Das Theater Magdeburg veranstaltet Sachsen-Anhalts erstes Festival für neues Musiktheater. Es hört auf den spannenden Namen eXoplanet und fand vom 9. bis 11. Mai 2025 zum ersten Mal statt. Sechs Produktionen an sechs Spielstätten in der ganzen Stadt versprachen eine Bandbreite von elektroakustischer Kammeroper über Murmelgebet bis hin zu italienischen Operetten und einem Klaus-Nomi-Abend.
Wenn von großen Kulturinstitutionen wie Opernhäusern die Rede ist, wird häufig das Bild eines Tankers bemüht: Im Gegensatz zu Akteur:innen der freien Szene sind sie weniger flexibel navigierbar, dafür aber auch in stürmischen Gewässern sicher und stabil. Eine andere Metapher hat jetzt das Theater Magdeburg gefunden: Die Oper versteht sich als Raumschiff, das im Kosmos seiner Stadt verschiedene Planeten ansteuert, aber auch über die eigenen Spielstätten als Heimathäfen verfügt. Auch das neue Festival eXoplanet verdankt dieser Weltraumallegorie ihren Namen. Die namensgebenden Exoplaneten sind die vielen Orte voller Geschichte und Kultur, die das Festival zur Bühne für Musiktheater macht. Darunter sind zum Beispiel die Gruson-Gewächshäuser mit ihrer Bühne unter Palmen, das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen und der heimliche Star unter den Spielorten des Festivals, das Gelände des ehemaligen VEBs Schwermaschinenbau-Kombinat Ernst Thälmann, von Magdeburger:innen nur SKET genannt.
Dort will das Festival zeigen, wie vielseitig, interaktiv, herausfordernd, aber auch humorvoll neues Musiktheater sein kann. Da ganz auf neue Stücke gesetzt wird, sind keine bekannten Repertoirestücke im Programm und beim Überfliegen dessen mag sich der eine oder die andere fragen, was neues Musiktheater eigentlich ist. Nicht alle basieren auf Neuer Musik und auch hinsichtlich ihrer narrativen und dramaturgischen Herangehensweisen unterscheiden sie sich. Gemein ist ihnen, dass sie in einem theatralen Kontext Musik zu einem zentralen Element der Handlung machen. So finden sich sowohl die elektroakustische Kammeroper Penelope, Annäherungen an mittelalterliche Techniken des Gebetsgesanges im Stück Industrial Mechthild und Reminiszenzen an die Popkultur mit der abgespaceten Klaus-Nomi-Hommage Klaus From Space auf dem Programm.

„Das Musiktheater braucht dringend neue Werke.“
Das schreibt Intendant Julien Chavaz im Programmheft zum Festival. Schon beim Durchlesen des regulären Spielzeitprogramms des Theaters wird der Anspruch, mehr als die „Hits“ der Operngeschichte auf die Bühne zu bringen, erkennbar. Im Programm stehen Carmen, La Traviata und Anything Goes, aber auch viele unbekanntere Stücke, die von zeitgenössischen Komponist:innen oder sogar Uraufführungen sind. Es gehe den Festivalmacher:innen, so Produktionsleiterin Marie Schultze, nicht darum, etablierte Werke auszutauschen oder zu kritisieren, sondern den Musiktheaterkanon zu erweitern.
Chavaz kam zur Spielzeit 2022/2023 als Generalintendant nach Magdeburg. Zuvor war er Teil einer freien Opernkompanie im schweizerischen Fribourg, kennt also gewissermaßen das Leben und Arbeiten jenseits des Raumschiffs und bespielte schon früher Exoplaneten. Gemeinsam mit Marie Schultze kam ihm die Idee zu einem Festival, das den Raum für Experimente schaffen sollte, den es im regulären Theaterbetrieb sonst nicht gibt. Und vor allem sollte es Brücken zurück zur freien Szene schlagen und ihr die Möglichkeit geben, mit dem Theater zu kooperieren. Diesem Ziel dienen einerseits die vielen Kooperationen mit Magdeburger Spielorten und die Einladung des Berliner Kollektivs tutti d*amore, andererseits ein großer Wettbewerb, der sich an junge Musiktheaterproduktionen richtet, die während des Festivals uraufgeführt werden. Für die Gewinner:innen steht unter anderem ein Produktionsbudget von 10.000 Euro in Aussicht, um ihr Konzept auf die Bühne zu bringen. Das deutsch-estnische Regieduo aus Lisa Pottstock und Kris Kuldkepp konnte die Jury überzeugen und gewann den Wettbewerb mit der Produktion Industrial Mechthild.

Was haben mittelalterliches Murmelgebet und sozialistische Schwerindustrie gemeinsam?
Sie geben spannenden Stoff für junges Musiktheater her. Das Konzept von Pottstock und Kuldkepp beruht auf ausgedehnten Erkundungen durch die Stadt- und Architekturgeschichte Magdeburg, die die beiden Regisseurinnen vorab durchgeführt hatten. Pottstock und Kuldkepp stießen auf das SKET-Gelände und entschieden sich, es zu ihrem Aufführungsort zu machen. Vor einigen Jahren gab es eine Kooperation des Theaters mit dem Besitzer des Geländes, der sich, wie überhaupt alle angefragten Kooperationspartner:innen, sehr offen zeigte. Auch die Schweizer Milchkuranstalt und die Gruson-Gewächshäuser freuten sich über die Anfrage.
Aber wer ist eigentlich dieser Gruson, nach dem die Gewächshäuser benannt sind? Der Magdeburger Hermann Gruson war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich den Luxus einer exotischen Kakteensammlung leisten konnte und die den Grundstein der heutigen Gewächshäuser darstellte. Erfolgreich wurde er mit einer Schiffsbauwerkstatt, die sich über die Jahre zu einer Rüstungsfabrik entwickelte. Diese war dann ein Grund für die Bombardierung der Stadt, die Magdeburgs städtebaulich Entwicklung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stark prägte. All das wollen Pottstock und Kuldkepp in ihrem Stück musikalisch und interaktiv – ein achtköpfiger Bürger:innenchor ist ebenfalls dabei – erforschen. Aber wie heißt Grusons Fabrik eigentlich heute? Vielleicht ahnt man es schon: SKET-GmbH.
Ein Festival mit Strahlkraft
Das eXoplanet Festival, so Marie Schultze, ist in der Festivallandschaft Sachsen-Anhalts ein Novum, das erste Festival, das sich ganz dem Musiktheaterbereich widmet. Chavaz, Schultze und ihre Mitstreiter:innen haben sich das große Ziel gesetzt, ein Festival zu etablieren, das mit den großen europäischen Opernfestivals in Berlin oder Rotterdam in einem Atemzug genannt wird. Musiktheaterfans aus ganz Europa, aber auch Interessierte aus der Region soll es an seine Magdeburger Spielstätten ziehen. Es ist gut, dass sie dabei ihre Fixsterne als Orientierung haben, denn der Aufwand, den ein solches Festivals macht, ist enorm. Jede Produktion ist mit Proben, längeren Konzeptionszeiträumen und teilweise aufwendiger Technik verbunden. Hinzu kommen die Vorlaufzeiten, die der Wettbewerb und das Casting für den Bürger:innenchor mit sich bringen. Und dann ist da auch noch die Frage nach dem Geld. Aus dem regulären Budget des Theaters kann so ein Festival nicht mitgestemmt werden, es müssen also auch Förderanträge geschrieben werden. All das hat funktioniert und auch darum geht es Chavaz und ihr, so Marie Schultze: „Es geht darum zu zeigen, dass wir in Sachsen-Anhalt das auch können!“ Das Programm des Festivals ist abwechslungsreich, aufregend und witzig und fordert Hörgewohnheiten heraus. Man darf gespannt darauf sein, welche Planeten auf der Magdeburger Milchstraße bei der zweiten Ausgabe 2027 angesteuert werden.

