„Musikvermittlung ist eine Haltung”

© René Weimer

Die Kirchenmusikerin Johanna Schulze ist seit 2018 Kantorin der Stadt Zeitz und Kreiskantorin im Kirchenkreis Naumburg-Zeitz. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfer:innen plant sie ein großes Projekt: Die Orgel der Zeitzer Michaeliskirche soll restauriert werden. Hierfür werden noch einige Spenden benötigt. Welche Hürden es hier zu nehmen gibt und was das gemeinsame Musizieren an der Orgel ausmacht, erzählt Johanna Schulze im Gespräch mit dem Musikland-Sachsen-Anhalt.

Johanna Schulze: Die Musikvermittlung setzt Schwerpunkte auf das Ausbilden von Netzwerken. Viele Musikeinrichtungen haben dieselben Herausforderungen. Ein wichtiger Bereich ist oft die Nachwuchsgewinnung, wie man Musik vermitteln und erlebbar machen kann. Es ist eine große Stärke, wenn man sich hier vernetzen kann Ich habe festgestellt, dass ich in meiner Arbeit als Kirchenmusikerin immer schon einen musikvermittelnden Gedanken mitgedacht habe, ohne das zu wissen. Das Studium der Musikvermittlung hat das konkretisiert und eine gewisse Sprachfähigkeit entwickelt, wie man manches formulieren kann. Außerdem hat sich für mich ein riesiger Raum geöffnet, was Musikvermittlung noch alles bedeuten kann und wie vielfältig man diesen Bereich bei jedem musikalischen Projekt mitdenken kann. Insofern denke ich, dass Musikvermittlung eine Haltung ist. Ich finde gerade Kirchenmusik ist ein Beruf, in dem Musikvermittlung immanent ist, weil man gerade in den Chören mit so vielen unterschiedlichen Menschen in musikalischen Kontakt kommt. Das ist eine große Chance!

Johanna Schulze: Ich habe eine große Kantorei mit derzeit etwa 60 Sängerinnen und Sängern. Der Chor ist ganz gegen den Trend tatsächlich nach den pandemiebedingten Einschränkungen noch mal gewachsen. Dann habe ich einen Kinderchor und eine Jugendkantorei. Ich gehe einmal in der Woche in den evangelischen Kindergarten und singe dort mit den Kindern und bin auch in der evangelischen Grundschule und mache dort mit den Kindern einmal im Schuljahr ein Musicalprojekt. Ich treffe jede Woche ungefähr 200 Leute, mit denen ich Musik mache. Das ist schon einfach ein schöner Beruf und ist auch ein Teil von Musikvermittlung, mit Laiengruppen Musik zu machen.

Johanna Schulze: Meine Arbeit sehe ich als Gesamtpaket. Ich arbeite viel mit meinen Chören und natürlich mit der Orgel in der Michaeliskirche, bei der in den kommenden Monaten auch eine große Sanierung ansteht. Außerdem gibt es eine Musikreihe im Sommer, wo ich Musiker:innen hier aus der Region einlade und versuche, diese mit der Orgel zusammen zu bringen. Ich finde, die Orgel ist nicht nur ein schönes Bauwerk und Instrument. Es ist wichtig, dass Leute mit der Orgel zusammen Musik machen können. Es ist schön, Orgelmusik zu hören. Aber es ist etwas ganz anderes, sie durch eigenes Musizieren kennen zu lernen. Insofern ist die Orgel ein gemeinschaftsstiftendes Instrument. Die Konzerte sind immer sehr schöne Erfahrungen, weil wir hier in einer Gegend sind, wo die Kirchenzugehörigkeit nicht so hoch ist und viele Menschen, auch aus der Region, oftmals noch nie in der Michaeliskirche waren. Da finde ich es einen schönen Türöffner, die Leute durch die Musik in den Raum zu holen und dieser Raum auch ermöglicht, dass man dort gemeinsam Musik machen kann.

Michaeliskirche c TRANSMEDIAL
© TRANSMEDIAL

Johanna Schulze: Das ist eine gute Frage. Ich versuche einfach immer mit einem wachen Auge zu gucken. Gruppen, die hier in der Region Veranstaltungen machen, lade ich ein. Meine Sommermusikreihe „Musik zum Tagesausklang” habe ich in während der Coronapandemie ins Leben gerufen. Als wieder kurze Formate möglich waren, dachte ich, ich probiere das am Montagabend aus, etwa 40 Minuten Musik, also ein kurzes Format. Das kam so gut an, das hätte ich nie gedacht. Seit 2020 mache ich das und beziehe Leute aus der Region mit ein. Meine Kantorei trat dort auf, eine Jugendtheatergruppe aus Zeitz, die aus ihrer Musicalproduktion Chansons mitgebracht hatte, mit der Orgel habe ich auch schon eine Stummfilmbegleitung gemacht. In Zeitz gibt es gerade ein internationales Zirkusprojekt, upsala. Dabei ist auch eine Cellistin, mit der ich jetzt schon mehrfach an der Orgel musiziert habe. Wenn wir zusammen Musik machen, verstehen wir uns und es ist alles ganz klar, obwohl wir nicht dieselbe Sprache sprechen.

Johanna Schulze: Die Orgel in der Kirche St. Michael ist aus dem Jahre 1911, von Wilhelm Rühlmann gebaut und als romantische Orgel konzipiert mit 47 RegisternRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. auf 3 ManualenManual Klaviatur für die Hände. und PedalPedal Klaviatur für die Füße.. In den 1950er Jahren hat sie das Schicksal erlitten, was vielen Orgeln passierte: Nach dem Krieg wollte man dieses romantische Klangbild nicht mehr haben und baute ganz viele romantische Orgeln radikal um. Man wollte ein barockes Klangideal schaffen, was aber den wirklichen Barockorgeln überhaupt nicht entspricht. Heutzutage will man die neobarock umgebauten Orgeln in den Originalzustand zurückführen. Das hat auch denkmalschutzrechtliche Gründe, und man stellt, wenn noch Originalsubstanz da ist wie in der Michaeliskirche, das ursprüngliche Konzept wieder her. Die Firma Jehmlich Dresden übernimmt die Restauration der Orgel.

Johanna Schulze: Im Moment klingt sie auffallend blass und farblos, viele RegisterRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. klingen sehr gleich. Eine romantische Orgel hat viele verschiedene Klangfarben, auch viele grundtönige Register und klingt sehr farbenreich. Romantische Orgeln sind dem Orchester sehr ähnlich. Es ist momentan lange nicht die Vielfalt an Stimmen und an Stimmungen da, die so eine Orgel haben könnte. Eigentlich ist sie ein schönes Bild für eine ganz vielfältige Gesellschaft, wo viele Stimmen zusammenkommen und klingen können.

Johanna Schulze: Es gibt zum Teil noch Pfeifen, die aus der Originalkonzeption von Rühlmann stammen. Da sind dann die Orgelbauer gefragt, die eben genau schauen müssen, welche Pfeifen erhalten bleiben können oder ausgetauscht werden müssen. Damit wird deutlich, weswegen das so ein Riesenprojekt ist: Alles ist Handarbeit und setzt Recherchearbeit voraus. Die ungefähr 3000 Pfeifen in der Orgel müssen alle einzeln angefasst und bearbeitet werden.

Johanna Schulze: Im Moment wäre das ein Umfang von 775.000 €. Wobei man dazu sagen muss, wir haben ja die Idee, diese Originalorgel wieder zu rekonstruieren, aber technisch zu erweitern mit einem zweiten SpieltischSpieltisch Freistehende Bedienungsanlage der Orgel., der vorne im Altarraum stehen soll und dann elektronisch mit der Orgel oben verbunden ist, die Kosten wären für das Gesamtpaket.

St Michael ZZ c Kirchenkreis Naumburg Zeitz Daniel Thieme
© St. Michael Zeitz, Kirchenkreis Naumburg-Zeitz, Daniel Theme

Johanna Schulze: Es hängt nun davon ab, welche Förderungen wir bekommen, ob wir die Restaurierung in diesem Maß durchführen können. Das Gesamtprojekt ist in mehrere Bauabschnitte unterteilt und der zweite Spieltisch wäre der letzte Bauabschnitt. Ohne eine große Unterstützung vom Land und vom Bund ist das kaum zu schaffen, hier haben wir Gelder beantragt. Außerdem gibt es aus dem kirchlichen Bereich Unterstützung und verschiedene Stiftungen, die wir auch mit berücksichtigen bei der Beantragung, aber eben nicht in der gesamten Höhe der Sanierungskosten. Und dann wollen wir natürlich auch die Menschen hier vor Ort in Bewegung bringen, sich für unsere Orgel einzusetzen. Dazu gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, die Patenschaft für eine Orgelpfeife zu übernehmen. Eine Pfeifenpatenschaft bekommt man schon für 25 EUR. Dann gibt es verschiedene Preiskategorien und die großen Orgelpfeifen kosten dann 500 EUR.

Johanna Schulze: Es ist zum Glück auf mehrere Schultern verteilt. Es gibt einen Orgelverein mit einigen sehr engagierten Menschen, der sich für dieses Projekt gegründet hat. Außerdem sind der Orgelsachverständige des Kirchenkreises und die Kirchengemeinde involviert.

Johanna Schulze: 2024 beginnt der erste Teil der Renovierungsarbeit, einen fünfstelligen Betrag muss die Kirchengemeinde hier  aufbringen. Der erste Teil läuft nun an, da geht es aber erstmal hauptsächlich um Arbeiten am Blasebalg. Das hat also noch nichts mit der klanglichen Rückführung der Orgel zu tun. Wir hoffen sehr, dass in Kürze die Finanzierung steht und wir das Gesamtprojekt  so umsetzen können.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

In der Reihe Musikland im Gespräch sind weitere Interviews mit Netzwerkpartner:innen erschienen, u.a. mit den Festivalmacherinnen des Kurt-Weill-Fests Dessau Katharina Markworth und Constanze Mitter, Präsidenten Andreas Porsche und Präsidiumsmitglied Frieder Badstübner von der Internationalen Carl-Loewe-Gesellschaft Wettin-Löbejün und dem Intendanten der Köthener Bachgesellschaft Folkert Uhde.

Ähnliche Beiträge im Musikland Blog

Musikland im Gespräch

Zweimal Musiktheater aus Sachsen-Anhalt

Was kann Musiktheater heute leisten, wenn es mehr sein will als die Pflege des Repertoires? Zwei neue Filme der Reihe Musikland im Gespräch gehen dieser Frage nach und richten den Blick auf zwei zentrale Orte des Musiktheaters in Sachsen-Anhalt: das Theater Magdeburg und das Anhaltische Theater Dessau.

Weiterlesen »
Magdeburger Liedersalon
Musikland im Gespräch

Der Magdeburger Liedersalon

Das Magdeburger Festival „Liedersalon“ ist kein typisches Klassikfestival: Es bringt vielmehr das Kunstlied aus Konzertsälen in die Nähe der Menschen – oft buchstäblich ins Wohnzimmer.

Weiterlesen »
Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.