„Sachsen-Anhalt ist die Wiege der Kirchenmusik“. Interview mit dem Wittenberger Kantor Christoph Hagemann

In Sachsen-Anhalt beginnt die Geschichte der Kirchenmusik. Christoph Hagemann ist Kantor an der Stadtkirche in Wittenberg.
© Musikland Sachsen-Anhalt

Seit September 2021 ist Christoph Hagemann Kantor an der Stadtkirche in Wittenberg – jener Kirche, an der Martin Luther einst predigte und wo die Kirchenmusik ihren Ursprung hat. Hagemann ist ein leidenschaftlicher Organist und Kantor. „Das Eindrucksvolle ist, dass das Frequenzspektrum der Orgel wahnsinnig groß ist. Von den tiefsten Tönen, die man fast nur körperlich spürt, bis zu den höchsten Tönen, die man kaum mehr hört. Die Orgel kann also das komplette Frequenzspektrum bieten, das das menschliche Ohr wahrnehmen kann.“ Hinzu kommt, sagt Hagemann, dass die Orgel in einem großen Kirchenraum erklingt, einem Raum also mit viel Hall. So etwas live zu hören, sei ein eindrucksvolles Erlebnis.

Christoph Hagemann wuchs in Thalheim im Erzgebirge auf, studierte dann an der Universität der Künste in Berlin Kirchenmusik. Ab 2005 arbeitete er als Kantor in Berlin-Schöneberg. Warum er sich entschlossen hat, Kantor in Wittenberg zu werden, was für ihn die Arbeit als Organist und Kirchenmusiker ausmacht und was für ihn das Besondere an der Musiklandschaft in und um Wittenberg ist, verrät Christoph Hagemann im Gespräch mit Musikland Sachsen-Anhalt. Hagemann demonstriert in diesem Video außerdem die Klangfacetten der 1983 gebauten Orgel von der Firma Sauer in der St. Marien Kirche.

Im Jahr 2024 feiert die Lutherstadt Wittenberg zusammen mit der Stadt Torgau ein denkwürdiges Jubiläum. Vor 500 Jahren veröffentlicht Johann Walter, der als Komponist und Kantor in Torgau wirkte, das erste evangelische Gesangbuch. Es beinhaltete mehrstimmige Chorsätze der wichtigsten evangelischen Choräle. Das Vorwort zu diesem Chorbuch schrieb Martin Luther. „Sachsen-Anhalt ist damit im Prinzip die Wiege der evangelischen Kirchenmusik“, ordnet Christoph Hagemann die Veröffentlichung des Gesangbuchs ein.

In Wittenberg und Torgau habe das Singen in Kirchenchören wie wir es bis heute kennen, also das bürgerliche Musizieren in der Kirche, begonnen, erklärt Christoph Hagemann. Anlässlich dieses Jubiläums veranstalten die Kirchen in Wittenberg und Torgau die Konzertreihe „fides cantat“. Außerdem findet vom 27. bis 29. Juni 2024 in Wittenberg die Tagung „A Singing Communion“ statt. Im Mittelpunkt der Tagung steht die Frage, welche Einflüsse aus der heutigen Musik ins Kirchenlied des 21. Jahrhunderts einfließen.

Christoph Hagemann leitet in seiner Funktion als Kantor u.a. einen Chor mit 80 Sänger:innen sowie einen Kinderchor. Hagemann will Menschen für Musik begeistern und sie dazu motivieren selbst zu musizieren. Er sagt, „jede:r kann singen, weil es physikalisch dasselbe ist wie sprechen. Und wer sprechen kann, der kann auch singen. Dass man das ein bisschen üben und lernen muss, das ist klar.“ Der Kantor schwärmt für das Erleben von live gemachter Musik. Das Gespräch mit Christoph Hagemann macht es ganz deutlich, für ihn ist es ein Geschenk Kantor zu sein.

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In der Reihe Musikland im Gespräch sind weitere Interviews mit Netzwerkpartner:innen erschienen, u.a. mit der Oboistin und Instrumentalpädagogin Beatrix Lampadius aus Aschersleben, mit der Geschäftsführerin des Landeschorverbands, Christel Kanneberg und mit Peter Grunwald von der Landesmusikakademie im Kloster Michaelstein.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.