20 Jahre Haus der Musik: Das Magdeburger Gesellschaftshaus feiert sein Jubiläum

Das Projektensemble unter der Leitung von Ulli Götte, © Thoralf Winkler

Mit dem Gesellschaftshaus feierte am 9. Oktober eine Magdeburger Musikinstitution ihr 20. Jubiläum, die allen, die sich in der Landeshauptstadt für Kammermusik, Neue Musik oder Jazz begeistern, bestens vertraut ist. Direkt am Klosterbergegarten präsentieren Carsten Gerth, Leiter des Hauses, und sein Team jährlich etwa 100 Veranstaltungen, darunter Konzerte und Festivals und vieles mehr. Auch zur Jubiläumsfeier gab es Musik. Auf dem Programm stand aber nicht irgendein Konzert: Ein eigens zu diesem Anlass gegründetes Projektensemble spielte In C von Terry Riley, ein Schlüsselwerk der Minimal Music.

Auf der Bühne konnte man einige bekannte Gesichter aus der Magdeburger Musikszene entdecken und auch das Team des Gesellschaftshauses selbst spielte mit. Besonders macht In C, dass jede Aufführung des Stücks unterschiedlich ist. Die Partitur gibt nur einzelne Patterns vor und die Musiker:innen entscheiden selbst, wie oft sie diese wiederholen. Die Wahl des Stückes ist ein Bekenntnis: In C ist ein höchst demokratisches WerkWerk Werk ist die Zusammenfassung von Gehäuse, Pfeifen und Windlade eines selbstständigen Teils der Orgel. Jedes dieser Teilwerke wird in der Regel mit einer eigenen Tastatur gespielt., das allen Musiker:innen große Freiheiten und Gestaltungsspielräume lässt. Es traut ihnen zu, ohne Dirigat als Einheit vieler Einzelner zu spielen und einen gemeinsamen Schluss zu finden. Gesellschaftsmusik im Gesellschaftshaus. Das Publikum spendete begeisterten Beifall und zeigte sich dankbar, einem buchstäblich einzigartigen Konzert beigewohnt zu haben.

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Magdeburger Musiker:innen spielen In C, © Thoralf Winkler
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Ulli Götte (in der Mitte stehend) tritt als Ensembleleiter selbst in die zweite Reihe zurück © Thoralf Winkler

Dass sich eine Stadt ein Haus leistet, das Raum für solche Konzertformate und Musik, die man sonst selten hören kann, bietet, ist keine Selbstverständlichkeit. Am 9. Oktober wurde spürbar, wie wertvoll das ist. Und das Gesellschaftshaus bietet noch viel mehr, ist Probenort, Raum für private Festlichkeiten, musikalische Bildung und Forschung. Ein Haus der Musik.

In seiner heutigen Form ist es nun 20 Jahre alt, doch die Geschichte des Gebäudes ist viel länger. Ralph-Jürgen Reipsch, langjähriger Mitarbeiter des Telemannzentrums, das – wie sollte es anders sein – ebenfalls im Gesellschaftshaus sitzt, zeichnete diese Geschichte in einer Rede nach, die Carsten Gerth zum Jubiläum verlas. Im Folgenden können Sie das Skript der Rede von Ralph-Jürgen Reipsch lesen:

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Der Blick auf das Gesellschaftshaus vom Klosterbergegarten aus. Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Ralph-Jürgen Reipsch: Kloster Berge – Pädagogium – Klosterbergegarten – Gesellschaftshaus.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte meine einleitenden Worte zur Festveranstaltung mit einem Zitat des berühmten wie produktiven Potsdamer Gartenarchitekten Joseph Peter Lenné beginnen, der 1825 in einem Aufsatz sein Konzept für den geplanten Magdeburger Volksgarten umriss. Er beginnt mit den folgenden Worten:

„Die Stadt Magdeburg […] entbehrt zur Zeit eben so sehr eines zum Lustwandeln der Bewohner eingerichteten Platzes, als eines, zum geselligen Verein in der schönen Jahreszeit eingerichteten Ortes; eines solchen nämlich, welcher nahe genug gelegen würde, um auch demjenigen Theile der Einwohner, welcher die Zeit oder die Fuhrkosten nach entfernten Lustorten nicht aufzuwenden vermag, solche Erheiterungen zu gewähren.“

Dieser Aufsatz Lennés markiert gewissermaßen den Beginn einer neuen Epoche für das nach den napoleonischen Kriegen brachliegende Areal zwischen der alten Domstadt und dem Dorf Buckau, eines Gebietes, auf welchem sich auch das Kloster Berge befunden hatte. Die Entscheidung der Stadtväter, Lenné mit der Planung eines städtischen Volksgartens zu beauftragen, strahlt bis in die heutige Zeit hinein. Die Bezeichnung Volksgarten ist bei Lenné zugleich Programm.

Dass es ein solcher Volksgarten sein sollte, also ein für jeden Einwohner und Besucher der Stadt öffentlich zugängliches Areal, kann nicht genug hervorgehoben werden. Der Plan, den verschiedensten sozialen Schichten zu ermöglichen, die Enge der in die Festungsmauern eingezwängten, zugleich aber wieder prosperierenden Stadt, hin und wieder zu Erholungszwecken verlassen zu können, scheint von einem modernen bürgerlichen und – wenn man so will – auch sozialen Denken getragen zu sein. Dass dies auf städtische Initiative geschah, darf getrost als Ausdruck eines neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins gedeutet werden. Und es muss der erste Volksgarten Deutschlands überhaupt gewesen sein, der auf Initiative und Kosten eines Stadtmagistrats gestaltet wurde. Lenné jedenfalls gestand: „dies ist das erste Beispiel, das sich mir in meiner Künstlerlaufbahn dargeboten hat.“ (KB, S. 183)

Im Zentrum seines Volksgartens plante Lenné einen Volkssaal, in welchem sich die städtische Gesellschaft versammeln konnte. Aus dem Volksgarten, den man dann bis 1835 anlegte, wurde bereits 1826 – und zwar nach einem Besuch des Königs (Fr.W. III.) vor Ort – der Friedrich-Wilhelms-Garten; aus dem Volkssaal wurde das Gesellschaftshaus – für dessen ersten Entwurf Karl Friedrich Schinkel engagiert wurde, sozusagen der Stararchitekt Preußens. Das von Lenné begründete Konzept von Landschaftspark und Gesellschaftshaus hat sich bis heute bewährt, wenngleich es manchen Veränderungen ausgesetzt war. Unmittelbar nach Fertigstellung des Gesellschaftshauses im Jahre 1829 – das übrigens nur in reduzierter Form dem Schinkelentwurf folgte – kam das städtische Gebäude an Pächter, die einen Restaurantbetrieb begründeten, der bis zum Kriegsbeginn 1939 110 Jahre fast ununterbrochen funktioniert hat. Es ist schier unglaublich, welche Menschenmengen das mit Tischen und Stühlen gut bestückte Terrain östlich des Gebäudes in Frühling und Sommer bevölkerten, die nicht nur gastronomisch, sondern auch durch Musik- und andere Darbietungen versorgt sein wollten.

Das Aufgrund der Rayonbestimmungen und auch aus Kostengründen nicht in schinkelschen Dimensionen erbaute Gesellschaftshaus erwies sich schon bald als zu klein dimensioniert, so dass es Ende des Jahrhunderts etwas pragmatisch mit einem beträchtlichen Anbau nach Süden hin versehen wurde, der leider die klassizistische Harmonie des alten Gebäudes ganz wesentlich stört. Zahlreiche Störungen bzw. Veränderungen hatte auch der Park zu erleiden. So bereits kurz nach seiner Fertigstellung, denn ab 1838 wurde die Eisenbahnstrecke nach Halle/Leipzig durch den Park hindurchgeführt – was aber nicht etwa zu Protesten Anlass bot. Vielmehr bestaunte man – fortschrittsgläubig wie das 19. Jahrhundert war – von seinen Kaffeetischen aus das sich durchs Grün wälzende dampfende und rußende Ungeheuer als Sensation. Auch die von Lenné beschworene Verbindung zur Elbe wurde durch Gleis- und Kaianlagen sowie Umschlagplätze gekappt; erst um 2002 wurde sie wieder rekonstruiert. Auch das Areal westlich der Schönebecker Straße schrumpfte im Laufe des 19. Jahrhunderts wesentlich zusammen und wurde teilweise überbaut. Die Errichtung neuer Festungsanlagen wirkte sich ebenfalls negativ aus. Neben dem ab 1896 erweiterten Gesellschaftshaus wurden gleichzeitig die Gruson-Gewächshäuser errichtet – nach den Schenkungsbedingungen blieben auch diese stets im Besitz der Stadt.

So bildete sich am Ende des 19. Jahrhunderts gewissermaßen ein städtebaulicher Dur-Dreiklang: Park, Gesellschaftshaus und die der Stadt geschenkte botanische Sammlung des Magdeburger Industriellen Hermann Gruson.

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Die Gruson-Gewächsehäuser, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt
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Außenansicht des Gartensaals, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Ein vierter Ton gewissermaßen kam 1922 hinzu, als mit dem Sternbrückenzug zwar ein weiterer Eingriff in das Parkareal zu beklagen war, gleichzeitig aber eine wünschenswerte Verbindung zum Stadtpark auf der Rotehorn-Insel entstand. Die Möglichkeit, nun leicht ins gewissermaßen innerstädtische Grün zu gelangen, von Park zu Park über die ruhig dahinfließende Stromelbe, ist auch für uns heutige – nach Wiederrichtung der 1945 von der Wehrmacht gesprengten Sternbrücke im Jahre 2005 – ein noch immer beglückendes Moment.

Das Gesellschaftshaus erlebte eine relativ wechselhafte Geschichte, wenngleich es immer in städtischem Besitz blieb. Das Restaurant wurde nach der Umbenennung des Parks von Friedrich-Wilhelms-Garten zu Klosterbergegarten im Jahre 1921 – also unter der sozialdemokratischen Stadtregierung von Hermann Beims – nun auch nach diesem benannt. Der Pächter durfte laut Vertrag den tradierten Namen „Friedrich Wilhelm“ nun keineswegs mehr erwähnen beziehungsweise nutzen. In den beiden Weltkriegen wurde das Haus als Reservelazarett genutzt, in den 1930er Jahren waren die unteren Räume des klassizistischen Gebäudeteils an die Deutsche Dunlop Gummi Compagnie AG untervermietet. 1943 bis 1945 wurde es von der Magdeburger Schäffer & Budenberg GmbH genutzt. 1944 beschädigte eine Bombe den nördlichen Trakt des klassizistischen Baus und zerstörte die im Anbau von 1896 gelegene Pächterwohnung. Mit Kriegsende kam es zur Enteignung der letzten Pächterin Clara Vogel durch die sowjetische Besatzungsmacht, dann wurde das Gesellschaftshaus auf einige Jahre zum russischen Offizierskasino. Von 1950 und bis 1990 nutzte die DDR-Pionierorganisation das Gebäude.

Die nach sowjetischem Vorbild betriebenen Pionierhäuser waren eine in der DDR verbreitete Kinderfreizeiteinrichtung mit breitem kulturellen, pädagogischen, aber auch politisch und ideologisch intendierten Angeboten in den Bereichen Musik, Bildende Kunst, Literatur, Sport, Technik und so weiter. Auch der Park hieß von 1953 bis 1990 Pionierpark. Ende der 1970er Jahre besann man sich wieder der Bedeutung des inzwischen etwas außer Form geratenen Parks und seines Architekten Lenné; 1978 wurde er unter Denkmalschutz gestellt, 1989 stellte man anlässlich von Lennés 200. Geburtstag am straßenseitigen Parkeingang rechts seine Bronzebüste von Heinrich Apel auf, links des Eingangs eine Sandsteintafel, die auf den alten, von Lenné favorisierten Namen Volksgarten hinweist.

Erst Anfang der 1990er Jahre gelangte das Gesellschaftshaus wieder in städtischen Besitz, ab 1992 wurde ein neues Nutzungskonzept entwickelt, und erste, längst überfällige Rückbauten und Rekonstruktionsmaßnahmen wurden vorgenommen. 2002 war das klassizistische Gebäude teilweise fertiggestellt und das Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung mitsamt Bibliothek und Archiv konnte die wunderbaren Räumlichkeiten beziehen.

Im August 2003 konnte dann der nach einer historischen Zeichnung von 1855 rekonstruierte Schinkelsaal mit einem Festwochenende eröffnet werden. Weder Kassettendecke noch Kronleuchter waren zuvor noch vorhanden. In einem Konzert erklang erstmals wieder auch die hier neu aufgestellte (Adolph-)Reubke-Hausorgel aus dem Besitz des einstigen Magdeburger Domorganisten August Gottfried Ritter (1811-1885).

2005, im Jahr der 1200-Jahrfeier der Stadt Magdeburg, wurde der letzte Bauabschnitt des Gesellschaftshauses fertiggestellt und Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper weihte das geschichtsträchtige Gebäude im Oktober als „Haus der Musik“ ein. Den Rahmen bot das Regionalfestival „Magdeburgisches Concert – Festtage zur regionalen Musikgeschichte Magdeburgs“.

Und ein „Haus der Musik“ ist es natürlich auch heute noch, ein weit gefächertes musikalisches und kulturelles Angebot insbesondere im Bereich der Kammermusik und anderer kleinbesetzter Musikgenres bestimmt die Veranstaltungen in den beiden Sälen, den Salons, aber auch im Terrassen- und Parkbereich. Das Haus ist Austragungsort des Internationalen Telemann-Wettbewerbes, auch Konzerte verschiedener Festivals, etwa die Telemann-Festtage, Jazztage, SinusTon, Felicia, Literaturwochen oder KlangART Vision, finden hier statt.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich das „Haus der Musik“ zu einem kulturellen Veranstaltungsort entwickelt, der von den Magdeburger Musikfreunden und ihren Gästen, aber auch vor allem von den hier auftretenden regionalen, nationalen und internationalen Musikerinnen und Musikern sehr geschätzt wird.

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Der Eingang zum Gesellschaftshaus, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.