Musikakademie Sachsen-Anhalt für Bildung und Aufführungspraxis – Kloster Michaelstein

Kloster Michaelstein Investitions- und Marketing­gesellschaft Sachsen-Anhalt mbH/Lüder Lindau

Geschichte

 
„Uns geht’s darum, dass Leute selber gerne Musik machen und sich nicht nur anhören. Und in vielen Leuten stecken Musiker, versteckte Musiker.“ Peter Grunwald, Direktor der im Kloster Michaelstein ansässigen Musikakademie Sachsen-Anhalt, bringt im Interview mit dem Musikland das Hauptanliegen der seit 2002 als Landesmusikakademie geführten Bildungsstätte auf den Punkt.
 
Das ehemalige Zisterzienserkloster, malerisch in einem Tal in der Nähe von Blankenburg im Harz gelegen, hat eine 870-jährige wechselvolle Geschichte vorzuweisen. Gegründet als wirtschaftlich autarke katholische Abtei, durchlief es nach der Reformation weitere Stationen als protestantische Klosterschule und  Predigerseminar. Nach der Besatzung durch Frankreich Anfang des 19. Jahrhunderts diente die Klosteranlage bis ins 20. Jahrhundert hinein nur noch profanen und wirtschaftlichen Zwecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden erste Maßnahmen eingeleitet, um dem zunehmenden Verfall entgegenzuwirken. Wer Genaueres zur Klostergeschichte wissen möchte, findet auf der klostereigenen Website weitere Informationen.
 
Ein erstes Konzert im Jahr 1968 legte den Grundstein für die heutige Bestimmung von Kloster Michaelstein als „Ort kultureller Vielfalt um Natur, Klostergeschichte und Musik“. Maßgeblich befördert durch die Initiative des Dirigenten und Musikwissenschaftlers Eitelfriedrich Thom, der als erster Direktor der 1977 gegründeten Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein fungierte, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein inspirierendes Refugium, wo neben dem aktiven Musizieren auch Seminare abgehalten und Musikinstrumente gesammelt wurden.
Bereits zu DDR-Zeiten galt die Forschungsstätte als bedeutende wissenschaftliche Anlaufstelle im Bereich der barocken Aufführungspraxis. Namhafte Musikwissenschaftler:innen aus Ost und West saßen gemeinsam an einem Tisch und brachten ihre jeweiligen Perspektiven und Möglichkeiten der Quellenforschung in den Diskurs ein.
Im Jahr 1990 erfolgte zunächst die Umbenennung in Institut für Aufführungspraxis der Musik des 17. und 18. Jh.. Sieben Jahre nach der Übertragung der weiter gefassten Aufgaben einer Landesmusikakademie durch das Land Sachsen-Anhalt erhielt die Institution 2009 ihren heutigen Namen. Träger ist seit 2005 die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.
 
Eng verzahnt ist die Musikakademie mit dem Museum, speziell der interaktiven Musikausstellung KlangZeitRaum, dem Jugendbarockorchester BACHS ERBEN sowie den BAROCCANERN, die alle ebenfalls im Kloster Michaelstein beheimatet sind. Im Bestand des Museums befinden sich unter anderem 650 Musikinstrumente und 200 Toninformationsträger, die für die aufführungspraktische Arbeit der Musikakademie genutzt werden können.

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Aus der Ausstellung des Museums Kloster Michaelstein Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH / Nilz Böhme

Aufgaben

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Peter Grunwald beim Flötenspiel im Kloster Michaelstein Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH / Nilz Böhme

In der Landesmusikakademie treffen musikpraktische, künstlerische, pädagogische und wissenschaftliche Angebote aufeinander und decken damit ein breites Spektrum musikalischer Tätigkeiten ab.
Angesprochen sind gleichermaßen musikalische Profis wie Musizierende aus dem Amateurbereich. Musiker:innen erhalten „entscheidende Impulse zur Aufführungspraxis“ und im Bildungsbereich Tätige bekommen „Anregungen für die tägliche Arbeit“, wie auf der Startseite der akademieeigenen Internetpräsenz zu lesen ist. Zahlreichen Fortbildungs- und Kursangebote richten sich an Musiklehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen und Musikschulen, Erzieher:innen sowie an Ensembleleiter:innen. Für die Durchführung von Arbeitsphasen für Chöre und Orchester bietet das Kloster ideale Bedingungen mit Probenräumen, Gästezimmern und Mensa. Hinzu kommen die beiden Konzertreihen Michaelsteiner Klosterkonzerte und Akademiekonzerte, die das Veranstaltungsprogramm mit regelmäßigen Konzerten auf hohem Niveau abrunden.
 
Kurse gibt es nicht nur im Bereich klassischer und Alter Musik, sondern auch genreübergreifend, so bei Weltmusik mit den 17 HippiesRock, Pop, Jazz für Streicher:innen oder Ukulele Quickstart für Anfänger:innen. Professionelle Musikerinnen und Musiker sind beim Meisterkurs Klavier solo oder der Sommerakademie für Alte Musik gut aufgehoben. Kursangebote zur Musikphysiologie, freien Improvisation mit der Stimme sowie elementaren Musik- und Tanzpädagogik decken den Bereich Musik und Bewegung ab.
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Arbeit mit musikalischen Laien im Bereich Community Music ist der Drum Circle, bei dem sich alle am gemeinschaftlichen Musikerlebnis Interessierten ohne musikalische Voraussetzungen beim gemeinsamen Trommeln ausprobieren können. An jedem ersten Montag im Monat um 19 Uhr findet sich zudem ein Gästechor mit zwanzig bis vierzig Sängerinnen und Sängern unter dem Motto „Einfach mal singen!“ zusammen.
 
Jährlich stattfindende wissenschaftliche Konferenzen auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis, des Musikinstrumentenbaus und der regionalen Musikkultur profitieren von den Möglichkeiten des Einbeziehens praktischer Musikaufführungen vor Ort. In etwa 150 hauseigenen Publikationen werden die Ergebnisse der Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie sind aufgeteilt in mehrere Publikationsreihen, darunter die Michaelsteiner Konferenzberichte. Unter der Rubrik Michaelsteiner Musikarchiv und Tonträger werden Notenausgaben und CDs für die Nutzung in der musikalischen Praxis herausgegeben. Alle Schriften können in Michaelstein direkt bestellt oder im örtlichen Buchhandel erworben werden.
 
Einen Bogen von der Wissenschaft hin zum gemeinsamen Musikmachen unter dem Dach der Musikakademie schlägt beispielhaft das wissenschaftlich aufgearbeitete Reprint des Wernigeröder Tanzbüchleins aus dem 18. Jahrhundert, das bereits im Jahr 1993 als Nr. 32 der Reihe Dokumentationen – Reprints erschien. Es liefert einen wertvollen Fundus für die Aufführungen der klostereigenen Hausmusikgruppe iocus vivendi, die bereits zahlreiche Veranstaltungen musikalisch bereichert hat. Alle „versteckten Musiker“ sind herzlich willkommen!    
 

Quellen

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.