Wie gelingt der Spagat zwischen historischer Authentizität und innovativem Esprit im klassischen Konzert? Inwieweit lässt sich diese Authentizität überhaupt herstellen? Wie beeinflussen historische Instrumente und Aufführungsorte ein Konzerterlebnis? Und welche Fähigkeiten brauchen Musiker:innen heute neben exzellenten Fähigkeiten am Instrument, um im Musikbetrieb bestehen zu können? Das sind Fragen, die Akteur:innen der klassischen Musiklandschaft nicht nur in Sachsen-Anhalt umtreiben und die keine Masterclass so einfach beantworten kann. Auch die Köthener BACH Akademie erhebt keinen Anspruch auf einfache Antworten. Stattdessen versteht sie sich als „Forum für zeitgemäße Konzertkultur“, in dessen Rahmen ein Austausch um diese und weitere Fragen stattfindet. Natürlich liegt der Fokus auf Alter Musik, insbesondere der Johann Sebastian Bachs, doch nie ohne die Bereitschaft, einen Blick über den musikalischen Tellerrand zu werfen.
Zum zweiten Mal bietet die Akademie unter der Leitung von Folkert Uhde dieses Jahr ein breites Kursangebot an. Es richtet sich primär an Studierende und Musiker:innen, ist aber auch für Personen aus angrenzenden Bereichen und interessierte Laien geöffnet. Gemeinsam mit der Dramaturgin und Konzertentwicklerin Ilka Seifert bietet Uhde drei Kurse zur Entwicklung innovativer Konzertformate an. Die Auswahl und Gestaltung besonderer Konzertorte werden dabei ebenso thematisiert wie der Einsatz von Lichttechnik und die Programmgestaltung. In weiteren Kursen befassen sich Musiker:innen wie Midori Seiler, die künstlerische Leiterin des zamus: early music festival und des Köthener BachCollektivs , und das Ensemble Capella de la Torre künstlerisch und pädagogisch mit historischen Quellen Alter Musik.

Der Höhepunkt des Kursprogramms ist die Köthener Sommerakademie, zu der die Lehrenden für vier Tage einladen. Musiker:innen, Formatentwickler:innen, ein Instrumentenbauer und ein Instrumentenrestaurator decken dabei die verschiedenen Facetten historisch informierter Aufführungspraxis ab und bringen ihre Expertisen in die Bachstadt.
Die vielen Themenfelder der Akademie machen deutlich, wie groß und breit gefächert die Erwartungen an Musiker:innen heute sind. Wer sich in einer Musiklandschaft, die sich schnell entwickelt und immer wieder unter Druck steht, behaupten möchte, braucht eine breite Palette an Kompetenzen. Neben der musikalischen Arbeit selbst werden planerisches und innovatives Denken und kollektive und spartenübergreifende Ansätze immer wichtiger.
Lokal verankert in Geschichte und Gegenwart
Wer sich mit solchen Herausforderungen konfrontiert sieht, tut nicht schlecht daran, sich an Vorbildern zu orientieren, denen es bereits erfolgreich gelang, aus einem musikalischen Erbe heraus Innovationen zu entwickeln. Da bietet sich Johann Sebastian Bach natürlich bestens an.
Rückblickend erscheint es beinahe schicksalhaft, dass Bach ausgerechnet zu der Zeit nach Köthen kam, als Friedrich Wilhelm I., der nicht ohne Grund als Soldatenkönig bekannt wurde, die Berliner Hofkapelle auflöste. Das damals sehr beschauliche Köthen verdankte diesem Umstand eine Hofkapelle von bemerkenswerter Qualität, die Bachs Musik aufführte. Es ist diese Hofkapelle, die Midori Seiler heute in ihrer Vita als Vorbild des Köthener BachCollektives anführt.
Zahlreiche Orte in Köthen vermitteln noch heute einen Charme, der erahnen lässt, in welcher Umgebung sich Bach hier einst bewegte. So befindet sich im historischen Schloss die Neue Musicalien-Kammer, eine beeindruckende Sammlung historischer Tasteninstrumente von Georg Ott, der auch an der BACH Akademie lehrt. Die Kirche St. Agnus, in der Bach die Messe besuchte und das historische Prinzenhaus gleich gegenüber gehören ebenfalls dazu. Nicht ganz so alt, aber genauso eindrucksvoll ist der Hauptveranstaltungsort der Akademie, das Dürerbundhaus. Unweit des Schlosses konnte hier ein neuer Kulturort in historischem Ambiente etabliert werden.
Die Bevölkerung Köthens pflegt Bachs Erbe, gleich zwei Festivals ehren ihn und da beide alle zwei Jahre stattfinden und sich abwechseln, gibt es also kein Jahr ohne die Feier des berühmtesten Sohns der Stadt. In ungeraden Jahren lädt der Freundes- und Förderkreis Bach-Gedenkstätte im Schloss Köthen (Anhalt) e.V. zum Köthener Herbst und in geraden Jahren finden die Köthener Bachfesttage statt, die wie die Köthener BACH Akademie von der Köthener BachGesellschaft veranstaltet werden. 2026 fällt die die Köthener BACH Akademie erstmals in dasselbe Jahr wie die Bachfesttage, wovon die Akademie in erheblichem Maß profitiert: Die Sommerakademie und ein Kurs für Aufführungspraxis fallen mitsamt ihren Abschlusskonzerten unmittelbar vor und direkt in die Festspielzeit. Es können Verbindungen von den Kursen in die Konzerträume entstehen, Theorie kann praktisch erprobt und Praxis theoretisch reflektiert werden.
Dieses Neben- und Miteinander im noch heute beschaulichen Köthen, das zu Akademie- und Festspielzeiten Anziehungspunkt für Fans Alter Musik und neuer Konzertformate ist, bietet ein einmaliges Setting. Es verfügt einerseits über ein dichtes historisches Erbe und andererseits über viele Freiräume für Experimente abseits ausgetretener Pfade. Mit der Köthener BACH Akademie setzt sich die Köthener BachGesellschaft einmal mehr dafür ein, ihre Stadt als Ort zu gestalten, der Inspiration aus seiner Geschichte schöpft und mit Neugier und Offenheit in die Zukunft blickt.
Alle Informationen zur Köthener BACH Akademie sind hier zu finden.


