Bedeutung
Die Geschichte des Harz als Bergbauregion ist lang. Die Anfänge reichen bis in vorgeschichtliche Zeit. Montanarchäologisch konnte die Verhüttung von Erzen aus dem Rammelsberg bei Goslar bereits für das 3. Jahrhundert n. Chr. nachgewiesen werden.
In der Arbeits- und Lebenswelt der Bergleute spielten Gesang und Saitenspiel eine wichtige Rolle. So schreibt Berghauptmann Löhneyß über die Arbeit der Bergleute untertage: „… die NachtSchicht, die gehet an den Abendt umb Acht Uhr und wehret biß gegen Morgen umb drey Uhr…damit sie von Müdigkeit nicht schlaffen, so singen sie einen lustigen Bergkreyen“ (Löhneyß 1690). Bergreihen (von mittelhochdeutsch reie „Tanz(lied), Reigen“) sind die früheste Form der Lieder von Bergleuten. Im Laufe der Jahrhunderte durchläuft das Bergmannslied verschiedene Phasen und behält seine zentrale Stellung bis ins 20. Jahrhundert. Rund 50 Lieder sind vom 17. bis 20. Jahrhundert im Harz entstanden (Heilfurth 1954).
Die mittelalterlichen Bergreihen
Bei diesen Liedern handelt es sich um weltliche Tanzlieder der Bergleute. Nur wenige haben Bezug zum Bergbau. Die meisten weisen vielfältige weltliche Inhalte auf, auch Spottverse befinden sich darunter. Noten sind nicht überliefert.
Ihre Blütezeit hatten die Bergreihen im 16. Jahrhundert. Damals erschien eine Folge von kleineren Druckwerken mit Texten ohne Melodien (Meier 1892). Doch es gibt frühere Nachweise, zu denen auch der Lange Tanz in Goslar zu zählen ist. Der Tanz ist „…auffgekomen van den barch- und waltluden in grosser frolicheit, nach der grossen unenicheit, de se im anfange [mit] der stadt gehat haben.“ Diese „lange raie edder de grote dans“ wurde am Fastnachtsmontag aufgeführt (Cordes 1954). Der Chronist Hans Geismar (*1522) überliefert auch den Wortlaut des Textes, der dazu gesungen wurde:
„Keiser Karle ist hoch geborn,
de van Gosler haben vam rikke nicht verlorn etc.;
de Rammersbarch hat einen silbern foedt,
des drage wy van Gosler einen frien mudt;
midt dussen hoveschen junckfrauen fin
make wy van dannen einen krentzelin,
odder: van boneken ein krenzelin;
want dem anderen jare,
so raiet in jue pare, wy wilt dar up wol dencken,
wy wilt ju ohne wedder schencken etc.“
Burschen und Mädchen tanzten in einer langen Reihe von der Frankenberger Kirche auf Goslars Marktplatz. Die Anfangszeile meint vermutlich den römisch-deutschen Kaiser Karl IV. (reg. 1355-1378), sodass dieser Bergreihen möglicherweise bis in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückgeht. Wegen unzüchtigen Verhaltens und drastischer, unflätiger Gesänge verbot der Rat der Stadt 1536 den Langen Tanz. Nach einer überlieferten Tanzmelodie wurde er rekonstruiert und 1953 in Goslar wiederaufgeführt (Vollbrecht 1972).

Geistliche Berggesänge
In der Zeit nach dem 30jährigen Krieg entfaltete sich die religiöse Lieddichtung in allen damaligen Bergbaugebieten. Bekannten Melodien und vor allem Chorälen wurden mit geistlich geprägte bergbauliche Texte unterlegt. So entstanden geistliche Berggesänge. Verfasser waren meist Theologen und Organisten, die auch neue Melodien schufen. Pfarrer Petrus Eichholtz zu Zellerfeld erwähnt in seinem Buch Geistliches Bergwerck 1655 den geistlichen Bergreihen Freut euch sehr ihr Bergleut´ alle. Das Buch ist die Primärquelle für dieses Lied. Das Hartzische Berg-Andachten oder Neu-Vollständiges Gesang-Buch von 1691, gedruckt in Clausthal, führt unter der Rubrik Berg-Gesänge sechs weitere kirchlich gebundene Bergmannslieder auf.
Auch ein Geistreiches Stolbergisches Gesang-Buch von 1726 kennt sechs Berg-Lieder:
• Das walte der höchste Schöpfer mein (Nr. 379), Melodieangabe: Herr Jesus Christ, dich zu uns wend
• Gott der du Berg und Hügel (Nr. 380), Melodieangabe: Aus meines Herzens Grunde
• Wohlauf! Ihr Bergleut´ jung und alt (Nr. 381), Melodieangabe: fehlt
• O Bergwerks-Schöpfer höchster Gott (Nr. 382), Melodieangabe: In dich hab´ ich gehoffet
• Herr, segne unsre Kirch und Schul (Nr. 383), Melodieangabe: Erhalt uns Gott bei deinem Glauben
• Lass uns den reichen Segen finden (Nr. 384), Melodieangabe: Wer nur den lieben Gott lässt walten
Die meisten der Berglieder stammen von Matthäus Wiesner. Seine Lieder haben damals große Wirkung und Verbreitung entfaltet (Wieser 1668).
Ein anschauliches Beispiel für eine solche Textunterlegung ist der Choral Nun danket alle Gott. Als geistlicher Berggesang hat die Melodie eine andere Strophe erhalten:
Originaltext:
Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
unzählig viel zugut und noch jetzund getan.
Textunterlegung:
Nun danket alle Gott, der durch sein treues Walten,
uns alle väterlich versorget und erhalten,
der unsern Bergbau schützt und ihn mit Segen krönt,
daß fröhliches Glückauf! um unsre Halden tönt.
In den Kirchenbüchern der Harzer Bergbaureviere wurde den Berggesängen ein eigenes Kapitel eingeräumt. Dies zeigt, welche Bedeutung die jeweiligen Landeskirchen dem gottesdienstlichen Besuch der Bergleute und dem Bergbau beigemessen haben.
Ein eifriger Lyriker war auch Magister Conrad Müller, der im 18. Jahrhundert als evangelischer Pfarrer in Harzgerode wirkte. Von ihm finden sich 12 Berggesänge mit Melodieangaben im Liederbuch Geistlicher Bergbau des Theologen Christoph Gottlob Grundig, gedruckt 1781 in Schneeberg.
Der Oberharzer Schichtsegen, 1899 herausgegeben von der Inspektionskonferenz der Geistlichen des Oberharzes, bildet den letzten Höhepunkt dieser Entwicklung. Er enthält Bergandachten, Gebete, Berglosungen und 33 Berggesänge, bestimmt für die Morgengottesdienste vor Schichtbeginn.

Weltliche Bergmannslieder

Archivbild: Lutz Wille
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts entfaltete sich das profane Bergmannslied zunehmend und verdrängte im 19. Jahrhundert die geistlichen Berggesänge. Einfache Bergleute, Bergbeamte oder Lehrer traten als Textdichter und/oder Komponisten auf.
Diese Entwicklung ist unter anderem dem Liederbuch der Stolberger Bergsängerbande zu entnehmen. Eintragungen finden sich von 1754 bis 1812. Das Vortragsbuch führt unter 95 Eintragungen 14 Bergmannslieder auf, darunter nur noch einen Berggesang. Dagegen enthält es bekannte weltliche Lieder, die in allen Bergbaurevieren gesungen worden sind, wie Wacht auf, wacht auf, der Steiger kömt, das 2023 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden ist, oder das ebenfalls weit verbreitete Lied Frisch auf ihr Bergleut all. (Abb. 3)
Bereits kurz nach 1800 entstand das bekannte Harzer Bergmannslied Glück auf! Ihr Bergleut jung und alt. Als Textdichter wird der Geschworene Carl August Gottlieb Halfeld (*1770) angesehen, als Komponist gilt der Schichtmeister Friedrich Ludwig Hachmeister (1753-1833). Der früheste Melodienachweis findet sich im Liederbuch der Bergmännischen Liedertafel Constantia, die 1847 von 15 Rammelsberger Bergleuten in Goslar gegründet worden ist (Wille 2024). Durch Wanderbewegungen der Bergleute verbreitete es sich rasch über die Harzer Bergbaureviere hinaus.
1892 erschien von Robert Linnarz (1851-1931), Königlicher Seminarmusiklehrer am Lehrerseminar in Alfeld (Hannover), Glück auf! Bergmannslieder für vierstimmigen Männerchor. Zwar wurde es in Leipzig gedruckt, doch den Entwurf für den Buchtitel schuf der Oberbergamt- Markscheider Otto Moritz Brathuhn, das Vorwort schrieb der Königliche Bergwerksdirektor August Lengemann (Abb. 4). Neben weltlichen Bergmannsliedern nahm Linnarz darin auch 26 Berggesänge aus den alten Harzer Kirchengesangbüchern von Clausthal und Stolberg auf.
Die heutige Situation des bergmännischen Liedguts
Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten in Neudorf und Straßberg im Ostharzer Bergbaurevier von Bergleuten Lieder, etwa Schon wieder tönt vom Schachte her (1968, Audio-Datei) und Der Bergmann im schwarzen Gewande (1975), aufgezeichnet werden. 1992 jedoch wurde die letzte Grube im Harz geschlossen. Mit dem Ende des Bergbaus bricht auch die Tradition des Bergmannsliedes ab, die einst bis zum Bergreihen des Langen Tanzes im 14. Jahrhundert zurückreichte. Dennoch werden auch heute noch Berggesänge und Bergmannslieder in den bergmännischen Traditionsvereinen aller ehemaligen Harzer Bergbaugebiete gepflegt und in Bergdankgottesdiensten, auf Bergdankfesten, bei Knappschaftstreffen und Bergparaden zu Gehör gebracht.
Quellen
Löhneyß, Georg Engelhardt: Bericht vom Bergwerck. Zellerfeld 1617, 55.
Heilfurt, Gerhard: Bergmannslied – Wesen, Leben, Funktion. Kassel/Basel 1954, 36.
Meier, John: Bergreihen. Ein Liederbuch des XVI. Jahrhunderts. Halle a. S. 1892.
Cordes, Gerhard: Die Goslarer Chronik des Hans Geismar. Goslar 1954.
Wieser, Matthäus: Geistlicher Brunnquell. Hof 1668.
Wille, Lutz: Glück auf! Ihr Bergleut jung und alt – eine erneute Liedbetrachtung. Unser Harz 2025, 7-9.