Wütend in der Uni, wütend im Konzert

In einem Kooperationsprojekt mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg stellt sich die Staatskapelle Halle in den Dienst einer Gruppe Studierender. Sie haben die Chance, ein eigenes Konzert zu gestalten und im März 2025 auf die Bühne zu bringen. Nur das inhaltliche Thema gab die Staatskapelle vor: WUT!? Das Musikland besuchte eine Seminarsitzung und sprach mit den Beteiligten.

Gehen eine Musikvermittlerin, ein Orchesterdirektor, zwei Musikwissenschaftler:innen und ein Justiziar in die Uni und machen ein Seminar über Wut. Was kommt dabei raus? Das konnten Interessierte am 20. März 2025 im Volkspark Halle sehen und vor allem hören. Im Spielplan der Staatskapelle Halle stand an diesem Tag ein Konzert der neuen Reihe DurchEinander. Diese Reihe widmet sich neuen und innovativen Formaten und  in diesem Fall dem StudiLab. Ambitioniert hat sich die Staatskapelle für DurchEinander selbst das Ziel gesetzt, „Chancen für wahrhaft Neues“ zu schaffen.

Das StudiLab ist eine Zusammenarbeit der Staatskapelle mit der musikwissenschaftlichen Abteilung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Programm und Gestaltung des Konzerts stammen von Studierenden der MLU, das Orchester stellt die Staatskapelle. Die Planung erfolgt in einem Seminar, das die Musikwissenschaftler:innen Anna Schaefer und Pascal Schiemann gemeinsam mit dem Orchesterdirektor Phillip Barczewski und der Musikvermittlerin Emma Würzebesser von der Staatskapelle Halle und verschiedenen Expert:innen anbieten. Auf dem Lehrplan stehen ein Konzertbesuch, die Begehung des Volksparks, dem späteren Konzertort, Inhalte aus der Musikvermittlung, -geschichte und -journalismus und Themen wie Orchestermanagement, Raumplanung und Veranstaltungsrecht.

Der Trend geht zum Projekt

Für die Dozent:innen bedeutet das einen großen Arbeitsaufwand, so Schaefer und Schiemann. Diese Mühen würden bisher mit einer auffallend regen und regelmäßigen Teilnahme der Studierenden belohnt, die aus ganz verschiedenen Fächern zusammenkommen. Zwar stammt der Großteil aus der Musikwissenschaft, dabei sind aber auch angehende Lehrer:innen und Studierende anderer Fächer. Die meisten von ihnen, so erzählen sie selbst im Gespräch, nehmen am Seminar teil, weil sie die Vorstellung reizt, ein solches Projekt selbst mitgestalten zu können. Und auch von denen, die ursprünglich nur da waren, weil sie noch den Schein brauchten, kamen viele regelmäßig wieder. Die Heterogenität der Gruppe, so Dozentin Anna Schaefer, ist für die Lehrenden eine große Chance. Die verschiedenen Perspektiven auf den Gegenstand Konzert bereichern den Austausch. Immerhin soll auch das Konzert, das bestenfalls am Ende des Seminars als Ergebnis entsteht, heterogene Zielgruppen ansprechen, betont Pascal Schiemann.

Nicht nur der Umfang, sondern auch die Praxisnähe des Projekts sind ungewöhnlich. Insgesamt berichten die Studierenden aber von einer Zunahme der Praxisanteile im Studium. Das kommt gut an, merken auch die Dozierenden. Der Trend geht zum Projekt. Reagiert die Musikwissenschaft hier auch auf einen sich verändernden (Kultur-)Arbeitsmarkt, der von zukünftigen Absolvent:innen Vielseitigkeit und Flexibilität erwartet? Ja, antwortet Dozentin Anna Schaefer auf diese Frage. Realistischerweise wird eine Ausbildung in Tonsatz, Kontrapunkt oder Musikgeschichte allein in Zukunft wohl immer weniger Musikwissenschaftler:innen den Lebensunterhalt sichern können. Deutschlandweit verzeichnen geisteswissenschaftliche Studiengänge seit Jahren rückgängige Immatrikulationen. Können Kooperationen dieser Art ein Lösungsansatz für dieses Problem sein? Die Student:innen jedenfalls sind froh, sich ein Bild davon machen zu können, ob beispielsweise eine Tätigkeit im Orchestermanagement eine attraktive Profession wäre.  Als erfahrene:r Veranstaltungsjurist:in werde niemand aus dem Seminar gehen, sagen die Dozierenden, mit einem Überblick über die vielen Tätigkeitsfelder rund um das Konzertwesen aber schon.

Stadt, Uni, Orchester

Die Universität zieht zuverlässig Jahr für Jahr junge Leute nach Halle. Seminarteilnehmerin Miriam betont: „Halle ist eine Studentenstadt. Halle ist eine Stadt, die davon lebt, dass neue Studis herziehen, die dann auch wieder wegziehen.“ Eine Zielgruppe, die sich so sehr durch Fluktuation auszeichnet, zu erreichen, vielleicht sogar an sich zu binden, ist keine leichte Aufgabe für die Staatskapelle. Miriam sieht aber gerade in diesem Projekt eine Chance, junge Menschen durch Beteiligung für sich zu gewinnen.

Emma Würzebesser, die Musikvermittlerin der Staatskapelle Halle, stellte bei der Musikland Netzwerktagung 2024 die Ziele ihrer Arbeit vor. Man habe sich vorgenommen, im Leben der Hallenser:innen präsenter zu werden und Halle selbst als Klangkörper zu entdecken. Europäische Metropolen schmücken sich seit Jahrhunderten mit Orchestern und Universitäten. Wie verhalten sich die drei Pole Stadt, Universität und Orchester heute zueinander? Welche Rolle spielen Orchester und Universität für die Stadt und ihre Einwohner:innen? Das StudiLab ist ein spannender Versuch, durch neue Zusammenarbeiten Antworten auf diese Fragen zu finden. Oper und musikwissenschaftliche Abteilung liegen ohnehin nur einige Gehminuten voneinander entfernt.

„Lass doch ’nen Circle-Pit um die erste Geige machen!“

Aber was ist eigentlich Wut? Was macht junge Menschen wütend und lässt sich aus ihrer Wut auch etwas Positives gewinnen? Diesen Fragen gehen die Studierenden gemeinsam nach. Und wie Wut klingt, das entscheiden die Seminarteilnehmer:innen in Pitches, also in kurzen, prägnanten Präsentationen einer Idee, die das Ziel haben, die anderen zu überzeugen. Was die künstlerische Entscheidungsfindung angeht, orientiert sich das Seminar also eindeutig eher an New Work: Ausprobiert werden moderne Arbeitskonzepte, die auf Flexibilität, Selbstverwirklichung und Zusammenarbeit setzen, oft unterstützt durch Digitalisierung und agile Methoden. Hierarchisch geprägte Orchestertraditionen spielen keine Rolle. Kleingruppen treten im Wettstreit der Ideen gegeneinander an und präsentieren ihre Visionen von Raumgestaltung, Vermarktung oder Musik, am Ende wird demokratisch entschieden: Improvisation, eine Rockband im Orchester oder eben gleich der Circle-Pit, das vor allem aus dem Heavy Metal bekannte wüste Rennen im Kreis, hier allerdings um die erste Geige herum platziert – das waren nur ein paar der ambitionierten Stichworte. Die Idee, die am meisten überzeugt, wird als Konzert umgesetzt.

Ähnliche Beiträge im Musikland Blog

Aktivitäten aus dem Netzwerk

Wenn ein Festival endet

1979 begann in Halle eine Geschichte, die nun endet: Das Internationale Kinderchorfestival Halle (Saale) wird nicht fortgeführt. Intendantin Marie-Therese Mehler sprach mit dem Musikland über die Gründe für das Aus des Festivals.

Weiterlesen »
Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.