Hildebrandt-Orgel in der Kirche St. Wenzel Naumburg

Die Hildebrandt-Orgel in der Kirche St. Wenzel in Naumburg CC BY-SA 4.0, Thomas Hummel

Orgelgeschichte

Die Hildebrandt-Orgel in der Wenzelskirche zu Naumburg gilt als eine der bedeutendsten Barockorgeln Deutschlands und erklingt regelmäßig in Gottesdiensten und Konzerten. Sie und ihre Vorgängerinstrumente lassen auf eine jahrhundertelange Tradition des Orgelbaus und der Orgelmusik zurückblicken.

Die erste Orgel wurde bereits im Jahre 1540 erwähnt, wobei nicht bekannt ist, wie groß dieses Instrument war und wo es in der Kirche Aufstellung gefunden hatte. Das darauffolgende Instrument wurde von dem Orgelbauer Joachim Zschugk geschaffen. Es fand seinen Platz an der Chornordseite und besaß stolze 38 RegisterRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. auf 2 ManualenManual Klaviatur für die Hände. und PedalPedal Klaviatur für die Füße.. Noch in der Bauphase der Zschugk-Orgel im Jahre 1614 kam es zu einem besonderen musikalischen Ereignis. Auf dem Baugerüst der Orgel musizierte die Dresdner Hofkapelle unter der Leitung von Michael Praetorius. Erwähnenswert ist außerdem, dass das Instrument bis 1630 umgestimmt und anschließend von dem Organisten und Komponisten Samuel Scheidt aus Halle (Saale) abgenommen wurde.

Von 1695 bis 1705 baute der Orgelbauer Zacharias Thayßner das vorhandene OrgelwerkOrgelwerk Werk ist die Zusammenfassung von Gehäuse, Pfeifen und Windlade eines selbstständigen Teils der Orgel. Jedes dieser Teilwerke wird in der Regel mit einer eigenen Tastatur gespielt. um. Er erweiterte das Instrument auf 45 Register und 3 ManualeManual Klaviatur für die Hände. und verlegte den Standort der Orgel an die Westwand.

Ab 1734 lag die Betreuung der Thayßner-Orgel in den Händen des Orgelbauers Zacharias Hildebrandt. Sein erster Eindruck von diesem Instrument war nicht gut. Er beschrieb es als ein „schwindsüchtiges“ Instrument, das „gar keine Gravitaet“ hätte (vgl. Friedrich/Froesch 2014, S. 94). Im Jahre 1743 holte sich die Gemeinde ein Gutachten von den Orgelbauern Tobias Heinrich Gottfried Trost und Christian Ernst Friderici ein. Beide empfahlen der Gemeinde einen Neubau, der sodann auch ausgeschrieben wurde. Den Auftrag erhielt Zacharias Hildebrandt, der einen Orgelneubau mit 53 RegisternRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. auf drei Manualen und Pedal und damit seine größte Orgel schuf. Im Jahre 1746 erfolgte die Abnahme der fertiggestellten Orgel durch Johann Sebastian Bach und Gottfried Silbermann. Beide attestierten Hildebrandt, „daß überhaupt alles und jedes mit gehörigem Fleiße verfertigt“ sei (vgl. ebd., S. 95; das gesamte Abnahmegutachten s. u.). Der ProspektProspekt Schauseite der Orgel. wurde von der Thayßner-Orgel übernommen.

Die Orgel wurde im 19. Jahrhundert teilweise verändert und umgebaut. Ein größerer Umbau erfolgte im Jahr 1932 durch die Orgelbaufirma Walcker. 1992 fand ein Internationales Symposium zur Geschichte, Bedeutung und Zukunft der Hildebrandt-Orgel statt. Im Ergebnis wurde empfohlen, das Instrument vollständig zu restaurieren. Von 1993 bis 2000 übernahm die Orgelbaufirma Eule die Restaurierung der Orgel und stellte den Zustand von 1746 wieder her.

Das Besondere an der Orgel von Zacharias Hildebrandt ist die enge Verbindung zu Johann Sebastian Bach. Dieser stellte nicht nur das Gutachten gemeinsam mit Gottfried Silbermann aus, sondern er schätzte Hildebrandt sehr und hielt ihn für einen der besten Orgelbauer seiner Zeit. Es ist davon auszugehen, dass Bach Einfluss auf die DispositionDisposition Gesamtanlage einer Orgel (Register, Manuale, Traktur, Spielhilfen, Stimmung). genommen hat und auch klangliche Vorstellungen im Vorfeld mit einbrachte. Man kann deshalb von einer Bach-Orgel sprechen, welche die authentische Wiedergabe seiner Orgelkompositionen ermöglicht.

Abnahmegutachten von Johann Sebastian Bach und Gottfried Silbermann:

Da E: HochEdlen und Hochweisen Rath der Stadt Naumburg hochgeneigt gefallen wollen, uns Endes unterschriebenen die Ehre zu erweisen, Dero von Grund aus reparirtes und von Herrn Hildebrandten fast gantz neu erbautes Orgelwerck in der Kirche zu St. Wenceslai zu visitiren, und nach dem darüber dießfals aufgerichteten und uns überreichten Contract von uns examinieren zu laßen; Als ist solches von uns gewißenhafft und Pflichtgemäß geschehen, und hat sich geäußert, daß alle und jede im Contracte Specificirte und versprochne Stücke, als Claviere, Bälge, WindladenWindlade Kernstück der Orgel: Hierauf stehen die Pfeifen und werden mit Wind versorgt. Zugleich findet hier der Übergang von der mechanischen Bewegung durch die Tasten in den Windfluss statt., Canaele, Pedal und ManualManual Klaviatur für die Hände. Regierung, nebst darzu gehörigen Stücken, Regiestern, und Stimmen, so wohl an offenen und gedackten, als Rohr-Wercken, würcklich darsind, auch überhaupt alles und jedes mit gehörigem Fleiße verfertiget, und die Pfeiffen aus versprochener Materia richtig geliefert worden; da denn zu gleich nicht unerinnert bleiben kann, daß ein Blasebalg mehr, wie auch eine Stimme Unda Maris genandt, so im Contract nicht befindlich, eingebracht worden. Jedoch will nöthig seyn, daß Herr Hildebrandt angehalten werde, das gantze Werck, von Stimmen zu Stimmen, noch mahlen durch zu gehen, und eine beßere egalite, so wohl in der IntonationIntonation Klangliche Abstimmung der Orgelpfeifen untereinander und auf die Akustik des Raumes., als Clavitur und Registeratur zu beobachten. Habens nochmahlen gewißenhaft und Pflichtmäßig bezeugen eigenhändig unterschreiben, und mit unsern gewöhnlichen Siegel bekräftigen wollen. Naumburg den 27. Septembr: Anno 1746.

Joh: Sebastian, Bach
Königlich Pohlnischer u. Churfürstlich
Sächsischer HoffCompositeur. etc.
Gottfried Silbermann
Königlich Pohlnischer und Churfürstlich
Sächsischer hoff und land
Orgel bauer

(zit. n. Zepf 2008, S. 151)

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die Wenzelskirche in Naumburg CC BY-SA 3.0, © Christian Bier

Technische Ausstattung

Die Orgel besitzt 53 Register, die auf 3 Manuale (RückpositivRückpositiv Teilwerk einer Orgel, das im Rücken des Spielers direkt in der Emporenbrüstung steht.HauptwerkHauptwerk Das zentrale Teilwerk der Orgel mit den wichtigsten und kräftigsten Pfeifen. und OberwerkOberwerk Das Oberwerk steht meistens über dem Hauptwerk. In der Barockzeit wurde auch manchmal das Hauptwerk wegen seiner Lage als Oberwerk bezeichnet.) und Pedal verteilt sind. Sowohl die Tontraktur als auch die Registertraktur arbeiten mechanisch. Der Tonumfang reicht in den Manualen von C, D bis c‘‘‘ und im Pedal von C, D bis d‘. Das Instrument ist gleichschwebend nach Neidhardt gestimmt. So ist das Spielen in allen Tonarten uneingeschränkt möglich.

Laut dem Abnahmegutachten baute Zacharias Hildebrandt einen Balg und das Register „Unda Maris“ zusätzlich in die Orgel ein. Diese sind nicht im ursprünglichen Vertrag vorgesehen gewesen.

Das Instrument von Zacharias Hildebrandt „wies damals, 1746, bereits einen äußerst modernen, klanglich vielseitigen Ansatz auf. Einflüsse aus thüringisch-sächsischen Gefilden finden sich genauso wie norddeutsche. Das PlenumPlenum Vollklingende Registerkombination. klingt volltönend, gravitätisch und – in dieser Zeit eine Besonderheit – ohne windstößige Intonationsschwankungen. Demgegenüber bestechen manch sensible Stimmen durch ihre feine und edle Zurückhaltung“ (Friedrich/Froesch 2014, S. 97).

Literatur

Felix Friedrich, Vitus Froesch, Orgeln in Sachsen-Anhalt – Ein Reiseführer, Altenburg 2014.

Christoph Wolff, Markus Zepf, Die Orgeln J. S. Bachs, Leipzig, Stuttgart 2008.

Links

Hildebrandt-Orgel, St. Wenzel Naumburg (Homepage Orgelbüro St. Wenzel)

Hildebrandt-Orgel, St Wenzel Naumburg (Homepage Eule-Orgelbau)

Ghost music – composing the future (Interkontinentales Konzertprojekt)

Video (Link)

Die Orgel – ungewohnte Einblicke in das Instrument des Jahres 2021
Das anschauliche Video von KMD Martina Pohl und Ulrike Großhennig bietet Schüler:innen die Möglichkeit, am Beispiel der Hildebrandt-Orgel in Sangerhausen in das Innere einer Orgel zu schauen, die Funktionsweise kennenzulernen, Fragen zu stellen und sich Detailwissen anzueignen. Das Video ist für schulische Zwecke genauso geeignet wie für Interessierte an diesem einzigartigen Instrument.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.