formenvielfalt dieser Kompositionen zählen Lieder, Melodien, Oden, Balladen, Romanzen und Deklamationen. Die Gedichte Goethes (z. B. Ganymed, 1774) wurden bald zum Mittelpunkt der durch Reichardt geprägten Gattung der Deklamation, einem schwer definierbaren Typus, der den Gebrauch des Redetones innerhalb der Musik zur besonderen Wortbetonung einsetzt, sich jedoch weder der Gattung des Gesangs noch des Rezitatives mit absoluter ästhetischer Eindeutigkeit zuordnen lässt. Anders als viele Werke Reichardts waren die Deklamationen nicht für die öffentliche Aufführung, sondern für den privaten Musikgebrauch komponiert.

Werke

Neben dem Lied hat sich Johann Friedrich Reichardt mit nahezu allen kompositorischen Gattungen seiner Zeit auseinandergesetzt. Dazu zählen Chorwerke (oratorische Werke, Kantaten, Psalmen und Motetten weltlichen und geistlichen Inhalts) sowie Bühnenwerke, darunter Singspiele (Claudine von Villa BellaJery und BätelyErwin und Elmire u. a.), Liederspiele, Opern (Brenno, Die GeisterinselDer Taucher u. a.), Melodramen und Schauspielmusiken.

Reichardts Instumentalmusik umfasst 7 Sinfonien, mehrere Ouvertüren, 13 Solokonzerte und Kammermusik.

Unter seinen musikpublizistischen Werken sind hervorzuheben: Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend (2 Bde., 1774/1776), Musikalisches Kunstmagazin (2 Teile, 1782/1791), Musikalischer Almanach (1796) u. a.
Auch heute noch befinden sich in Halle an der Saale Orte, die den Namen Reichardts tragen.

Der bekannteste unter ihnen ist sicherlich Reichardts Garten, inzwischen eine für die Öffentlichkeit zugängliche Parkanlage. Unweit des Parks, auf dem Hof der Kirche St. Bartholomäus, findet man das Grab Reichardts, und auch die nach ihm benannte Reichardtstraße im halleschen Mühlwegviertel erinnert noch heute an den Komponisten. Der Universitätschor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) gab sich den Namen Reichardtchor.

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Reichardts Garten heute © Susanne Maas
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Reichardt-Denkmal in Reichardts Garten © Justine Schammler

Klangbeispiele

Bunt sind schon die Wälder, Musik: Johann Friedrich Reichardt, Landesjugendchor Sachsen-Anhalt, Leitung: Wolfgang Kupke, Satz: Dietmar George

Letztes Lied des Harfenspielers (aus Goethe’s Lieder, Oden, Balladen und Romanzen von Reichardt)

Johann Friedrich Reichardt – Pieces for Flute Trio (Berlin Dreiklang Ensemble)

Bunt sind schon die Wälder (“Belcanto Braunschweig”, Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters Braunschweig)

CD-Einspielung:

Johann Friedrich Reichardt: Gelebte Lieder (Reinaldo Dopp, Albrecht Hartmann; diese CD enthält auch Reichardts Vertonung des Erlkönigs von Goethe aus dem Jahr 1798; Hörproben aller Lieder s. Link).

Mehrere Notenbeispiele verschiedener Vertonungen des Erlkönigs, darunter auch die von Johann Friedrich Reichardt und Carl Loewe, finden sich hier zum Download (Petrucci Music Library).

Literatur

Hartmut Grimm/Hans-Günther Ottenberg, Art. „Reichardt, Johann Friedrich“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 13, Kassel u. a. 2005, Sp. 1471–1488.

Johann Friedrich Reichardt, „Musikalischer Almanach, Berlin 1796“, in: Briefe, die Musik betreffend: Berichte, Rezensionen, Essays, hrsg. von Grita Herre und Walther Siegmund-Schultze, Nachw. von Walther Siegmund-Schultze, Leipzig 1976, S. 194.

Riemann Musiklexikon, Aktualisierte Neuauflage in fünf Bänden, hrsg. von Wolfgang Ruf in Verbindung mit Annette von Dyck-Hemming, 13. Aufl., Mainz 2012, Bd. 4, Art. Reichardt, Johann Friedrich, S. 288–290.

Walter Salmen, „Gesungen, Rezitiert, Deklariert. Die Deklamationen von Johann Friedrich Reichardt“, in: Johann Friedrich Reichardt (1752-1814). Zwischen Anpassung und Provokation, hrsg. vom Händel-Haus Halle, vom Institut für Musikwissenschaft und vom Germanistischen Institut der Universität Halle durch Manfred Beetz u. a., Halle an der Saale 2003, S. 407–418.

Links

Brief von Johann Friedrich Reichardt an Johann Gottlob Immanuel Breitkopf(?) („Museum digital” des Händel-Hauses, mit Transkription)

Reichardts Garten („Halle im Bild”)

Reichardts Garten („Halle entdecken”)

Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt

Bürger. Stiftung. Halle – Bildung im Vorübergehen (Projekt zur Vergabe von spendenbasierten Patenschaften für Zusatzschilder an halleschen Straßen: Beitrag zu Johann Friedrich Reichardt)

Lieder Archiv: Bunt sind schon die Wälder (Hier finden sich neben dem Notentext noch weitere Informationen zum Lied, das von 1799 und damit aus Reichardts Zeit in Halle stammt.)


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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.