Biografie
* 30. Oktober 1772 in Lunzig, † 4. Mai 1850 in Zeitz
Über den im thüringischen Lunzig in der Nähe von Greiz als Sohn eines Mühlenbesitzers geborenen Orgelbauer Johann Michael Gottlob Böhme gibt es nur wenige biografische Informationen. Sein Wirken im Raum des heutigen Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen hinterließ jedoch zahlreiche nachgewiesene Orgeln, von denen heute einige nach erfolgten Restaurationsmaßnahmen wieder originalgetreu erklingen. Böhme betrieb eine Orgelbauwerkstadt in Zeitz in der Stephansgasse und baute insgesamt 43 neue Orgeln (vgl. Kohrs 2009, S. 19 f.), die letzten 14 „nachweislich“ zusammen mit seinem Gehilfen und Partner Carl Winter (gemeinsame Firma Böhme & Winter; vgl. Pape/Hackel 2015, S. 63)
Seine Ausbildung zum Orgelbauer erhielt Böhme bei Johann David Schädlich (auch: Schättlich) in Hohenleuben. Durch „viel Mühe, Geschick und Genauigkeit“ (Kohrs 2009, S. 19), mit denen er seine Aufträge ausführte, erwarb er sich bald einen guten Ruf als Orgelbauer. Dabei soll er bei der Gestaltung seiner Dispositionen „künstlerischen Eigensinn“ gezeigt haben mit einer Vorliebe für die „sanften Stimmen“ wie Gambe und Flöte (ebd.).
Frühe Reparaturaufträge für Silbermann-Orgeln in Chemnitz und Rochlitz führten dazu, dass Böhme seine WindladenWindlade Kernstück der Orgel: Hierauf stehen die Pfeifen und werden mit Wind versorgt. Zugleich findet hier der Übergang von der mechanischen Bewegung durch die Tasten in den Windfluss statt. und Regierwerke im Silbermann-Stil baute. Die mit 27 RegisternRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. wohl größte Böhme-Orgel entstand für die Kirche St. Petri und Pauli im thüringischen Reinsdorf. Das Instrument ist allerdings wegen der einstürzenden Kirchendecke seit 1990 eingelagert und wartet auf seine Restaurierung.
Aufträge erhielt Böhme auch aus dem Ausland. So sollte er z. B. im niederländischen Haarlem eine Orgel mit 60 Registern bauen, die allerdings aufgrund der kriegerischen Zeitumstände nie realisiert wurde. Seine letzte Orgel baute er 1849/50 zusammen mit Carl Winter für den Zeitzer Dom. Dieses Instrument ist jedoch nicht mehr erhalten.
Johann Michael Gottlob Böhme starb am 4. Mai 1850 unverheiratet und kinderlos an „Altersschwäche“. Er war „… eine jener weichgeschaffenen Seelen, welche die Grenzen ihres Wohlthuns weit – weit abstecken, welche Niemand eine Bitte abzuschlagen vermögen, welche leihen ohne wieder zu fordern, welche den Rock samt den Mantel lassen. Nun ihr Borger, weint dem Manne wenigstens noch eine Thräne nach, sie fangen an rar zu werden, diese guten Seelen aus alter christlicher Schule.“ (Kreisblatt Zeitz vom 18. Mai 1850, zit. n. ebd.). Die Werkstatt übernahm nach Böhmes Tod Carl Winter.

Werke


Knapp die Hälfte der von Böhme gebauten Instrumente existieren noch, die meisten davon in kleinen Dorfkirchen, so in Sachsen-Anhalt z. B. in den Orten Tröglitz (Burschütz), Schönburg, Kirchsteitz, Rippicha, Kistritz, Langendorf und Holleben. Es handelt sich durchweg um Orgeln mit ein oder zwei ManualenManual Klaviatur für die Hände. und PedalPedal Klaviatur für die Füße.. In der Michaeliskirche in Zeitz ist der Prospekt einer Böhme-Orgel erhalten (s. Bild oben), der im Jahr 1911 von der Orgelbau-Anstalt Wilhelm Rühlmann zum Einbau einer neuen Orgel „stilharmonisch“ um zwei Seitenteile erweitert wurde.
Besonders hervorzuheben sind die Instrumente in Schönburg im Burgenlandkreis und in Holleben im Saalekreis, die heute wieder im Originalklang zu hören sind.
Die Schönburger Orgel mit zwei Manualen und Pedal gehört zu Böhmes Spätwerk und war „Orgel des Monats August 2018“ der Stiftung Orgelklang. Im Jahr 2018 erhielt die Firma Schuke aus Werder bei Potsdam den Auftrag zur Restaurierung. Auf der Website der Firma heißt es: „Vor Kurzem konnten wir die Restaurierung der Johann Gottlob Böhme Orgel in Schönburg (bei Naumburg) abschließen. [ … ] Obgleich sie mit ihren 19 Registern II/P mit mechanischen SchleifladenSchleiflade Häufigste Form der Windlade mit einem verschiebbaren Brett (Schleife), mit dessen Hilfe die Register gesteuert werden können. nicht die größte ist, ist sie doch die Schönste. Die DispositionDisposition Gesamtanlage einer Orgel (Register, Manuale, Traktur, Spielhilfen, Stimmung). konnte durch intensive Recherchen wieder rekonstruiert werden. Die Windladen wurden aufwendig in unserer Werkstatt restauriert. Hier gab es massive Schäden, sodass das Instrument lange nicht mehr spielbar war. Alle neuen Pfeifen wurden wie üblich in unserer eigenen Pfeifenwerkstatt gebaut.“
Das Instrument im kleinen Saalekreis-Dorf Holleben ist laut Böhme-Orgelwerkeverzeichnis (entnommen dem Zeitzer Kreisblatt von 18. Mai 1850; vgl. Festschrift, s. Literatur, S. 10/11) die 24. Orgel Böhmes und wurde im Jahr 1823 geweiht. Sie konnte 2009 dank des Engagements des Fördervereins Evangelische Dorfkirche zu Holleben e. V. einer grundständigen Restaurierung durch den Orgelbauer Georg Wünning aus Großolbersdorf unterzogen und in den Originalzustand aus der Zeit Böhmes zurückversetzt werden. Sie besitzt 18 RegisterRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können. auf zwei Manualen und Pedal und hat eine mechanische TrakturTraktur Übertragungssystem zwischen Tasten (Spiel- oder Tontraktur) bzw. Registerzügen (Registertraktur) und den Pfeifenventilen.. Der Restaurator spricht von einem „Instrument mit hohem Denkmalswert“, in dem nach der Restaurierung „noch 85 % des originalen Pfeifenbestandes“ erhalten werden konnten (vgl. ebd., S. 16).
Das historische Gehäuse von Gottfried Zehm aus dem Jahr 1699, das „Böhme vermutlich verändert in Grundzügen übernommen“ hat (Johannes Richter, Orgel-Verzeichnis, s. Link unten), wurde von der Restaurations-Firma Schöne aus Halle aufgearbeitet. „Drei halbrunde Pfeifentürme gliedern den Prospekt, dazwischen liegen je zwei übereinander angeordnete, gegenläufig geschwungene Harfenfelder. Zierpokale sowie florales Schleierwerk in Dunkelgrün-Gold und eine dezente, aber edel marmorierte Farbfassung des Gehäuses lassen die Erscheinung in Verbindung mit den silbern glänzenden Prospektpfeifen überaus erhaben wirken.“ (Ebd.) Mit einer Disposition, die das Instrument als „bemerkenswert farbige Orgel der Frühromantik, die auch barocke Musik gut zulässt“ zeige, sei die „angenehm“ spielbare Orgel laut Richter „eines der wertvollsten Instrumente der Hallenser Randregion und überaus hörenswert“ (ebd.).
Orgelbauer Georg Wünning sieht bei Böhmes Dispositionen folgendes „Schema“: „Alle Orgeln weisen eine ausgeprägte, aber sehr differenzierte und im Tutti kräftige Grundtönigkeit auf. Das führt im Pedal bis zu reiner 16‘ Besetzung. Das OberwerkOberwerk Das Oberwerk steht meistens über dem Hauptwerk. In der Barockzeit wurde auch manchmal das Hauptwerk wegen seiner Lage als Oberwerk bezeichnet. basiert auf einem Principal 8‘, der aus Platzgründen meist nicht bei C beginnt. Es gibt keinen Principal in 4‘ Lage in den Oberwerken. Das Cornett (in Principalmensur) befindet sich immer als Klangkrone im II. ManualManual Klaviatur für die Hände. und enthält nie den 2‘, der aber dann als selbständiges Register erscheint. In den Hauptwerken ist der Principalaufbau ab 8‘ lückenlos mit einer MixturMixtur Pro Taste erklingen mehrere hochliegende Pfeifen eines Registers (“Mischung”, meistens Oktaven und Quinten, seltener Terzen). Mixturen ergeben die “Klangkrone”, den typischen strahlenden oder auch “scharfen” Klang einer Orgel (z. B. Mixtur 4-fach, Scharf 6-fach). vorhanden. Meist ist die Grundlage ein Quintatön 16‘ bis C aus Metall und hinten auf der Lade stehend.“ (Festschrift, s. Literatur, S. 17)
Klangbeispiele
Johann Pachelbel (1653-1706) – Chaconne f-Moll P. 43 (Ed. W.Stockmeier), gespielt an der Böhme-Orgel in Holleben von Johannes Richter
J. S. Bach, Präludium und Fuge f-Moll BWV 534, gespielt an der Böhme-Orgel in Holleben von Johannes Richter
Literatur
Förderverein Evangelische Dorfkirche zu Holleben e. V. (Hrsg.), Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Böhme-Orgel in der Evangelischen Dorfkirche zu Holleben, Schkopau 2009.
Detlef Kohrs, „Der Orgelbaumeister Böhme“, in: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Böhme-Orgel in der Evangelischen Dorfkirche zu Holleben, hrsg. vom Förderverein Evangelische Dorfkirche zu Holleben e. V., Schkopau 2009, S. 19 f.
Uwe Pape, Wolfram Hackel (Hrsg.), Lexikon norddeutscher Orgelbauer. Bd. 3: Sachsen-Anhalt und Umgebung, Berlin 2015, S. 63.
Johannes Richter, Orgel: Teutschenthal / Holleben – Dorfkirche, Orgel-Verzeichnis Orgelarchiv Schmidt, https://orgel-verzeichnis.de/teutschenthal-holleben-dorfkirche/, abgerufen am 24.10.2023.
Links
Kirche Schönburg: Die Orgel – so schön, so kostbar, von Michael Heise, Mitteldeutsche Zeitung, 02.01.2020
Restaurierung der Böhme-Orgel in Schönburg, Website der Alexander Schuke Orgelbau GmbH
„Orgel des Monats August 2018“ in Schönburg, Stiftung Orgelklang