Sammlung traditioneller Volksmusik auf Selbstschnittfolie (1942)

Fichtensetzlinge werden von Kulturfrauen gepflanzt © H. Wille

Allgemeines

Dokumentationen des traditionellen Volksgesangs, d. h. des freien gemeinschaftlichen Singens, sind selten. Doch ihr Ausklingen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich auf mehreren Decelithplatten (Selbstschnittfolien der Deutschen Celluloidwerke Eilenburg) des Radiogeschäfts Höfer in Benneckenstein/Harz aus dem Jahr 1942 erhalten. Die sangesfreudige sechsköpfige Großfamilie Herfurth ist auf diesen einmaligen, unbearbeiteten Tondokumenten zu hören. Sie hat dieses frühe „Tonstudio“ aufgesucht und die hier eingefügten Klangbeispiele aufnehmen lassen. Ihre Spontanität kommt auch in den dazu gesprochenen Texten zum Ausdruck.

Dieses informelle, nicht einstudierte Singen war früher überall in der Lebens- und Berufswelt verbreitet. Es ist aus dem Harz ebenso bekannt wie aus der Altmark und zeichnet sich aus durch eine schriftlose Praxis, spontane Mehrstimmigkeit und Bindung an bestimmte gruppenprägende Anschauungen oder Lebenszusammenhänge. Gesungen wurde in Familien, Spinnstuben, kindlichen Spielgemeinschaften, Vereinigungen von Mädchen oder Burschen, bei festlichen Jahresbräuchen (Quempas– und Silverstersingen, Martinsumzüge), in Nachbarschaften, die sich nach Feierabend auf den Tritten und Bänken vor ihren Häusern trafen, auf Volksfesten, auf Wanderschaft, bei der Arbeit, in Gastwirtschaften, in Messen und Andachten.

So berichtet der Forstwissenschaftler Edmund von Berg 1841 aus Lauterberg am Harz: „Überall hört man Gesang erschallen, in den Häusern oft mit der Zither begleitet, und selbst mit einer schweren Tracht auf dem Rücken singt die hochgeschürzte Dirne ein lustig Lied. Dabei ist ein musikalischer Sinn nicht zu verkennen, denn immer singen die Mädchen und Buben mehrstimmig, meist dreistimmig und recht oft hört man einzelne, auffallend schöne Stimmen.“ (von Berg, S. 16)

Und der Harz-Schriftsteller Friedrich Günther beschreibt eine Begegnung mit Harzer Kulturmädchen, die zu den Waldblößen ziehen, um junge Fichten zu pflanzen: „Rein und hell… singt der Sopran die einfach schöne Melodie hinaus; der Alt entlehnt seine Stimmung keinem bekannten Tonsatz, er hält jene, in einfachen Terzen- und Sextengänge bestehende zweite Stimme, wie sie das gesangsfreudige Volk instinktiv findet, und wird darin von einer einzelnen Männerstimme kräftig unterstützt.“ (Günther, S. 562).

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Beispiel für eine Decelithplatte © Jürgen Kohlrausch

Klangbeispiele

Lied Hoch oben im Harz (Singkreis der Großfamilie Herfurth, Decelithplatte 1942)
Lied Einstmals lud ich mir meine Büchse (Willi Schwaferts, Decelithplatte 1942)
Lied Im Harz da liegt ein Städtchen (Singkreis der Großfamilie Herfurth, Decelithplatte 1942)
Volksmusik Das Benneckensteiner Tempo (Klaus Herfurth, Decelithplatte 1942)

Literatur

Archiv des Kultur- und Heimatvereins Benneckenstein e.V.

Edmund von Berg, Lauterberg am Harz und seine Umgebung, Clausthal 1841.

Friedrich Günther, Der Harz in Geschichts-, Kultur- und Landschaftsbildern, Hannover 1888.

Doris Stockmann, Der Volksgesang in der Altmark, Berlin 1962.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.