Über drei Jahre im Maschinenraum des Musiklands Sachsen-Anhalt

Präsentation der Filmreihe #volltemperament: 24 Klänge aus Sachsen-Anhalt in Brüssel, © Ernest Thiesmeier

von Anett Krause, Geschäftsführerin

Im Mai 2023 begann meine Arbeit für das Musikland Sachsen-Anhalt in zwei leeren Büroräumen. Gemeinsam mit meiner Kollegin Helen Hahmann haben wir uns in diesen ersten Wochen immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wie kann ein verbindendes Element entstehen, das dieses Musikland als lebendiges Netzwerk stärkt, arbeitsfähig macht und zugleich ein klares, tragfähiges Bild nach außen vermittelt?

Dass Sachsen-Anhalt ein Musikland ist, stand für mich nie infrage. Die Herausforderung lag vielmehr darin, aus der Fülle an Institutionen und Akteur:innen eine gemeinsame Erzählung zu entwickeln, die mehr ist als ein Schlagwort. Wie lässt sich Sichtbarkeit herstellen, ohne zu vereinfachen? Wie können Verbindungen entstehen, ohne Unterschiede einzuebnen? Und wie erzählt man dieses Land so, dass die Geschichte aus seiner Realität heraus wächst? Dabei ging es auch um ein Bundesland, das häufig eher über strukturelle Herausforderungen beschrieben wird als über seine kulturellen Stärken: ein Flächenland mit großen Distanzen, wenigen urbanen Zentren und wirtschaftlichen Bedingungen, die kulturelle Dynamik nicht selbstverständlich machen. Umso wichtiger erschien mir die Suche nach einem verbindenden Kern. Mit der Zeit wurden unsere Fragen grundsätzlicher: Was bedeutet Netzwerkarbeit, wenn sie kein Selbstzweck sein soll? Braucht eine gewachsene, stark klassisch geprägte Musiklandschaft überhaupt eine neue Struktur? Und wie lässt sich Gemeinsamkeit herstellen, ohne Bedeutungen zu verschieben oder einzelne Aspekte zu überhöhen?

Sachsen-Anhalt verfügt über eine außergewöhnlich vielfältige musikalische Substanz. Die barocke Tradition allein genießt internationales Ansehen: Händel in Halle, Bach in Köthen, Telemann in Magdeburg, Schütz in Weißenfels. Diese Namen wirken bis heute in die künstlerische Praxis und das Selbstverständnis hinein. Gleichzeitig reicht die Musiklandschaft weit darüber hinaus. Zwischen Mittelalter und Rock entfaltet sich ein breites Spektrum, getragen von großem Engagement vor Ort. Ehrenamtliche Initiativen ermöglichen Festivals wie das montalbâne in Freyburg oder prägen die Arbeit der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft in Wettin-Löbejün. In Weißenfels hat sich eine eigenständige Musicalkultur entwickelt. Die Auswahlorchester des Musikschulverbands und des Landesmusikrats stehen für kontinuierliche Nachwuchsförderung, Einrichtungen wie der Chorverband oder die Landesmusikakademie im Kloster Michaelstein für verlässliche Strukturen. Orte wie das Gröninger Bad in Magdeburg zeigen, wie sich seit den frühen 1990er Jahren Rock- und Popkultur auch jenseits großer Städte entwickeln lässt.

Je genauer wir hinsahen, desto klarer wurde: Die Besonderheit liegt nicht in einzelnen Leuchttürmen, sondern in der Gleichzeitigkeit – im Nebeneinander von Alte-Musik-Expertise und Clubkultur, von kirchenmusikalischer Tradition und elektronischen Festivals, von professionellen Ensembles und ehrenamtlichem Engagement. Diese Heterogenität ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern der Kern dieses Musiklands. Genau darin lag jedoch auch die Herausforderung: Wie gestaltet man Netzwerkarbeit in einem Feld, dessen Identität gerade in seiner Unterschiedlichkeit besteht? Wie arbeitet man gemeinsam in einer Szene, in der sich viele – nicht ohne Grund – nicht immer ausreichend gesehen fühlen? Und wie setzt man Impulse zur Mitwirkung, ohne Erwartungen zu wecken, die außerhalb des eigenen Handlungsspielraums liegen?

Antworten entstanden nicht am Reißbrett, sondern im Tun. Vielfalt wurde für uns zum verbindenden Prinzip – als etwas, das sichtbar gemacht und strukturell gestärkt werden muss. Netzwerk bedeutete zunächst, verlässliche Austauschmomente zu schaffen. Bereits im Juni 2023 haben wir das Forum Musikland gestartet: ein offenes, digitales Mittagsformat, in dem Entwicklungen geteilt, Projekte vorgestellt und Fragen diskutiert werden. Seitdem findet es monatlich statt – mit wechselnder Beteiligung, aber mit gleichbleibendem Anspruch: Verlässlichkeit im Austausch. Aus diesem Ansatz heraus sind inzwischen so einige Formate entstanden, die dem Bedarf nach Begegnung entsprechen: etwa der Tag der Musikfeste oder die zweitägige Jahresnetzwerktagung, die sich längst über den reinen Austausch hinaus entwickelt hat. Spätestens im November 2025 wurde für mich deutlich, was Netzwerkarbeit leisten kann: nicht nur Gespräch, sondern Zusammenarbeit.

Parallel dazu stand die Frage der Sichtbarkeit im Fokus. Wenn Vielfalt der Kern ist, muss sie so erzählt werden, dass sie als solche erkennbar bleibt. Formate wie die Filmreihe #volltemperament oder Musikland im Gespräch geben dieser Vielfalt Raum. Mit Radio Musikland ist eine weitere Plattform entstanden, die Stimmen hörbar macht. Der Musikkoffer bündelt Wissen und Materialien zur Musikkultur des Landes, die Musiklandpartie verbindet Reisen mit musikalischer Entdeckung. Unsere Social-Media-Kanäle verstehen wir dabei nicht als Selbstdarstellung, sondern als Verstärker für die Arbeit unserer Partner:innen. All diese Projekte sind im Austausch mit der Szene gewachsen, nicht aus einem fertigen Plan heraus.

Was mich in dieser Zeit besonders geprägt hat, ist das Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde. Viele haben sich beteiligt, Ideen eingebracht, Verantwortung übernommen. Daraus sind konkrete Kooperationen entstanden. Und auch nach drei Jahren stoße ich immer wieder auf neue Initiativen und Zusammenhänge. Heute lässt sich festhalten: Das Netzwerk existiert. Es ist sichtbar, es kommt zusammen, es arbeitet. Aus einer Idee in zwei leeren Büroräumen ist eine tragfähige Struktur geworden. Austausch findet nicht mehr punktuell statt, sondern regelmäßig. Formate sind gewachsen und verstetigt. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationen, etwa bei der Wiederentdeckung des Köthener Komponisten Alfred Tokayer. Auch über das Land hinaus ist das Musikland präsent – in Berlin und Brüssel, in Gesprächen, Präsentationen und kulturpolitischen Kontexten. Die Resonanz zeigt: Wenn man diese Vielfalt als Zusammenhang erzählt, entsteht Interesse.

Für diese Entwicklung bin ich auch persönlich dankbar. Sie wäre ohne die Menschen, mit denen ich arbeite, nicht möglich. Viele tragen mit ihrer jeweiligen Expertise dazu bei, dass Ideen Form annehmen und Projekte tragfähig werden. Dieses Zusammenspiel ist keine Selbstverständlichkeit. Wenn ich heute auf diese drei Jahre blicke, sehe ich vor allem ein Miteinander: unterschiedliche Strukturen, Szenen und Perspektiven, die sich – bei aller Verschiedenheit – als Teil eines größeren Zusammenhangs verstehen. Daraus ist ein Gesicht für das Musikland Sachsen-Anhalt entstanden. Eines, das vielleicht dazu beiträgt, dass Menschen dieses Land musikalisch entdecken, ob als Publikum, als Mitwirkende, als Veranstalter:innen oder Institutionen.

Ein solcher Rückblick könnte hier enden. Mit Blick auf das, was vor uns liegt, gehört aber noch ein Gedanke dazu: Alles, was in den vergangenen drei Jahren entstanden ist, beruht auf Offenheit, Zusammenarbeit und der Anerkennung von Unterschiedlichkeit. In einem Musikland Sachsen-Anhalt, das diesen Namen trägt, darf diese Grundlage nicht zur Debatte stehen.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.