Stadtsingechor zu Halle

Foto: Linda Müller

Der Chor

Von seinen Anfängen in einem Augustiner Chorherrenstift über die Umstrukturierung während der Reformationszeit bis zum Kampf um Unabhängigkeit während des zweiten Weltkrieges und seinen heutigen Auftritten: Sachsen-Anhalts ältester Chor hat eine beeindruckende Geschichte. Viele seiner Besonderheiten bleiben bis heute bestehen. Der Stadtsingechor ist nicht nur über 900 Jahre alt, sondern auch nach wie vor ein Knabenchor. Dadurch bietet er einen besonderen Klang, den man so nur noch selten zu hören bekommt. Der Chor besteht heute aus etwa 90 aktiven Sängern, die alle noch zur Schule gehen. Neben dem üblichen Schulalltag bestreiten die Knaben im Jahr um die 30 Auftritte. Fast alle der aktiven Sänger sind Schüler an der Latina August Herrmann Francke, ein Gymnasium in den Franckeschen Stiftungen, das eine enge Partnerschaft mit dem Stadtsingechor pflegt. Das ist auch notwendig, um den Musikunterricht, der zusätzlich zu den drei Proben in der Woche stattfindet, zu gewähren. Denn anders als in den meisten Chören singen die Knaben zu jedem Auftritt ein anderes Programm. Dadurch wird das Repertoire ständig erweitert. Ein großer Fokus liegt dabei auf der Erarbeitung geistlicher A-cappella-Werke, die die enge Verbundenheit mit der beeindruckenden Geschichte des Chores zeigen.
Der Stadtsingechor ist eng mit der Stadt Halle (Saale) verbunden und befindet sich heute in städtischer Trägerschaft. So ist der Chor bei Konzertreisen und sonstigen Auftritten außerhalb und innerhalb Halles ein Aushängeschild der Stadt. Dazu zählt besonders die alljährliche Eröffnung der Händel-Festspiele auf dem Marktplatz.
Allerlei Wissen, Geschichten und mehr aus den vielen Jahrhunderten Chorgeschichte sammelte Cordula Timm-Hartmann in dem 2016 zum 900. Chorgeburtstag erschienenen Buch Singt weiter, Jungs, singt weiter. Der Titel geht auf den Chorleiter Richard Doell zurück. Dieser übernahm den Chor nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Durch ihn gelang es, den Stadtsingechor nach und nach wieder aufzubauen, nachdem er während des Kriegs durch die Nationalsozialisten stark umstrukturiert wurde. Doell gab vielen Knaben in der Nachkriegszeit Halt. 1950, mitten in einer Motette in der Marktkirche, erlitt der Chorleiter einen Schwächeanfall und verstarb. Seine letzten Worte waren „Singt weiter, Jungs, singt weiter”, was diese auch taten und die Motette bis zum Schluss weiter sangen.

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Der Stadtsingechor zu Halle bei der Eröffnung der Händel-Festspiele 2025, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt aus der Filmreihe #volltemperament

Geschichte

Der Stadtsingechor zu Halle gehört mit seinen über 900 Jahren Geschichte zu den ältesten Knabenchören Deutschlands. Dabei geht sein Ursprung auf die Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts Neuwerk zurück. Dieses entstand 1116 vor den Toren Halles. Eine der Aufgabenbereiche des Klosters war die Zuständigkeit für das hallesche Schulrecht. Der Unterricht sollte die Knaben auf Gottesdienste vorbereiten, um diese mit den Chorherren musikalisch zu gestalten. 1565 wurden als Folge der Reformation drei Pfarrschulen zu einem gemeinsamen Lutherischen Gymnasium in einem ehemaligen Franziskanerkloster zusammengelegt. Im Zuge dessen ging der Chor in die Verwaltung der Stadt über.  Der Schulchor (Cantorey) musste täglich in allen drei Kirchen zu den Vespern singen. 1808 wurde das lutherische Gymnasium mit dem reformierten Gymnasium und der lateinischen Schule der Franckeschen Stiftungen fusioniert. Aufgrund mangelnder finanzieller Mittel war eine Aufgabe der Chorsänger, auf der Straße, meist vor den Türen wohlhabender Bürger:innen, zu singen. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden dem Stadtsingechor sämtliche Aufgaben entzogen, darunter das Straßensingen und die offizielle Teilnahme an Gottesdiensten. Trotz des Versuches, den Chor in die Hände der Hitlerjugend zu übergeben, konnte der Stadtsingechor bis 1945 solchen Maßnahmen entgehen. Unterstützung erhielten sie damals vor allem durch die Franckeschen Stiftungen und die Kirche. Seit 1946 befindet sich der Chor ununterbrochen in städtischer Trägerschaft.

Die Chorlaufbahn

Der Werdegang eines Sängers beginnt mit der Früherziehung schon im Kindergarten. Ab dem Grundschulalter haben die Aspiranten ihre ersten Auftritte, bei denen sie die Händelfestspiele mitgestalten und in Kindermusicals auftreten. Ab der dritten Klasse werden die Knaben in den großen Chor und dessen Auftritte integriert. Ab der fünften Klasse haben die Sänger die Möglichkeit, dem Musikzweig der Latina beizutreten. Ab da sieht der Alltag eines Sängers wie folgt aus: Neben Mathe, Deutsch und Chemie kommen Fächer wie Musiktheorie und Musikkunde auf den Stundenplan. Zusätzlich erhalten die Sänger auch Stimmbildung, entweder allein oder zu zweit. Hinzu kommt Gehörbildung und in den jüngeren Klassen wird auch Ensemblesingen unterrichtet. Da diese Fächer teilweise im Chorhaus stattfinden, müssen Sänger in den Pausen manchmal zwischen dem Schulgebäude und dem Chorhaus wechseln. Am Montag, Mittwoch und Donnerstag finden RegisterRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können.- sowie Gesamtchorproben am Nachmittag nach der Schule statt.  Zu den rund 30 Auftritten im Jahr zählen Motetten, Konzerte im In- und Ausland, Eröffnungen und mehr.
Seit 2014 wird der Stadtsingechor zu Halle von Clemens Flämig geleitet. Weitere bekannte Chorleiter waren Wilhelm Friedemann Bach, Daniel Gottlob Türk und Gothard Stier. Auch unter den Sängern waren bekannte Persönlichkeiten, etwa die Komponisten Samuel Scheidt, Axel Gebhardt und Carl Loewe, aber auch der später unter dem Künstlernamen Ivan Rebroff zu einiger Berühmtheit gelangte Hans-Rolf Rippert.

Eindrücke aus dem Choralltag und von der Eröffnung der Händel-Festspiele 2025 lassen sich in der Kurzfilmreihe #volltemperament: 24 Klänge aus Sachsen-Anhalt gewinnen. In der Episode Hallelujah wird der Stadtsingechor porträtiert. 

Literatur

Cordula Timm-Hartmann, Singt weiter, Jungs, singt weiter, Wettin-Löbejün 2016 (Verlag Janos Stekovics).

Klangbeispiele

Gott ist unser Zuversicht und Stärke (Pachelbel), Stadtsingechor zu Halle am 08.06.2017 in der Ulrichskirche Halle

Hallelujah aus dem Oratorium Messiah HWV 56 von Georg Friedrich Händel, Stadtsingechor zu Halle und Kammerorchester der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Konzertmeister Matthias Erben) unter Leitung von Clemens Flämig


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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.