Ein Spielfilm machte Hip-Hop 1985 in der DDR populär. Heute ist nur wenigen bekannt, was für eine lebhafte und einzigartige Kultur damals im Osten Deutschlands entstand. Ein Dessauer Verein möchte das ändern und dadurch auch das Dessau von morgen gestalten.
Wer an die New Yorker Bronx denkt, denkt an urbanen Trubel, Popkultur und große Häuserschluchten. Dieses Setting, in dem Anfang der 1970er Jahre Hip-Hop entstand, würden vermutlich nicht viele Menschen mit der Bauhausstadt Dessau verknüpfen, die damals vor allem eine Industriestadt war. Aber in Dessau gab es ebenfalls Hip-Hop, auch wenn er hier erst 1985 ankam. Der Verein NEWKID e.V. hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, Hip-Hop als Kapitel der Dessauer Musikgeschichte präsenter zu machen. Um das zu erreichen, hat sich der Verein ein konkretes Ziel gesetzt: Das immaterielle Kulturerbe für 40 Jahre Hip-Hop im Osten Deutschlands.
Als die Arbeit an diesem Projekt begann, wurde den Vereinsmitgliedern nämlich schnell bewusst, dass Dessau nicht die einzige Stadt in der ehemaligen DDR war, in der es eine lebedinge Hip-Hop-Szene gab. Es entstanden Kontakte zwischen verschiedenen Städten, darunter zum Beispiel Dresden und Naumburg. Unter dem Titel OSTBRONX fand am 27. und 28. September eine Tagung in Dessau statt, in deren Rahmen Interessierte sich über das Vorhaben und den Antrag informieren konnten. Das Musikland war dabei.
Nach einem Vortrag des Historikers Leonard Schmieding, der erzählte, wie die Hip-Hop-Kultur durch den Spielfilm Beat Street zu Popularität in der DDR kam, gab es einen Input der Landesheimatbünde Sachsen-Anhalt und Sachsen. Beide Institutionen begleiten die Antragstellung. Bei einer Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen gab es dann viel über die Chancen, aber auch die Herausforderungen zu lernen, die ein solcher Antrag bietet. Es muss gelingen, die Kulturpraxis Hip-Hop im Osten Deutschlands gezielt zu bestimmen und gleichzeitig Perspektiven für weitere Entwicklungen aufzuzeigen. Dass das keine leichte Aufgabe ist, wissen die Beteiligten, doch sie sind überzeugt und optimistisch. Denn gleichzeitig verspräche der Titel spannende Chancen für Dessau, für den Osten Deutschlands allgemein und auch für das Musikland Sachsen-Anhalt. Neben der Wertschätzung für die vielen Menschen, die damals als Teil der Szenen aktiv waren und es oft noch heute sind, könnte der Titel auch etwas an der Situation von Pop- und Clubkultur-Akteur:innen vor Ort ändern, die heute aktiv sind. Hinter dem Ziel, den Titel Kulturerbe zu erreichen, steht für NEWKID e.V. nämlich der große Wunsch, Dessau auch in Zukunft wieder zu einem Ort zu machen, der für junge Kultur und somit auch für junge Menschen attraktiv bleibt.
Im Anschluss an die Veranstaltung beantwortete Joerg Schnurre von NEWKID e.V. uns einige Fragen zum Verein und dem Antragsprozess.

Musikland: Lieber Joerg, du und der Verein NEWKID e.V. Dessau-Roßlau strebt einen Antrag an, der Breakdance in Dessau und Hip-Hop in der DDR zum immateriellen Weltkulturerbe erklären möchte. Wie kam es zu der Idee und wie wurde sie bisher aufgenommen?
Joerg: Eigentlich war es eine „Schnapsidee“. Es geht um eine Location, welche wir als Verein anmieten wollen. Dazu ist eine Abstimmung mit dem Bauordnungsamt erforderlich und die Frage war, wollen wir einen klassischen Club machen oder ein Museum mit Aktionsfläche. Das hat relevante Auswirkungen auf die Auflagen, um die Location betreiben zu können. Da kam dann die Rückfrage, was wir denn überhaupt ausstellen wollen.
Musikland: Hip-Hop stammt aus New York und entstand in einem entsprechend urbanen Kontext. In Deutschland erhielt die Hip-Hop-Kultur Heidelbergs bereits 2023 den Titel immaterielles Weltkulturerbe. Was macht die Hip-Hop-Kultur Ostdeutschlands besonders, was unterscheidet sie von anderen lokalen Ausprägungen?
Joerg: Allein die Zeit von 1982 bis 1989 ist einzigartig. Ohne direkten Kontakt, sondern nur über Medien entwickelte sich eine westliche Kultur in der DDR und mit Zustimmung der politischen Führung. Das Buch „Das ist unsere Party“ von Leonard Schmieding hat das gut aufgearbeitet und zusammengefasst. Mit der Wende hat diese Bewegung nicht aufgehört. Im Gegenteil, es waren auf einmal ganz neue Möglichkeiten der Entfaltung möglich. Dennoch hatte die Wendetransformation auf die Hip-Hop-Szene in Ostdeutschland enorme Auswirkungen, welche noch gar nicht erforscht sind. Songs wie „Grauer Beton“ von Trettmann oder „Oase“ von Morlokk Dilemma verdeutlichen diese Zeit. Geschätzt ab 2010 beginnt dann eine neue „Ostidentität“, die sich auch in der Hip-Hop-Szene zunehmend manifestiert. Bei unserem Antrag geht es jedoch nicht um Abgrenzung, sondern eher um eine Identitätsbestimmung.
Musikland: Wie entstand der Verein NEWKID e.V., der hinter dem Antrag steht?
Joerg: Anfangs war das eine lose Gemeinschaft von Mittdreißiger:innen, die gemeinsam Partys organisiert haben. Gestartet ist das 2014 auf dem Marktplatz in Dessau. Während der Corona-Zeit konnten wir unter Auflagen einige Partys machen. Da ist dann die Idee gereift, das doch mal in eine anständige Struktur zu bringen. Gleichzeitig hat sich dann auch eine Fraktion junger Dessauer Partymacher:innen angeschlossen, die Bock auf Party haben und auf eine Vereinsstruktur zurückgreifen wollen. Der Verein will Partys organisieren, aber eben auch Workshops im Bereich DJing, Graffiti und Breakdance anbieten.
Musikland: Euer Verein möchte nicht nur den Blick zurück in die 1980er Jahre werfen, sondern auch Impulse für die Zukunft der kulturellen Landschaft Dessaus setzen. Was sind eure Wünsche und Ideen für die Bauhausstadt?
Joerg: NEWKID = Noch ein weiterer Klub in Dessau. Weil es hier so viele Klubs gibt. Es gibt zunehmend junge Akteure in der Stadt, die wieder mehr für junge Menschen machen wollen. Da sind wir ein Baustein und bringen uns gern ein. Es ist am Ende auch eine Frage, was man jungen Menschen anbietet, damit sie nicht weggehen, sondern hierbleiben. Und auch die Wirtschaft merkt, dass eben weiche Faktoren auch wichtig sind, um Arbeitskräfte anzulocken. Da ist ein breites kulturelles Angebot sehr wichtig. Und wir merken auch, dass Institutionen wie Bauhaus oder Anhaltisches Theater ohne Hip-Hop gar nicht mehr junge Leute erreichen. Da braucht es den Graffitiworkshop genauso wie das Breakdance-Angebot. Eigentlich eine schöne Erweiterung und Ergänzung.
Sachsen-Anhalt steckt voller Musikgeschichte, wird oft aber insbesondere mit Alter Musik assoziiert. Wie schätzt du den Beitrag ein, den euer Antrag für die Wahrnehmung der kulturellen Vielfalt des Landes haben könnte?
Joerg: Witzigerweise finden viele Festivals in Sachsen-Anhalt statt, die von jüngeren und junggebliebenen Menschen besucht werden. Ich nenne die überregionalen Besucher manchmal spaßig: Sachsen-Anhalt Survivor. Man war mal im „wilden“ Osten, aber eigentlich nur auf einem Festivalgelände. Konkret ist das in unserem Falle Ferropolis mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen. Es ist wichtig, dass wir diese Chance nutzen und Angebote um die Festivals drumherum anbieten, um die Leute vom Gelände in die Stadt zu holen. Die Organisatoren vom SPLASH haben uns angeboten, im kommenden Jahr unser Vorhaben auf dem Festival kostenfrei vorzustellen, da schon mal einen Dank an Mirko Roßner und Till Arndt für das Angebot. Das zeigt relativ anschaulich, wie die Leute im Hip-Hop zusammenarbeiten.
Vielen Dank für deine Antworten, Joerg!
Weitere Informationen zum Projekt findet ihr hier


