Beste Bedingungen für einen musikalischen Stadtspaziergang
Manchmal liegen die spannendsten Geschichten näher, als man denkt. Man muss nur wissen, wo man hinschauen sollte. Halle (Saale) ist voller solcher Orte. Gelegenheiten für eine Entdeckungsreise gibt es immer wieder – so auch Ende April, als rund 20 Teilnehmende der Einladung des Musiklands Sachsen-Anhalt folgten, gemeinsam die Musiklandpartie in der Saalestadt zu spazieren. Bei frühsommerlichen Temperaturen und herrlichem Sonnenschein wird die zweite Ausgabe dieses musikalischen Reiseformats zum Leben erweckt und durch Joel Podolski angeleitet. Von der südlichen Innenstadt führt die Route quer durch die Stadt und somit vorbei an Orten, an denen Weltstars auftraten, Straßenmusiker zu Legenden wurden und Glocken als Instrumente gespielt werden.


Die Tour beginnt – auf geht’s zur Musiklandpartie
Schon die erste Station hat es in sich. Dort, wo bis vor wenigen Monaten das Gebäude der „Schorre“ stand, wurde ein Stück hallescher Musikgeschichte geschrieben. Kaum zu glauben: 1991 spielte hier eine damals weitgehend unbekannte Band im Vorprogramm von Sonic Youth. Die Vermutungen der Teilnehmenden überschlagen sich. Wer könnte es gewesen sein? Die Zwischenrufe werden lauter. Die Auflösung? Nirvana. Wenige Wochen später erschien „Nevermind“ und machte aus den drei Musikern innerhalb kürzester Zeit absolute Weltstars. Das Gebäude ist inzwischen verschwunden. Die Geschichte dahinter lebt weiter.
Reges Treiben in Halles Innenstadt
Auf dem Weg ins Zentrum wird schnell klar: Wer durch Halles Innenstadt läuft, begegnet Musik an den unterschiedlichsten Orten. Zum Beispiel am Denkmal für Zither-Reinhold. Jahrzehntelang gehörte der Straßenmusiker zum Stadtbild. Mit seiner Zither spielte er Volkslieder, Schlager und gelegentlich sogar Weihnachtsmusik mitten im Hochsommer. Das Denkmal für diesen ebenso skurrilen wie liebenswürdigen Zeitgenossen zeigt, wie sehr ihn die Hallenser:innen schätzten. Bis heute scheint der kleine Platz genau diese Wärme auszustrahlen.


Auf dem nahegelegenen Marktplatz reihen sich musikalische Entdeckungen aneinander: Viele kennen das Händeldenkmal, doch nur wenige entdecken auf der Rückseite des Notenpults das Gesicht der schwedischen Sängerin Jenny Lind. Und während man noch über ihren Beitrag zur Errichtung dieses Wahrzeichens staunt, hört man schon die 76 Glocken des Carillons im Roten Turm, die hier regelmäßig für besondere Klangmomente sorgen. Gespielt werden sie nicht nur automatisch, sondern auch von ausgebildeten Carilloneur:innen. Ein riesengroßes Instrument direkt im Herzen der Stadt also – wer hätte das gedacht?
Weiter geht es in die Kleine Ulrichstraße, wo sich eine entspannte Atmosphäre breitmacht: Vor Cafés sitzen Menschen in der Sonne, aus offenen Türen klingt Musik, das Café „Roter Horizont“ mit seinem selbstspielenden Flügel verleiht der Straße einen besonderen Charme – hier hat sogar Clueso einmal spontan ein Konzert gegeben. Ein klein wenig Fantasie genügt, um sich vorzustellen, wie die ganze Straße an einem Sommerabend zur kleinen Bühne wurde. Danach führt der Weg zur Moritzburg, wo sich Kunst und Musik auf überraschende Weise verbinden. Lyonel Feininger residierte Anfang der 1930er hier im Torturm und war nicht nur bedeutender Künstler, sondern auch als hochbegabter Musiker und von J. S. Bach inspirierter Komponist bekannt. Bei manchen Menschen fragt man sich unweigerlich, ob sie beim Verteilen der Talente nicht mehrfach in der Schlange standen.
Musik im Naherholungsgebiet
Je weiter die Route führt, desto grüner wird die Umgebung. Eine Station ist die Gedenktafel für Fritz Weineck, auch „der kleine Trompeter“ genannt. Einige Teilnehmende erinnern sich an das mit ihm verbundene Pionierlied und rekonstruieren mit vereinten Kräften Text und Melodie. Der auf diese Weise spontan gegründete Chor zieht weiter zur Peißnitzinsel, wo eine verdiente Eispause nicht fehlen darf.

Der perfekte Abschluss wartet schließlich an der dort gelegenen Freilichtbühne. Kaum ein anderer Ort zeigt so deutlich, wie vielfältig, hochkarätig und international Halles Popmusikgeschichte ist. Bob Dylan, David Bowie, Deep Purple oder Die Ärzte – sie alle standen hier bereits auf der Bühne.

Livemusik und Käseschnitzel in geselliger Runde
Ein gemeinsamer Ausklang rundet diesen musikalischen Samstag ab. Im Brohmers, einer nahegelegenen Musikkneipe, tauschen sich alle noch einmal aus, erzählen ihre eigenen Geschichten zu den gesehenen Orten und lauschen der jazzigen Livemusik. Nach diesem Tag bleibt vor allem ein Eindruck: Halle klingt und erzählt Geschichten. Nicht nur durch Händel, sondern genauso durch Rockmusik, Straßenmusik, Kneipen, Glockenspiele und kleine wie große Konzerte. Genau das macht diese Musiklandpartie so besonders.

Und das Beste daran: Für diese Entdeckungsreise muss man nicht auf die nächste geführte Tour warten. Alle Routen der Musiklandpartie stehen digital auf outdooractive.com zur Verfügung. Ergänzend gibt es ausführliche Booklets mit Hintergrundgeschichten, Bildern und weiterführenden Inhalten. Sie liegen an ausgewählten Stationen aus oder können kostenfrei beim Musikland Sachsen-Anhalt bestellt werden.

