Träume brauchen keine Großstadt. Sie brauchen eine Bühne.

Von Angela Peltner

Es ist 2001. Ich steh barfuß auf einer Bühne im Hanseat in Salzwedel. Ich war Teil einer keltischen Band, sang unter anderem auf Gälisch und hatte – das kann ich heute zugeben – absolut keine Ahnung, was ich da sang. Nicht ein Wort. Die Sprache war so geheimnisvoll wie meine Zukunft. Vielleicht war das sogar passend.

Und mitten in diesem Auftritt, während ich hüpfte und sang, hatte ich genau einen Gedanken: Bitte. Bitte, jetzt nicht auf die Bühne pinkeln. Das ist meine Erinnerung an local heroes. Nicht der Siegerpreis. Keine Urkunde. Nicht der Applaus. Sondern dieser eine Moment zwischen Lampenfieber und Größenwahn, zwischen „Was mache ich hier eigentlich?“ und „Genau hier gehöre ich hin.“ Dieser Moment, der sich nicht planen lässt und trotzdem für immer bleibt. Der sich ins Gedächtnis brennt, nicht weil er perfekt war, sondern weil er echt war. Weil man dort oben stand. Weil man es gewagt hat. Und das war schon alles. Das war genug. Für den Moment.

Ich war kein Wunderkind. Ich hatte keine Management-Anfragen, keine Demo-Tape-Geschichte, keine Entdeckungslegende. Ich hatte einen Bruder, der mich mitschleppte, eine Band, eine Bühne und das dringende Bedürfnis zu beweisen, dass Musik aus einer Kleinstadt genauso viel wert ist wie Musik aus einer Großstadt. local heroes hat mir genau das gesagt. Nicht in Worten. Sondern dadurch, dass es existierte. Dass es einfach da war. Ein Wettbewerb, klar, mit Abstimmungen und Preisen. Aber es war nicht nur ein Wettbewerb. Es gab auch ein Versprechen. Das Versprechen, dass junge Musikerinnen und Musiker ernst genommen werden, lange bevor die Welt sie ernst nimmt. Dass niemand fragt, wie viele Streams du hast. Dass niemand wissen will, wie dein Marketing-Konzept aussieht. Dass die einzige Frage lautete: Und wie viel Herz steckt darin?

In einer Welt voller Follower:innen-Zahlen, Algorithmen und permanenter Selbstoptimierung klingt das fast revolutionär. War es auch. 35 Jahre local heroes. Das ist eine Zahl, hinter der sich tausende solcher Momente verstecken. Erste Bandproben in Jugendzentren, bei denen noch niemand weiß, wohin die Reise geht. Eltern, die Verstärker schleppen und dabei so tun, als wäre das selbstverständlich – obwohl sie insgeheim jeden einzelnen Kabelknoten verfluchen. Bands, die nachts im Tourbus sitzen, Chips essen und leise davon träumen, dass das hier vielleicht wirklich was werden könnte. Dass dieser Song, den sie letzte Woche im Proberaum geschrieben haben, irgendwann jemand anderes hören wird. Irgendwo. Irgendwann.

Menschen, die sich ohne Musik nie begegnet wären.

Das ist das eigentliche Erbe von local heroes. Nicht die Karrieren – auch wenn sie kamen. Nicht die Charts – auch wenn die folgten. Sondern die Begegnungen. Freundschaften. Die Türen, die sich öffneten, weil jemand irgendwo zu irgendjemanden gesagt hat: Probier es aus. Du darfst das. Dein Traum hat hier Platz.

Ich durfte local heroes aus vielen Perspektiven erleben. Als überforderte Rest-Teenagerin auf der Bühne, wie oben benannt. Als Jurymitglied, das plötzlich auf der anderen Seite saß, merkte ich, wie schwer es ist, Talent in Worte zu fassen oder gar zu bewerten. Als jemand, der zurückblickt und erkennt: Diese Orte prägen dich. Ob du willst oder nicht. Sie setzen sich fest. Sie werden ein Teil von dir.

katkit dessau kurtweill thomassasse 52
Als Jurorin zeichnete Angela Peltner „Kat Kit“ als „Besten Newcomeract 2023“ aus. Die Kuselerin spielte ein Preisträgerinnen-Konzert beim Kurt-Weill-Fest in Dessau in Anwesenheit von Politik, Kultur, Fans und local heroes-Crew (hier mit Geschäftsführerin Julia Sasse), Foto: Thomas Sasse

Und diese Bühnen haben nicht aufgehört. Das ist vielleicht das, was mich bis heute am meisten bewegt. Dass aus einem barfüßigen Auftritt in Salzwedel irgendwann mehr wurde. Auftritte für local heroes bei anderen Veranstaltungen, Jubiläen. Und dann dieser Moment, der sich anfühlt wie aus einem anderen Leben: Ich schrieb einen Song zur Frauen-FußFuß "Fuß" ist ein altes Längenmaß (etwa 30 cm), nach dem im Orgelbau die Pfeifenlänge angegeben wird. Aus der Länge der Pfeife resultiert die Tonhöhe. Eine Pfeife mit der Länge 16′ klingt eine Oktave tiefer als eine von 8′.ball-WM. Und ich durfte ihn singen. Im Stadion in Wolfsburg. Nicht einmal. Mehrmals. Vor Menschen, die gekommen waren, um das Spiel zu sehen – und plötzlich zuhörten. Ich weiß noch, wie ich da stand und dachte: Das fing alles mit einer Bühne an. Mit jemandem, der Ja gesagt hat. Mit einem Format, das einem jungen Menschen den Raum gegeben hat, sich auszuprobieren. Mit local heroes.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Und heute dürfen sich junge Artists immer noch ausprobieren. In einem geschützten Raum, weit weg von Algorithmen und Zahlen. Zum Beispiel auf Schloss Hundisburg. Wer einmal dort war, versteht sofort, warum dieser Ort so viele Geschichten trägt. Die Atmosphäre. Die Gespräche, die bis tief in die Nacht gehen. Die Konzerte. Die Workshops, nach denen man das Gefühl hat, dass irgendetwas in einem Kopf eine neue Richtung eingeschlagen hat. Die Inspiration, die sich nicht erklären lässt, aber körperlich spürbar ist. Es gibt Veranstaltungen, die man besucht. Und es gibt solche, die man erlebt. Hundisburg gehört zur zweiten Kategorie. Immer.

Und dann ist da noch Julia Sasse. Julia gehört für mich untrennbar zu local heroes – und ehrlich gesagt würde ich diesen Text nicht schreiben, ohne sie zu erwähnen. Sie ist nicht nur eine meiner engsten Freundinnen geworden, sie hat über all die Jahre hinweg an Menschen geglaubt, lange bevor diese selbst an sich geglaubt haben. Still, konsequent, mit echtem Herz und einer Hartnäckigkeit, die ich bewundere. Sie hat zugehört, wenn andere schon weggegangen sind. Sie hat ermutigt, wenn andere gezweifelt haben. Sie hat gesehen, was in einem steckt, bevor man es selbst sehen konnte. Ich bin einer dieser Menschen. Ich weiß noch, wie es sich anfühlte, das erste Mal das Gefühl zu haben: Hier glaubt jemand wirklich an mich. Nicht weil es sein Job ist. Sondern weil sie es meint. Das verändert etwas in einem. Das bleibt. Dafür möchte ich ihr danken – laut, hier, öffentlich, ohne Umschweife.

Aber local heroes besteht nicht aus einzelnen Menschen. Es besteht aus vielen. Als Jurorin habe ich immer wieder dieselbe Szene erlebt: Eine junge Band steht auf der Bühne. Vielleicht noch unsicher. Vielleicht technisch nicht perfekt. Vielleicht hält jemand das Mikrofon falsch oder der Bass ist einen Tick zu laut oder die Nervosität ist so greifbar, dass man sie fast anfassen kann. Aber dann passiert es. Ein Moment. Ein Blick. Eine Zeile im Song. Und plötzlich sieht man ihn wieder, diesen Traum. Den Traum von der großen Bühne. Von Menschen, die mitsingen. Von Songs, die andere berühren, ohne dass man erklären muss, wie oder warum. Von einem Leben, in dem Musik kein Hobby ist, sondern Sprache. Die einzige Sprache, die wirklich alles sagen kann.

Local Heroes Bundesfinale 2024 Gruppenfoto Line Tsoj A7407606 Web
Jedes Jahr unterstützen hunderte Ehrenamtler:innen local heroes landes- und bundesweit. Dabei wurde Schloss Hundisburg inzwischen zu einem der Hotspots der deutschen Newcomerszene, Foto: Line Tsoj

Ob dieser Traum am Ende Wirklichkeit wird oder nicht – bei local heroes darf er erst mal existieren. Unkommentiert. Ohne Zynismus. Ohne den Satz, den alle irgendwann hören: Das wird sowieso nichts. Allein dafür braucht es solche Formate. Heute vielleicht mehr denn je. Und dann ist da noch Dieter Herker. Kein local heroes ohne Dieter. Langjähriger Geschäftsführer von local heroes. Einfach ein guter Dude aus dem Wendland. Einer, der immer so wirkt, als hätte er gerade seinen Garten gegossen und wäre dann zufällig bei einem Musikfestival vorbeigekommen. Easy Peasy. Locker durch die Hose atmend.

Völlig unaufgeregt – in einer Branche, in der alle immer so tun, als würde die Welt untergehen, wenn das Catering zehn Minuten später kommt. Ich habe Dieter immer bewundert für genau das. Diese Ruhe. Diese Erdung. Als ob er direkt aus dem Hobbitland käme und dabei vergessen hätte, dass das alles eigentlich stressig sein sollte.Vielleicht braucht es genau solche Menschen, damit so ein Format 35 Jahre lang funktioniert. Keine Panik. Kein Ego. Nur: Wir machen das. Weil es wichtig ist.

Dieter Christoph Eisenmenger 4
Ideengeber, Gründer und All-Time-Supporter Dieter Herker. Die Legende prägte Generationen junger Musikerinnen und Musiker, Foto: Christoph Eisenmenger

Dass local heroes dabei nicht stehen bleibt, zeigen auch die BahnhofBeats – Nachwuchsförderung mitten im Alltag, an Bahnhöfen, in Städten, dort wo Menschen wirklich sind und Musik plötzlich auftaucht, wo man sie nicht erwartet hat. Oder der Podcast Grenzsaiten, der genau das tut, was Musik am besten kann: Über Musik zu erzählen. Von Menschen, Umwegen, Herkunft und Träumen. Von dem, was vor der Karriere kommt. Und manchmal von dem, was nach ihr bleibt.

Denn Musik ist nicht nur Sound. Musik ist das, was für mich übrigbleibt, wenn man alles andere weglässt.

Irgendwo da drin steckt sie noch, diese barfüßige junge Frau auf einer Bühne in Salzwedel, die sich auf Gälisch versingt, dabei hüpft und tanzt und so tut, als hätte sie alles unter Kontrolle – und gleichzeitig verzweifelt versucht, ihre Blase unter Kontrolle zu halten. Sie weiß noch nicht, wohin die Reise geht. Sie weiß noch nicht, dass sie in diesem Umfeld Menschen kennerlernen und Möglichkeiten sich eröffnen werden, die ihr Leben verändern. Dass die Musik sie an Orte bringen wird, die sie sich als Teenagerin nicht einmal hätte vorstellen können.

Danke, local heroes. Für die Musik. Für die Begegnungen. Für die Erinnerungen. Für Schloss Hundisburg. Für Julia. Für alle, die hinter den Kulissen dafür gesorgt haben, dass dieser Ort existiert und weiter existiert. 35 Jahre local heroes. Das klingt nach Erfolgsgeschichte. Nach Statistiken, Zahlen, Meilensteinen. Aber ich glaube, das Wichtigste lässt sich nicht zählen.

Es ist das, was passiert, wenn ein junger Mensch zum ersten Mal auf einer Bühne steht und merkt: Ich darf das. Ich darf träumen. Ich muss keinen wasserdichten Plan haben, keine fertige Karriere, keine klare Antwort auf die Frage „Und was machst du damit?“ Ich darf einfach anfangen. In einer Welt, die von Künstlerinnen und Künstlern immer früher immer mehr verlangt – mehr Content, mehr Strategie, mehr Sichtbarkeit, mehr Plan – ist das kein kleines Geschenk. Das ist ein großes Glück. Denn Träume brauchen Zeit. Sie brauchen Schutzräume. Sie brauchen Orte, an denen man scheitern darf, sich vertun darf. local heroes ist so ein Ort. War es immer. Wird es hoffentlich noch lange sein.

Denn Träume brauchen keine Großstadt. Sie brauchen keine Strategie. Keinen Plan. Keinen Presseausweis.

Sie brauchen eine Bühne. Danke, local heroes. Seit 35 Jahren.

Angela Peltner ist Autorin, Schauspielerin, Musikerin und Kreativkopf. Musikalisch war sie mit Angelas Park, Cläng, 3Viertelelf und als AngelA unterwegs, gewann den Panikpreis von Udo Lindenberg und stand mit ihm und vielen anderen großen Stars wie Nena auf der Bühne. Sie schreibt seit Jahren für Blogs und Zeitschriften, steht bei GZSZ regelmäßig vor der Kamera und arbeitet aktuell an ihrem Debütroman „Songs für Greta“. Bei dem Berliner Musivertrieb recordJet verantwortet sie den kreativen Bereich – unter anderem den FLINTA* Music Force Showcase auf dem Reeperbahn Festival. Sie pendelt zwischen Berlin und Magdeburg und macht nie nur eine Sache auf einmal.

Ähnliche Beiträge im Musikland Blog

Aktivitäten aus dem Netzwerk

Wenn ein Festival endet

1979 begann in Halle eine Geschichte, die nun endet: Das Internationale Kinderchorfestival Halle (Saale) wird nicht fortgeführt. Intendantin Marie-Therese Mehler sprach mit dem Musikland über die Gründe für das Aus des Festivals.

Weiterlesen »
Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.