Vier Akkordeons, vier Stühle, ein Probenraum im Kloster Michaelstein. Der Film aus der Reihe „Musikland im Gespräch“ setzt schlicht an. Er nimmt das Genish Quartett zum Ausgangspunkt: Kiia-Maria Piispa, Bela Brichzin, Johannes Zirkler und Anni Pelkonen. Vier junge Musiker:innen aus Deutschland und Finnland, die sich bei einem Meisterkurs kennengelernt haben und seither gemeinsam auftreten.
Das Quartett steht für eine Seite des Akkordeons, die öffentlich noch immer weniger sichtbar ist als andere. Viele verbinden das Instrument mit Volksmusik, Vereinsleben, Straße oder Familienfeier. Und mit Seemannsliedern, Shantychören, so etwas. Und natürlich gehört alles das zur Geschichte des Instruments und all das erklärt auch seine Verbreitung. Aber es ist eben nur einen Teil dessen, was das Instrument heute ist.
Man könnte sagen, dass sich der Aktionsradius des Instruments Akkordeon in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erweitert hat: als Konzertinstrument, als Kammermusikinstrument, in der Neuen Musik, im Tango, im Jazz, in Opern- und Orchesterzusammenhängen. Es wird an Musikhochschulen unterrichtet, für zeitgenössische Kompositionen eingesetzt und in Besetzungen erprobt, die lange nicht selbstverständlich waren. Das Genish Quartett knüpft genau daran an. Im Programm des Konzerts in Michaelstein standen unter anderem Johann Sebastian Bach, Igor Stravinsky und Mauricio Kagel.
2026 ist das Akkordeon Instrument des Jahres. Die Landesmusikräte richten mit der „Instrument des Jahres“-Kampagne bundesweit Aufmerksamkeit auf ein Instrument, das vielen vertraut erscheint und trotzdem oft unterschätzt wird. Das Ziel ist nicht allein Werbung für ein Instrument. Es geht um Wahrnehmung: Was kann das Akkordeon? Woher kommt es? In welchen musikalischen Zusammenhängen steht es heute?
Eine Antwort liegt schon im Bau des Instruments. Das Akkordeon verbindet mehrere Ebenen: Melodie, Harmonie, Bass, Rhythmus, Klangfarbe. Der Balg steuert Luft, Druck und Dynamik. Er macht sichtbar, dass der Ton unmittelbar am Körper entsteht. Deshalb ist das Akkordeon ein besonders physisches Instrument. Es verlangt Kraft, Koordination und ein genaues Gefühl für Bewegung. In einem Quartett vervielfacht sich diese Anlage. Vier Akkordeons bedeuten nicht einfach mehr Lautstärke. Sie eröffnen ein kammermusikalisches Gefüge, in dem Stimmen verteilt, Farben abgestimmt und Bewegungen koordiniert werden müssen. Das Instrument kann dabei regelrecht orchestral wirken, es trägt viel in sich: Stimmen, Atem, Dichte: ein Orchester auf dem Schoß.
Für das Musikland Sachsen-Anhalt hat diese Geschichte eine weitere Ebene. Johannes Zirkler stammt aus Halle an der Saale. Sein Weg führte über Unterricht, Wettbewerbe, Ensembles, Meisterkurse und internationale Begegnungen und steht damit beispielhaft für musikalische Nachwuchsförderung in einem Bundesland ohne Musikhochschule.
Das ist ein wichtiger Punkt. Sachsen-Anhalt verfügt über keine eigene Musikhochschule. Wer hier aufwächst und Musik professionell weiterverfolgen will, geht für das Studium meist in andere Bundesländer oder ins Ausland. Damit werden die vorgelagerten Strukturen umso bedeutsamer: Musikschulen, Landesensembles, Wettbewerbe, Akademien, Probenphasen, Lehrkräfte, Fördervereine und Orte wie Michaelstein. Sie bilden die Grundlage, auf der junge Musiker:innen überhaupt so weit kommen können.
Und gerade beim Akkordeon wird sichtbar, wie viel diese Strukturen in Sachsen-Anhalt leisten. Nachwuchsförderung beginnt nämlich nicht erst beim Wettbewerb und nicht erst an der Hochschule. Sie beginnt dort, wo Kinder und Jugendliche gemeinsam musizieren, hören, reagieren und genau aus solchem gemeinsamen Spielen können später Ensembles entstehen, Studienwege, Konzertprogramme, internationale Kontakte.
Das Jahr des Akkordeons 2026 bietet einen Anlass, genauer auf diese Zusammenhänge zu schauen. Und auf ein Instrument, das in der Breite verwurzelt ist und in der professionellen Musik längst angekommen ist, auf junge Musiker:innen, die seine Möglichkeiten ernst nehmen. Und auf ein Bundesland, in dem musikalische Entwicklung stark von dezentralen Orten, persönlichen Förderwegen und kontinuierlicher Arbeit abhängt, was nicht immer herausforderungsarm ist, aber doch ganz offensichtlich auch ziemlich oft ziemlich gut funktioniert.
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Mehr InformationenEin Film aus unserer Reihe Musikland im Gespräch.


