Rühlmann-Orgel in der St.-Agnus-Kirche Köthen

Rühlmann-Orgel in der Kirche St. Agnus in Köthen © Christine Klein

Orgelgeschichte und technische Ausstattung

Wilhelm Rühlmann erbaute die Orgel der Bach-Kirche St. Agnus im Jahr 1881. Die große dreimanualige Orgel romantischen Stils, die über 33 RegisterRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. verfügt, trat an die Stelle der barocken Müller-Zuberbier-Orgel und wurde vor ihrer Aufstellung mit glänzendem Erfolg auf der Gewerbe- und Industrieausstellung 1881 in Halle präsentiert.

Die frühen vollmechanischen Orgeln Rühlmanns, zu denen auch die Agnus-Orgel opus 36 gehört, zählen zu den klangschönsten und individuellsten Instrumenten der Zörbiger Werkstatt. Rühlmann stand in dem Ruf, zu den „Lieblingsschülern Friedrich Ladegasts“ (zit. n. Brülls 2013, S. 38) zu gehören. Dies zeigt sich in der handwerklichen und klanglichen Qualität seiner Orgeln, deren äußere Gestalt den Ladegast-Orgeln zum Verwechseln ähnlich ist.

Das PlenumPlenum Vollklingende Registerkombination. der Orgel ist kraftvoll mit einer leichten Tendenz ins Herbe, die man so bei Ladegast nicht findet. Ergänzt wird dieser Klang durch warme Flötenstimmen und geschmeidige Streicherchöre. Der Organist, Komponist und gute Freund von Franz Liszt, Alexander Wilhelm Gottschalg, spielte die Orgel auf der halleschen Gewerbeausstellung und schrieb daraufhin voll des Lobes einen Bericht in der „Urania“, der führenden Orgelzeitschrift des 19. Jahrhunderts: „Dass Herr Rühlmann keine sogenannte ,Brüllorgel’ geliefert hat, die einzig und allein ihren Glanzpunkt in roher Stärke suchte, hat ganz unseren Beifall.“ (Zit. n. Brülls 2013, S. 42)

Im gleichen Zug lobte er den Klang der Prinzipalstimmen, die „auch die strengsten Kunstrichter befriedigen, denn sie gehen den schönsten Silbermann’schen derartigen Stimmen nicht aus dem Wege“ (ebd.). Dieses Lob kam einem Ritterschlag gleich, denn der frische Klang der Silbermann-Orgeln galt als Maßstab im mitteldeutschen Raum.

Auch visuell ist die Orgel eindrucksvoll. Der ProspektProspekt Schauseite der Orgel. ist aus Eichenholz „in neugotischen Formen und gediegener handwerklicher Ausführung” (Brülls 2013, S. 40). Rühlmanns Kommentar dazu: „Überhaupt ist für die künstlerische Gesamtwirkung ein ,zuviel’ nicht so bedenklich wie ein ,zuwenig‘.“ (Firmenprospekt Rühlmann 1914, zit. n. Brülls 2013, S. 40)

Von den Großinstrumenten ist die Orgel der Köthener Agnus-Kirche das älteste bis heute nahezu unveränderte Instrument Rühlmanns. Lediglich Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die mechanische SchleifladenorgelSchleiflade Häufigste Form der Windlade mit einem verschiebbaren Brett (Schleife), mit dessen Hilfe die Register gesteuert werden können. von Rühlmann selbst noch um zwei Register erweitert, welche mit pneumatischerPneumatisch Die Steuerung erfolgt mit Hilfe von Luftdruck. TrakturTraktur Übertragungssystem zwischen Tasten (Spiel- oder Tontraktur) bzw. Registerzügen (Registertraktur) und den Pfeifenventilen. betrieben werden (im SchwellwerkSchwellwerk In einem mit Türen (Jalousien) versehenen Gehäuse untergebrachtes Orgelwerk, bei dem vom Organisten durch Öffnen und Schließen stufenlos Klangfarbe und Lautstärke verändert werden können (Crescendo, Decrescendo). wurde ein Dolce 8‘ als zartklingende Streicher und im PedalPedal Klaviatur für die Füße. eine Trompete 8‘ als Klangstärkung eingebaut). 1992/93 erfolgte eine Instandsetzung durch die Werkstatt Reinhard Hüfken (Halberstadt), welche die Orgel bis heute pflegt.

Ein Schwesterninstrument zur Köthener Orgel findet sich in Barby. Dort errichtete Rühlmann 1886 die letzte große dreimanualige Schleifladenorgel. Auch dieses Instrument ist bis heute unverändert erhalten, allerdings stark restaurierungsbedürftig. Zusammen mit der Orgel in der Köthener Agnus-Kirche bildet sie einen Höhepunkt im Lebenswerk des Erbauers.

Seit 2006 findet jährlich im Sommer in Sachsen-Anhalt und Sachsen das Internationale Rühlmannorgel-Festival statt. Weltweit tätige Organisten und Musiker treten in zahlreichen großen und kleinen Kirchen der Region auf und bringen das Erbe der Orgelbauerfamilie Rühlmann zum Erklingen.

Literatur

Holger Brülls, Historische Orgeln der Bachstadt Köthen (=Treffpunkt Denkmal), Halle (Saale) 2013, S.32–45.

Links

Orgelbau Rühlmann, Zörbig

Artikel Mitteldeutschen Zeitung von 2006: Keine Chance für Meister Holzwurm

Die Orgel der Kirche St. Agnus in Köthen (mit DispositionDisposition Gesamtanlage einer Orgel (Register, Manuale, Traktur, Spielhilfen, Stimmung).)

orgelbauanstalt-ruehlmann.blogspot

Video (Link)

Die Orgel – ungewohnte Einblicke in das Instrument des Jahres 2021
Das anschauliche Video von KMD Martina Pohl und Ulrike Großhennig bietet Schüler:innen die Möglichkeit, am Beispiel der Hildebrandt-Orgel in Sangerhausen in das Innere einer Orgel zu schauen, die Funktionsweise kennenzulernen, Fragen zu stellen und sich Detailwissen anzueignen. Das Video ist für schulische Zwecke genauso geeignet wie für Interessierte an diesem einzigartigen Instrument.


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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.