Kirchweihkantaten in Ostrau – Johann Justus Kahle

Die Patronatskirche in Ostrau © Georg Maas

Allgemeines

Im Jahr 1704 am Sonntag Exaudi (Sonntag nach Himmelfahrt) wurde in Ostrau die neu gebaute Schlosskirche (Patronatskirche) eingeweiht. Zuvor hatte an gleicher Stelle die kleine Kirche St. Georg gestanden. Der junge Baron Otto Ludwig von Veltheim hatte 1696 die Regentschaft von seinem Vater übernommen und zwei Jahre später mit dem Bau der neuen Kirche im barocken Stil begonnen. Mit der Kirchweihe am 4. Mai des Jahres 1704 wurde die Kirche in den Dienst Gottes und der Gläubigen gestellt. Nun konnten in ihr Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen stattfinden. Die Weihe wurde mit einem großen Gottesdienst gefeiert. Dabei wurde auch die neue Orgel in der Ostrauer Patronatskirche geweiht. In der Chronik wird berichtet:

„Anno 1704 den Sonntag vor Pfingsten, Dom.[inica] Exaudi ist die neue Kirche und Orgel, welche das erstemahl zum Gottesdienst mit Vocal und Instrumental Music gebraucht, eingeweihet worden.“ (Zitat aus der Chronik der Bauaktivitäten, zit. nach Dremel 2014, S. 148)

Zur Weihe von Kirche und Orgel erklangen zwei Kantaten aus der Feder Johann Justus Kahles. Der Komponist lebte von 1668 bis 1740 und wirkte viele Jahre als Organist an der St.-Stephani-Kirche in Helmstedt. Vermutlich hatten sich dort Otto Ludwig von Veltheim, der in Helmstedt studierte, und Johann Justus Kahle auch kennengelernt. Damit ließe sich erklären, warum ausgerechnet Kahle den Auftrag für die Komposition der Musik zur Einweihung der Kirche erhielt. Es ist anzunehmen, dass die Aufführung der Kantaten vom Komponisten persönlich geleitet wurde. Zur Aufführung kamen schließlich Wie lieblich sind deine Wohnungen zur Kirchweihe und Jauchzet dem Herrn, alle Welt zur Orgelweihe. Von Kahle sind außerdem noch zwei weitere Kantaten erhalten. Diese insgesamt vier Kantaten, die im Jahr 2003 wiedergefunden wurden, sind die einzigen Musikstücke Kahles, die heute bekannt sind. Sie wurden vom Pfefferkorn Musikverlag Leipzig (jetzt bei Breitkopf  & Härtel) verlegt und im Mai 2010 in der Ostrauer Kirche eingespielt. In exemplarischer Weise geben sie Auskunft über das kirchenmusikalische Schaffen im frühen 18. Jahrhundert abseits der großen Städte sowie über den Transfer von Musikalien in jener Zeit.

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Schloss Ostrau im März 2021 © Georg Maas
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Die berühmten Winterlinge im Ostrauer Schlosspark © Susanne Maas

Klangbeispiel

CD-Einspielung:

Zions Trost. Johann Justus Kahle – Kirchweihmusik

Die gesamte Einspielung ist, in Einzelvideos aufgeteilt, auf Youtube hier anzuhören.

Quellen

Erik Dremel, „Johann Justus Kahle – ein Komponist von Kirchenkantaten. Dokumente des Lebens und Schaffens eines mitteldeutschen Kirchenmusikers um 1700“, in: Das Erbe der Veltheims. Schloss, Park und Kirche Ostrau, hrsg. von John Palatini, Georg Rosentreter, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, S.137–219.

Erik Dremel (Hrsg.), Kahle, Johann Justus. Jauchzet dem Herren alle Welt. Kantate nach Psalm 100, Pfefferkorn Musikverlag, Leipzig 2013.

Erik Dremel (Hrsg.), Kahle, Johann Justus. Wie lieblich sind deine Wohnungen. Kantate nach Psalm 84, Pfefferkorn Musikverlag, Leipzig 2013.

Georg Rosentreter, Kirchweihe 1704https://web.archive.org/web/20140105075402/http://www.ostrau.de/historisches-ostrau/kirchweihe.html, abgerufen am 27.06.20.

CD: Johann Justus Kahle:  „Zions Trost“ – Kirchweihkantaten, auf Webseite https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Johann-Justus-Kahle-1668-1720-Zions-Trost-Kirchweihkantaten/hnum/1531752 [zuletzt aufgerufen am 7.7.2020].


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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.