„Neue Musik funktioniert dann, wenn sie nicht langweilig im Konzertsaal abgefackelt wird.“

Generalintendant Johannes Weigand, Foto: Thomas Ruttke

Johannes Weigand ist der Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau. Er wuchs mit Neuer Musik auf und präsentiert sie heute erfolgreich auf der Raumbühne des Bauhaus Museums. Jonathan Hohmann vom Netzwerkbüro Musikland Sachsen-Anhalt sprach mit ihm über die Kulturstadt Dessau, Neue Musik an spannenden Orten und die herausfordernde Suche nach 100 Querflöten.

New York, Dessau

Partitur des Stückes
„per 4 flauti solisti e 100 flauti migranti“: Die Partitur von Il cerchio tagliato dei suoni, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Wer kennt es nicht? Man braucht ganz dringend 100 Querflöten – und 100 Menschen, die sie spielen. Das Anhaltische Theater Dessau sieht sich aktuell mit genau dieser Herausforderung konfrontiert. Sind die 100 Flötist:innen gefunden, sollen sie im Bauhaus Museum als ununterbrochener, klangerzeugender Strom durch die Publikumsreihen schreiten. Il cerchio tagliato dei suoni heißt das Stück von Salvatore Sciarrino, das diese spezielle Besetzung vorsieht. Übersetzt bedeutet der Titel Der geteilte Klangkreis oder, wie Weigand vorschlägt, Der vom Klang geteilte Kreis. Das Publikum sitzt dabei im namensgebenden Kreis, der von 100 Flötist:innen durchschritten und so geteilt wird, während vier weitere Flöten um den Kreis verteilt positioniert sind. Flauti migranti, migrierende Flöten, nennt der Komponist diese 100 Musiker:innen, die man sich wie einen Vogelschwarm vorstellen darf.  Diese Architektur wird von der Partitur festgelegt. Das Stück ist somit prädestiniert dafür, an besonderen Orten gezeigt zu werden. In der Vergangenheit wurde es bereits in der legendären Rotunde des New Yorker Guggenheim Museums und in der Bibliothek des australischen High Courts in Canberra aufgeführt; eine Reihe, in die Dessau sich gerade im Jahr seines 100. Bauhausjubiläums gerne einreiht. 100 Jahre, 100 Flöten. Das passt.

Das Konzert gehört zur Reihe „Raum für Klang“, einer Kooperation des Theaters mit dem Festival KlangART Vision, die Neue Musik auf die Raumbühne des Bauhaus Museums bringt. Besonders an der Bühne ist, dass sie im Gegensatz zu klassischen Theaterbühnen keine eindeutige Trennung von Publikum und Musiker:innen oder gar einen Orchestergraben vorsieht. Die spezielle Architektur und ausgewählte Programme Neuer Musik von Minimal Music bis zu zeitgenössischen Werken für Akkordeon und Stimme zeichnen die Reihe aus. „Neue Musik funktioniert eben immer dann, wenn sich was damit verbindet“, betont Johannes Weigand. Gerade in der Kombination eines spannenden Raumes und neuer Klänge sieht er die Formel für den Erfolg der Reihe. Die vermeintliche Sperrigkeit, die ihr gerne mal zugeschrieben wird, spielt in neuen Settings kaum eine Rolle. Obwohl der Auftakt der Reihe unglücklich mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie zusammenfiel und viele Termine ausfallen mussten, konnte sie sich erfolgreich etablieren. Beim letzten Konzert musste man sogar Besucher:innen abweisen.

Auch der Plan, Il cerchio aufzuführen, wurde schon vor Jahren gefasst. An mehr als 100 fröhlich pustende Flötist:innen in einem Raum war während der Pandemie allerdings nicht zu denken. Jetzt aber ist es möglich und so wurde begonnen, über diverse Netzwerke in ganz Sachsen-Anhalt und teilweise auch darüber hinaus Querflötist:innen zu erreichen. Da nur die vier um den Kreis verteilten Flöten mit Profimusiker:innen besetzt werden müssen, sind insbesondere Flötenschüler:innen eingeladen, am Konzert mitzuwirken. Die Partitur sieht für den Schwarm der 100 simple Blaslaute auf dem Mundstück vor, die mit Hilfe von Videotutorials geübt werden können, die extra für diese Produktion erstellt werden. Am Tag des Konzertes findet eine gemeinsame Probe statt, die gleichzeitig die Generalprobe ist. Das Theater freut sich über interessierte Flötist:innen aus Sachsen-Anhalt oder den umliegenden Bundesländern. Anmeldungen sind fortlaufend möglich. Wenn es am Ende mehr als 100 werden, sei auch das kein Problem, sagt Johannes Weigand.

Keine Schnörkel, aber ein großes Erbe

Neben dem Bauhaus als für moderne und zeitgenössische Musik bestens geeignete Kulisse strotzt Dessau auch sonst nur so vor Kulturgeschichte. Das Anhaltische Theater bezieht sich gerne auf sie. Da ist zum Beispiel der berühmte Sohn der Stadt, Kurt Weill, der in Berlin und New York Musikgeschichte schrieb und das Musiktheater prägte, wie nur wenige andere im 20. Jahrhundert. Sein Geburtstag am 2. März wird beim Kurt Weill Fest Dessau gefeiert, einem langjährigen Kooperationspartner des Anhaltischen Theaters. Hier findet nicht nur traditionell das Eröffnungskonzert mit dem schon legendären Empfang im Anschluss statt, das Theater beteiligt sich auch jedes Jahr mindestens mit einem Sinfoniekonzert und einer Opernpremiere am Programm des Kurt Weill Fests. Dieses Jahr wird Alban Bergs Wozzeck aufgeführt.

Kurt Weill ist nur ein Name in der langen jüdischen Geschichte Dessaus. Ein anderer ist Julie von Cohn-Oppenheim. Eine aktuelle Produktion, die im November 2024 uraufgeführt wurde, erzählt ihre Geschichte. Auch wenn ihr Name weniger bekannt ist als der von Kurt Weill, hinterließ sie als Mäzenin zahlreiche Spuren in Dessau. Ihre Spenden ermöglichten diverse soziale Bauten und den Bau der Dessauer Synagoge, die von den Nazis niedergebrannt wurde. Andere Gebäude überlebten das Dritte Reich. Aus einer Villa, die sie einst der Stadt vererbt hat, sind zwei große Gemälde in das Foyer des Theaters gelangt, wo eine Ausstellung zum Stück gezeigt wird. Und einen dritten Namen hebt Weigand hervor: Auch der große Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy hat Wurzeln in Dessau. Sein Großvater Moses Mendelssohn, eine wichtige Figur in der jüdischen Aufklärung, wuchs in Dessau auf. Auch Mendelssohn Bartholdy steht heute regelmäßig auf dem Konzertprogramm der Anhaltischen Philharmonie.

Und dann gibt es da noch das Gartenreich Dessau-Wörlitz, das als weiteres Aushängeschild Dessaus im Rahmen des Gartenreichsommers ebenfalls zur Bühne für Philharmonie und Schauspiel wird. Der Klassizismus des Gartenreichs und der Stil des Bauhaus folgten auf Rokoko und Historismus, also zwei opulente Stilrichtungen, von denen sie sich durch eine Formensprache abgrenzten. Diese Gemeinsamkeit fasst Weigand mit einem Wort zusammen, das Dessau für ihn beschreibt: schnörkellos.

Auf die Frage, welche Rolle das Anhaltische Theater heute für Dessau spielt, hat Weigand eine klare Antwort: Es ist die gute Stube mitten in der Stadt. Das Haus sei offen für Gäste aus der Stadtgesellschaft, wie Vereine oder Gesellschaften, aber auch für Gastkünstler:innen, die das Programm um Jazz, Kabarett, Lesungen und mehr erweitern. All das bringe viele Menschen ins Haus. 2019 äußerte sich das in einem Rekord von etwa 180.000 Besucher:innen. Dessau zählt 80.000 Einwohner:innen.

„Wir haben gelernt, aus begrenzten Ressourcen möglichst viel zu machen.“

„Es gibt keine Pläne für Jubiläumsfeiern“, sagt Johannes Weigand. Einen Grund gäbe es dabei schon, denn es ist seine zehnte Spielzeit als Intendant in Dessau. Es fallen ihm aber einige Erfolge aus den vergangenen Jahren ein, an die er gerne denkt. Da waren zum Beispiel besonders aufwändige Produktionen wie Goethes Faust, der spartenübergreifend mit Ballett und Puppentheater aufgeführt wurde, oder Violett, eine Bühnenkomposition von Wassily Kandinsky. Auch der wirkte übrigens in Dessau und lebte in einer Wohngemeinschaft mit einem gewissen Paul Klee, dessen Sohn wiederum Regieassistent am Anhaltischen Theater war – an kulturhistorischen Querverweisen fehlt es dieser Stadt definitiv nicht. Neben den besonderen Produktionen gibt es noch einen Erfolg, auf den Weigand besonders stolz ist. Als er die Stelle antrat, befand sich das Haus in einem massiven Stellenabbau, der durch Kürzungen der Landesmittel herbeigeführt worden war. Sogar auf der berüchtigten Roten Liste Kultur hatte das Theater damals gestanden. Inzwischen habe man gelernt, mit den eingeschränkten Ressourcen zu wirtschaften und es gelang, den Stellenabbau zu verhindern. Mittlerweile bildet das Theater auch wieder in verschiedenen Bühnenberufen aus und freut sich über zahlreiche gute Bewerber:innen. Auch die Coronapandemie hat man überstanden. Nur ein paar Querflöten, darüber würde man sich jetzt noch freuen.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.