Location
Eine ursprünglich romanische Kirche in der Wernigeröder Altstadt, gelegen zwischen Rathaus und Schloss, verwandelt sich nach jahrhundertelanger wechselvoller Geschichte innerhalb von zwei Jahren von einer „Fast-Ruine“ zu einer modernen Veranstaltungsstätte mit exzellenter Akustik, zum „Ort der Begegnung für Kunstliebhaber und Entdecker“ und zur „musikalischen Mitte Wernigerodes“. Rainer Schulze von der Kulturstiftung Wernigerode, maßgeblicher Wegbereiter des ambitionierten Umbauprojekts zum heutigen Konzerthaus Liebfrauen, berichtet im MDR-Fernsehen über den Zustand der ehemaligen Wernigeröder Liebfrauenkirche vor Beginn der Sanierungsarbeiten im Jahr 2020: „In fünf Jahren wäre die Kirche zusammengebrochen wegen der Schwammschäden und wegen der anderen Schäden.“ Was in Zeiten knapper Kassen wie ein Märchen klingt, wurde möglich gemacht durch einen von der EU finanzierten und vom Land Sachsen-Anhalt im Jahr 2017 ausgelobten Wettbewerb zur Sanierung von Kulturstätten.
Der neue Konzertsaal in historischer Kulisse bietet Platz und gute Sicht für knapp 500 Zuschauer:innen im Parkett, in der Fürstenloge sowie auf zwei Emporen. Die Bühne mit Backstage-Bereich für Künstlerinnen und Künstler ist auch für ein Sinfonieorchester ausreichend groß. Oberhalb der Bühne befindet sich eine bedeutende Sauer-Orgel aus dem Jahr 1883 mit 30 RegisternRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. und 1800 Pfeifen sowie eine Empore für Chöre. Ein sensibel gestalteter, moderner Kirchenanbau beherbergt das Foyer, den Zugang zum Saal und Nebenräume.
Das Konzerthaus ist zudem Proben- und Konzertort für das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode (PKOW), das damit erstmalig in seiner Geschichte über eine eigene Heimstatt inklusive einer modernen Technikregie verfügen kann.
Das PKOW fungierte im neuen Konzerthaus zunächst auch als Veranstalter und Betreiber zusammen mit der Kulturstiftung Wernigerode. Neben eigenen Konzertangeboten des Orchesters konnten von der ersten Spielzeit an hochkarätige Ensembles und Solist:innen als Gäste nach Wernigerode gelockt werden. Seit Januar 2025 verantwortet nach einem Betreiberwechsel die Wernigerode Tourismus GmbH Organisation, Spielplan und Vermarktung. Das Programm ist vielseitig und umfasst neben klassischen Orchester-, Chor- und Kammerkonzerten auch Jazz- und Weltmusikabende bis hin zu Pop-, Rock- und Singer-Songwriter-Konzerten, dazu Operette, Ballett, Schauspiel, Lesungen sowie neue Formate wie Kabarett und Comedy. Das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode bleibt dem Konzerthaus als Residenzorchester erhalten.

Kirchengeschichte

Ihre erste urkundliche Erwähnung fand die Liebfrauenkirche im Jahr 1230. Nach der völligen Zerstörung beim Brand des Wernigeröder Burgstraßenviertels im Jahr 1751 konnte das Gotteshaus mit Unterstützung des dänischen Königshauses und des regierenden Grafen Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode zwischen 1756 und 1762 als Barockkirche wieder aufgebaut werden. Der große neugotische Turm mit Glocken und Turmuhr stammt aus dem Jahr 1891 und ersetzte den vorherigen kleinen Barockturm. Ursprünglich wollte die Gemeinde zur damaligen Zeit die gesamte Kirche im neugotischen Stil umbauen, was aber aufgrund fehlender finanzieller Mittel scheiterte.
Pläne für den Umbau des Sakralbaus zu einem Konzerthaus gab es als Folge der gesunkenen Zahl an Gemeindemitgliedern bereits seit 2002, was aber aus finanziellen Gründen zunächst auf Eis gelegt werden musste. Erst durch die Beteiligung der 2006 von Rainer Schulze gegründeten privaten Kulturstiftung Wernigerode am Landeswettbewerb 2017 bot sich die entscheidende Chance auf Verwirklichung. Als eines von 20 ausgewählten Vorhaben konnte sich die Stiftung mit dem Projekt „Umwidmung der Liebfrauenkirche“ 3,7 Millionen Euro Fördermittel aus dem Europäischen Fond für regionale Entwicklung (EFRE) für den Umbau sichern. Weitere Unterstützung kam von der Stadt Wernigerode, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und zahlreichen Spender:innen.
Im Jahr 2018 ging die kaum noch genutzte Kirche für den symbolischen Beitrag von einem Euro in den Besitz der Stiftung über und wurde am 3. Februar 2019 feierlich profaniert. Die Bauarbeiten fanden von Januar 2020 bis Dezember 2021 statt, eröffnet wurde das Konzerthaus Liebfrauen am 3. März 2022. Quasi als Krönung erhielt das Projekt im Jahr 2025 im Rahmen der Verleihung der Architekturpreise Sachsen-Anhalt den Publikumspreis.
Architektonische Besonderheiten
Als Saalkirche war die Liebfrauenkirche von vornherein akustisch prädestiniert für eine Nutzung als Konzertsaal. Hinzu kommt die noch aus der Barockzeit stammende gewölbte und schwingend aufgehängte Holzdecke, der sogenannte „Hölzerne Himmel“. „Der ganze Raum ist von der Geometrie, also von der Anlage her und von den einzelnen Elementen des Einbaus aus der Barockzeit, wie ein großes Instrument selber“, so die verantwortliche Architektin Margrit Hottenrott im MDR-Film. Bei Musik kommt die Decke in Schwingung ähnlich wie der Korpus einer Geige. Für größere Orchester optimiert wurde die Akustik durch den Einbau eines Schallsegels über der Bühne.
Beim Betreten des Saals fällt ein „raumbildender“ Einbau aus tannengrünen Podesten zwischen den Emporen ins Auge, der „eine konzentrierte Bühnensituation innerhalb des vielgestaltigen barocken Innenraums“ schafft, wie in der Projektbeschreibung des Architekturbüros zu lesen ist. Die Orgel, die sich weiterhin im Besitz der Neuen Evangelischen Kirchengemeinde Wernigerode befindet, wurde restauriert und aus akustischen Gründen abgesenkt. Eine neue ansteigende Bestuhlung ersetzt das historische Gestühl.
„Nur das, was grün ist, ist neu“, erklärt Rainer Schulze im Film. Ansonsten blieb das Innere des denkmalgeschützten Gebäudes mit Altar, Orgel, Emporen und Fürstenloge weitestgehend erhalten und lässt so die ehemalige Liebfrauenkirche fortleben. Das Credo des Architekturbüros beim Umbau war stets: „So wenig wie nötig, so viel wie möglich“. Durch die kulturelle Nutzung kann der denkmalpflegerisch wertvolle Barockbau zudem nachhaltig gesichert werden.
„Das Konzerthaus Liebfrauen steht für eine perfekt gelungene Synthese von Vergangenheit und Zukunft, ein Paradebeispiel für #moderndenken in Sachsen-Anhalt“ (Rainer Robra, Staatsminister und Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt, im Programmheft zur Spielzeit 2022/2023).

Quellen, weitere Informationen und Kontakt
Website Konzerthaus Liebfrauen (10.02.2026)
Website Philharmonisches Kammerorchester Wernigerode (10.02.2026)
Architektur-Preis-Anwärter: Konzerthaus Liebfrauen, MDR-Fernsehen 10.11.2025 (10.02.2026)
Konzerthaus Liebfrauen, Villa Lila Architekten (10.02.2026)
Wernigerode Tourismus GmbH
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