Mühling, Heinrich Leberecht August (1786 – 1847)

Ausschnitt aus einem heute verschollenen Ölgemälde im Familienbesitz verm. gemeinfrei (älter als 100 Jahre), Jörg Mantzsch

Biografie

* 26. September 1786 in Raguhn, † 03. Februar 1847 in Magdeburg

August Mühling wurde 1786 in Raguhn bei Bitterfeld als Sohn des „hiesigen Bürgers, auch Collaborator bey der Medicamenten-Expedition des Halleschen Waysenhauses“ (Taufeintrag, zit. n. Jung 2006) und dessen Ehefrau Johanne Amalie, geb. Meese geboren.

Am 2. September 1800, kurz vor seinem 14. Geburtstag, ging er als Internatsschüler nach Leipzig an die Thomasschule, wo die Thomaskantoren Johann Adam Hiller und August Eberhard Müller seine Lehrer waren. In Mühlings Inskriptionseintrag wird der Vater als „Medicinae in Bernburg“ bezeichnet (Album Alumnorum, zit. n. Jung 2006).

Im Jahr 1805 wechselte Mühling zum Studium an die Leipziger Universität. Von 1804 bis 1808 wirkte er als Geiger im „Großen Concert“, einer von Leipziger Kaufleuten 1743 gegründeten musikalischen Gesellschaft, der Profimusiker (z. B. Stadtpfeifer) und Musikstudenten angehörten und deren zu Beginn 16-köpfiges Orchester als Ursprung des heutigen Leipziger Gewandhausorchesters gilt. Zu Mühlings Zeit konzertierte das Ensemble bereits im Gewandhaus (Messehaus für Tuchwarenhändler) unter Kapellmeister Johann Gottfried Schicht.

Der damalige Flötist des Orchesters und Chronist der Leipziger Musikgeschichte, Carl August Grenser, schrieb über den Studenten August Mühling:  Er „zeichnet sich durch sein Talent für Gesang und Orchesterkomposizionen, und als geschickter Klavier- und Violinspieler aus. Als Violinspieler trat er öffentlich im Leipziger Konzerte mit Beyfall auf.“ (Zit. n. Jung 2006)

1809 ging August Mühling als städtischer Musikdirektor, Organist an St. Nikolai, Gymnasialkantor, Musiklehrer an der Töchterschule sowie Veranstalter von Abonnementskonzerten, die er von seinem Vorgänger übernommen hatte, ins thüringische Nordhausen.

Nach einer erfolglosen Bewerbung als Nachfolger von Schicht auf das Thomaskantorat in Leipzig wechselte Mühling 1823 nach Magdeburg, wo er von Johann Andreas Seebach das Amt des Organisten an der Ulrichskirche übernahm. Mühling wirkte zudem als Konzertveranstalter und Dirigent. So leitete er die Logen- und Harmoniekonzerte, den Seebachschen Singverein und die Magdeburger Liedertafel, alle in der Nachfolge Seebachs. Zudem war Mühling ein anerkannter Orgelimprovisator und Pädagoge. Er unterrichtete am Domseminar und bekleidete ab 1843 auch das Organistenamt am Dom.

Sein Sohn Heinrich Julius Mühling (1810–1880) wurde nach dem Tod des Vaters im Jahr 1847 dessen Nachfolger als Organist an der Ulrichskirche und übernahm auch die Leitung der Magdeburger Liedertafel.

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Ausschnitt aus einem heute verschollenen Ölgemälde im Familienbesitz verm. gemeinfrei (älter als 100 Jahre), Jörg Mantzsch
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Magdeburg, Wilhelmstraße mit Blick auf die Türme der Ulrichskirche, Zeichnung aus der ersten Hälfte des 19. Jh.

Musikhistorische Bedeutung

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Titelblatt des Oratoriums „Abbadona“, Textbuch erschienen in Magdeburg bei Faber [1838]
CC BY-NC-SA 4.0, Bayerische StaatsBibliothek / Münchener DigitalisierungsZentrum / Digitale Bibliothek
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Sechs Lieder mit Begleitung der Gitarre o. op. CC BY-SA 4.0, Public Domain (Fynnjamin)

August Mühling „zählt zu den wichtigsten Dirigenten Magdeburgs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ (Reipsch). Er brachte mit dem Singverein nicht nur Oratorien  von Händel und Haydn zur Aufführung, sondern komponierte für die großen Musikfeste in Magdeburg, die er vorbereitete und organisierte, auch selbst mehrere zu seiner Zeit populäre  Oratorien. Großen Erfolg hatte er mit dem 1838 uraufgeführten Oratorium Abbadona, basierend auf Szenen aus Friedrich Gottlieb Klopstocks Messias.

August Mühling beschränkte sein von den Zeitgenossen sehr geschätztes musikalisches Wirken zeitlebens auf einen „eng umschriebenen lokalen Bereich“ (Beer 2004, Sp. 781), so dass eine Rezeption außerhalb dieser Grenzen und über seine Lebensspanne hinaus zwangsläufig ausblieb. Lediglich einige seiner OrgelwerkeOrgelwerk Werk ist die Zusammenfassung von Gehäuse, Pfeifen und Windlade eines selbstständigen Teils der Orgel. Jedes dieser Teilwerke wird in der Regel mit einer eigenen Tastatur gespielt. fanden Eingang in spätere Sammlungen.

Beliebt waren seine Lieder und Gesänge, die als „gefällig, leicht singbar, richtig deklamirt, und reich an Anmuth und Ausdruck“ bezeichnet wurden (Zeitung für die elegante Welt, 1812, zit. n. Beer 2004, Sp. 781) sowie „die mitunter recht originellen Klavierwerke“ (ebd.).

Außerdem war Mühling Herausgeber einer Zusammenstellung von Chorälen unter dem Titel Choralbuch, in welchem die gebräuchlichsten Choralmelodien, sowohl mit Rücksicht auf Orgel- und Clavierspiel, als auch auf Chorgesang vierstimmig bearbeitet, wie auch mit Bezifferung und einfachen Zwischenspielen versehen sind (1842) sowie  einer Sammlung mit Werken verschiedener Musikgattungen und Komponisten, Museum für Pianoforte, Musik und Gesang, die periodisch erschien und deren erster Jahrgang 1828 in Halberstadt bei Brüggemann herauskam.

Werke

August Mühling komponierte mit Ausnahme von Opern Werke sämtlicher Genres. Darunter sind vier Oratorien (u. a. Abbadona, s. o., und David, Uraufführung 1845) sowie mehrstimmige Gesänge mit und ohne Begleitung (z. B. Sammlung zwei- und dreistimmiger Gesänge für weibliche Stimmen, H. 1 und 2, op. 5 und 8 von 1812, Zwölf Lieder für Männerstimmen op. 36, ca. 1824, sowie Sammlung zweistimmiger Kinderlieder op. 34, ca. 1832). Hinzu kommen zahlreiche Lieder und Gesänge mit Klavierbegleitung (z. B. Sechs Lieder op. 1 von 1806, Gesänge im Romanzenton op. 16 von 1819), aber auch Sechs Lieder mit Begleitung der Guitarre o. op.

Mühlings Instrumentalmusik umfasst Orchesterwerke (u. a. zwei Sinfonien, zwei Ouvertüren und ein Konzert für Fagott und Orchester), Kammermusik (darunter vier Streichquartette und 12 Duos für 2 Violinen op. 25 von 1822), Klavier- und Orgelmusik.

August Mühlings sicherlich auch heute noch bekanntestes „WerkWerk Werk ist die Zusammenfassung von Gehäuse, Pfeifen und Windlade eines selbstständigen Teils der Orgel. Jedes dieser Teilwerke wird in der Regel mit einer eigenen Tastatur gespielt.“ ist der Kanon Froh zu sein bedarf es wenig aus den Gesängen op. 5.

Das Oratorium Abbadona wurde am 29. Mai 2017 vom Chor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle  an der Saale unter Wolfgang Kupke in der halleschen Pauluskirche aufgeführt. Beim Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung Magdeburg kann eine Transkription des Werkes für Aufführungen ausgeliehen werden.

Klangbeispiele

Orgel-Vorspiel c-moll

Froh zu sein bedarf es wenig (Christlicher Chorverein Neersen e. V.)

Froh zu sein bedarf es wenig (Version von der Band Söhne Mannheims auf der Kinderlieder-CD Giraffenaffen 3)

Noten zum Download

Werke von August Mühling in der Petrucci Music Library:

Sechs Lieder mit Begleitung der Gitarre

Zwei Strechquartette op. 20

Literatur

Axel Beer, Art. „Mühling, (Heinrich Leberecht) August“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 12, Kassel u. a. 2004, Sp. 780781.

Hans-Rainer Jung, Das Gewandhausorchester, seine Mitglieder und seine Geschichte seit 1743, Leipzig 2006, S. 60.

Brit Reipsch, Art. „Mühling, Heinrich Leberecht August“, in: Magdeburger Biographisches Lexikon, http://www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/1720.htm (abgerufen am 11.06.2018).

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.