Wenn ein Festival endet

Der südkoreanische Geo-je Children’s Choir trat 2017 beim Festival in Halle auf, Foto: Anne Hornemann

1979 begann in Halle eine Geschichte, die nun endet: Das Internationale Kinderchorfestival Halle (Saale) wird nicht fortgeführt. Vier Jahrzehnte lang brachte es Kinder- und Jugendchöre aus aller Welt nach Halle; zuletzt fand die 40. Ausgabe vom 15. bis 18. Mai 2025 statt.

Projekt am Limit

Der Grund für das Aus ist nicht ein einzelnes Problem. Es sind nicht nur fehlende Gastfamilien, es sind nicht nur strengere Kinderschutzauflagen, es ist nicht nur fehlendes Geld. Sondern alles zusammen – und vor allem: zu wenig Personal für zu viel Festival.

Marie-Therese Mehler, Musikdirektorin der Kindersingakademie der Stadt Halle, hat die letzten vier Ausgaben als Intendantin organisiert. Im Gespräch mit Anett Krause beschreibt sie ein Festival, das künstlerisch leuchtete, organisatorisch aber immer wieder die personellen Ressourcen an ihre Belastungsgrenze führte.

Dabei war das Festival nie klein gedacht. Bis zu sieben internationale Chöre waren bei jedem Kinderchorfestival in Halle zu Gast in den vergangenen Jahren. 2025 waren unter anderem Ensembles aus Südkorea, den Niederlanden, Venezuela und Tschechien beteiligt, dazu regionale Kinder- und Jugendchöre. Rund 500 Kinder standen stets gemeinsam auf der Bühne beim traditionellen Open Air Konzert auf dem Marktplatz. Es gab Freundschaftskonzerte, Workshops, Begegnungen, Verpflegung, Unterkünfte, Betreuung. Ein nahezu „All-inclusive“-Festival, wie die Intendantin es nennt. Schön für die Teilnehmenden. Schwer zu stemmen für den Träger.

Seit 2008 lag die Verantwortung für das Festival bei der Kindersingakademie der Stadt Halle in Trägerschaft der Halleschen Jugendwerkstatt. Was früher jährlich stattfand, wurde seit 2015 nur noch alle zwei Jahre ausgerichtet. Schon das war ein Zeichen: Die Ressourcen wurden knapper. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. Gastfamilien, einst selbstverständlich bei Chorreisen und Austauschprojekten, sind heute schwer zu finden. Manche Familien zögern. Manche Jugendliche wollen selbst keine Gäste aufnehmen. Und auch viele reisende Chöre möchten nicht mehr selbstverständlich privat untergebracht werden. Schwerer noch wiegen die strukturellen Fragen. Wer beantragt Fördermittel? Wer rechnet sie ab? Wer wirbt Chöre an? Wer organisiert Spielstätten, Technik, Essen, Unterkünfte, Gastfamilien, Pressearbeit, Ablaufpläne, Begleitpersonen? Wer springt ein, wenn etwas schiefgeht? Wenn es keine feste Stelle, kein eingespieltes Team und keine stabile Finanzierung gibt, wird ein Festival dieser Größe zur Zumutung.

Mehr als ein Festival weniger

Das Festival war eines der ältesten seiner Art in Deutschland. Es brachte Kinder in Kontakt mit Singtraditionen, Sprachen und Klangwelten, die im Alltag kaum vorkommen. Ob die stimmgewaltige Klangharmonik aus Georgien, die faszinierende südkoreanische Singtechnik oder die beeindruckende Ausstrahlungskraft eines Kinderchores aus Venezuela: Für junge Sängerinnen und Sänger erweitern solche Begegnungen den Horizont. Und gerade für die Kindersingakademie der Stadt Halle war dieses Festival mehr als ein künstlerisches Ereignis. Die Musikschule arbeitet in der Silberhöhe und damit in einem Stadtteil, in dem kulturelle Bildung keine Selbstverständlichkeit ist. Viele Kinder dort haben nur wenige Möglichkeiten, andere Länder, andere Lebensweisen oder auch nur andere musikalische Traditionen kennenzulernen. Für viele von ihnen war das Festival eine der wenigen Gelegenheiten für direkten Austausch. Hier trafen sie auf Gleichaltrige aus anderen Regionen und Ländern. Sie probten zusammen, standen gemeinsam auf der Bühne, hörten einander zu. Das ist eine Erfahrung, die sich weder durch Unterricht noch durch digitale Formate ersetzen lässt.

Wenn dieses Angebot wegfällt, betrifft das nicht alle gleichermaßen. Kinder aus Familien mit mehr Ressourcen können auf andere Wege ausweichen: Reisen, Austauschprogramme, private Initiativen. Für viele andere gilt das nicht.

Gerade deshalb bleibt die Frage: Muss dieses Ende endgültig sein?

In der bisherigen Form wird es das Festival nicht mehr geben können. Der Aufwand ist zu groß, Personal und Mittel reichen nicht aus. Ein neuer Anlauf wäre nur denkbar, wenn das Konzept radikal neu gedacht wird: Kleiner. Weniger „All-inclusive“. Und Verantwortung verteilt auf mehrere Schultern. Ein Projekt dieser Größenordnung braucht ein verlässliches Team.

Die Kindersingakademie der Stadt Halle hat entschieden, sich aus der Trägerschaft zurückzuziehen. Man bleibe aber ansprechbar und sei jederzeit bereit, Erfahrungen weiterzugeben und neue Akteur:innen einzuarbeiten. Entscheidend aber bleibt: Es darf nicht wieder an einer einzelnen Einrichtung hängen. Naheliegend wäre ein Zusammenschluss mehrerer Partner:innen, etwa der Chorverband oder Musikschulen, kulturelle Einrichtungen, das Kulturmanagement der Stadt Halle oder Akteur:innen der kulturellen Bildung. Auch eine stärkere Einbindung regionaler Chöre könnte helfen, ebenso Modelle, die über mehrere Jahre angelegt sind und damit mehr Planungssicherheit schaffen.

Ideen gibt es viele, was fehlt, ist eine Konstellation, die Verantwortung übernimmt und sie umsetzt. Und so sieht es aktuell danach aus, dass die Stadt Halle ein internationales Musikformat verliert, das gut zu ihrem Anspruch als Musikstadt gepasst hatte und über viele Jahre sichtbar war. Das Land Sachsen-Anhalt verliert eines der wenigen Foren für internationalen Austausch im Bereich der Kinder- und Jugendchöre. Und die Chorlandschaft verliert einmal mehr einen Ort, an dem es um gemeinsames Singen und um die Erfahrung ging, dass Musik über Grenzen hinweg verbindet.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.