„Hier kann man hören, wie Inklusion klappt.“ Die Band AnTon im Portrait

In einem Industriegebiet am Rand von Bernburg probt eine Band, deren Geschichte in Sachsen-Anhalt einzigartig ist. Denn die Band AnTon ist eine inklusive Rockband, die seit mehr als 15 Jahren existiert, probt und auftritt. Das Musikland besuchte die Musiker:innen bei der Probe.

Der Proberaum kann sich sehen lassen. Geräumig, hell, mit breiter Fensterfront und direktem Zugang zu einer Terrasse, hat er wenig mit den schummrigen Kellerräumen gemein, in denen Bands sich sonst oft tummeln. Es herrscht ein allgemeines Kommen und Gehen. Nebenan befinden sich Werkstätten der Lebenshilfe Bernburg und immer wieder stecken Kolleg:innen kurz den Kopf rein, hören zu und grüßen. Man kennt sich. Und AnTon ist hier ohnehin eine Institution.

„Bei 150 Songs haben wir aufgehört, zu zählen“

Über die Jahre hat die Band ein beträchtliches Repertoire erarbeitet und so manche Genregrenze überschritten. Mehr als 150 Songs haben sie einstudiert. Die Mitglieder teilen ein Faible für „gradlinigen Rock“, wie Gitarrist Mario es nennt. Ein paar Ostrockklassiker haben sie auch im Programm und eine der früheren Sängerinnen, die wegen familiärer Verpflichtungen aussteigen musste, sang mit Vorliebe Songs von Rosenstolz. Welche Songs es letztlich in die Setlist schaffen, wird gemeinschaftlich bei den Proben vor dem jeweiligen Konzert entschieden.

Neben Classic-, Ost- und Deutschrock gibt es aber noch ein Genre, das es AnTon besonders angetan hat: Progrock, das Rock-Subgenre, das besonders für Komplexität, epische Arrangements und ausladende Songstrukturen steht. Für ein Konzert im Rahmen des Vogtländer Artrock Festivals erarbeiteten sie gemeinsam mit der italienischen Musikerin Marcella Arganese eine Coverversion von April, einem Song der Kultband Deep Purple. Der Song hat im Original eine Länge von 12 Minuten und wird wegen seines orchestralen Zwischenspiels kaum live aufgeführt. Die Version von AnTon macht das zu einer echten Besonderheit. Neben Stücken von Marillion und Pink Floyd ist April keineswegs der einzige Song von AnTon, der die drei Minuten und Akkorde bei weitem überschreitet. Nächstes Jahr wollen AnTon wieder beim Artrock Festival auftreten.

Alles begann mit einem Schlagzeug

Teile der Urbesetzung machten bereits gemeinsam im Chor der Lebenshilfe Musik, als Schlagzeuger Martin dazustieß. Er habe ein Drumset zuhause, sagte er damals und dass man ja auch mal etwas Lauteres ausprobieren könnte. Gesagt, getan. Die ersten Proben fanden dann auch noch bei Martin zuhause statt. Der erste Song, den sie spielten, war noch nicht so rockig wie ihr heutiges Repertoire: Jugendliebe von Ute Freudenberg. Nach und nach wuchs die Band an. Mittlerweile sind die Musiker:innen zu siebt.

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Die Band AnTon: Marko, Daniel, David, Doreen, Mario, Martin (von links nach rechts), © Jonathan Hohmann

Wie viele Bands haben auch AnTon mit David einen Gitarristen am Bass, der im Sinne der Band das Instrument wechselte und jetzt fünf statt sechs Saiten zupft. Martin hat an den Drums Unterstützung von Marko bekommen, der ein zweites Schlagzeug spielt. Zur Urbesetzung gehörte auch schon Chris an den Keys. Die Leadgitarre spielt Daniel, der sich das Gitarrenspiel mit Hilfe von Youtube-Tutorials und Tabs aus dem Internet selbst beibrachte. Doreen singt. Sie sang früher schon im Chor der Lebenshilfe, bekam dann aber Lust, in die Band zu wechseln. Dass sie Mutter wurde, verzögerte diesen Plan zwar etwas, konnte sie aber nicht aufhalten. Alle Bandmitglieder arbeiten in den Werkstätten der Lebenshilfe und die meisten haben daneben noch weitere Jobs. Martin zum Beispiel ist im Sommer als Bademeister tätig. Neben den Musiker:innen gibt es noch weitere Menschen, die fest zu AnTon gehören. Christian zum Beispiel, der sich um Sound und Licht kümmert. Falls nötig, verfügen AnTon nämlich auch über alle nötige Ton-, Licht- und Veranstaltungstechnik, um eine eigene Konzertinfrastruktur zu stellen. Einen Anton gab es übrigens auch mal. Er leistete seinen Zivildienst bei der Lebenshilfe und begleitete die Band in ihrer Anfangszeit.

Der Mann hinter AnTon

Und dann ist da noch Mario, der Bandleader und Rhythmusgitarrist, ohne den es AnTon nicht gäbe. Als Kind erhielt Mario Gitarrenunterricht. Wie bei vielen Jugendlichen wurde der Sport irgendwann interessanter als das Vor-Sich-Hin-Spielen auf der klassischen Gitarre. Nach der sechsjährigen Musikschulausbildung spielte er zwar sicher vom Blatt, richtige Songs aber konnte er nicht spielen und so wurde die Gitarre erstmal beiseitegelegt.

Als 2003 dann sein Arbeitgeber, die Lebenshilfe, anfragte, ob er einen Chor leiten wolle, hatte er einen Grund, die Gitarre wieder auszupacken. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits fast zehn Jahre bei der Lebenshilfe angestellt. Den Chor und ab 2008 dann auch die Band leitete er nebenher, während er weiterhin auch in den Werkstätten arbeitete. 2014 war dann der Punkt erreicht, an dem dieses Engagement so viel Raum einnahm, dass eine Veränderung nötig wurde. Mario gab eine Leitungsposition ab und übernahm stattdessen die leitende Betreuung einer Werkstattgruppe, um mehr Kapazitäten für AnTon zu haben. „Nicht jeder Weg ist gradlinig“, sagt Mario. AnTon spielten mittlerweile 12 bis 16 Konzerte im Jahr. Dazu kamen die Proben, die Organisation und die Anreise mit so einer großen Gruppe – alle Hände voll zu tun also, zusätzlich zur Arbeit und einem Privatleben als Familienvater.

AnTon spielen auf Stadt-, Volks- oder Weinfesten, auf Festivals oder den Sommerfesten anderer inklusiver Einrichtungen. In Sachsen-Anhalt, so die Bandmitglieder, gäbe es keine Werkstatt, auf deren Fest AnTon nicht schon aufgetreten wären. Auch Weihnachtskonzerte mit besonderem Programm haben sie schon gegeben. Inzwischen hat sich die jährliche Zahl der Konzerte reduziert. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie bedeuteten eine Zäsur für AnTon. An Konzerte war lange nicht zu denken und auch das sonstige Bandleben litt stark unter der immensen Belastung, die die Maßnahmen für die Arbeit in den Häusern der Lebenshilfe bedeutete. Ganz erholt habe die Band sich davon noch immer nicht, sagt Mario.

Was kommt nach der „Rock-Rente“?

Heute ist Mario primär für die Proben mit AnTon im Werkstattgebäude der Lebenshilfe. Ansonsten arbeitet er in den Heimen oder in der ambulanten Pflege und Versorgung. Für seine letzten Jahre im Job habe er sich dazu bereit erklärt, sagt er. Der Mangel an Fachkräften mache sich hier besonders bemerkbar. Nächstes Jahr wird er in Rente gehen, „Rock-Rente“, scherzt Martin. Für AnTon will Mario aber eine Ausnahme machen. Sie wollen weitermachen. Vielleicht kommen ja auch noch neue Menschen dazu. Es gäbe durchaus Musiker:innen, die in Frage kämen. Auch Konzerte stehen weiterhin an und für das Artrock Festival gibt es auch bereits erste besondere Programmideen, erzählt Mario uns nachträglich am Telefon. Man darf also gespannt bleiben, was kommt.

Auch Gedanken zur Inklusion kamen im Interview zur Sprache. Die ganze Welt spreche von ihr, so Mario. So richtig klappen würde sie trotzdem nicht. AnTon aber zeichne aus, dass man in ihrer Musik hören könne, wie Inklusion gelingt. Darauf sei er stolz.

AnTon freuen sich über Konzertanfragen. Infos und Kontaktdaten zu AnTon finden Sie auf der Website der Lebenshilfe Bernburg.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.