Von Orgeln und Menschen

Die Ladegast-Orgel im Merseburger Dom, Foto: IMG Sachsen-Anhalt/Falko Matte

Ihre Geschichte reicht mehr als 2.000 Jahre in die Vergangenheit, sie gilt als das größte und die Königin unter den Instrumenten und kann sowohl mit ihrem Klang als auch physisch Räume füllen: die Orgel. Seit sie Ende des ersten Jahrtausends nach Christus aus dem Mittelmeerraum nach Westeuropa kam, fand sie über die Jahrhunderte große Verbreitung und wurde zum zentralen Element der christlichen Liturgie. In Deutschland gibt es heute Tausende Orgeln. Selbst in kleinen Dörfern verfügen die meisten Kirchen über Orgeln und Großstädte beherbergen nicht selten Dutzende von ihnen.

Aus musikhistorischer Perspektive gab es zwei Blütezeiten der Orgel: Der Barock und die Romantik. In beiden Epochen, vor allem im Barock, kamen entscheidende Werke und Impulse aus der mitteldeutschen Region. So kommt es, dass Sachsen-Anhalt unzählige Orgeln, darunter viele besondere Orgelschätze, beherbergt.

Die Scherer-Orgel in der Kirche St. Stephan in Tangermünde etwa ist die älteste spielbare Orgel Sachsen-Anhalts und über 400 Jahre alt. An der Hildebrandt-Orgel zu St. Wenzel in Naumburg aus dem Jahr 1746 spielte Johann Sebastian Bach noch höchstpersönlich, nachdem er auch in ihren Bau involviert war. Die beeindruckende, in opulentem Gold glänzende Ladegast-Orgel im Merseburger Dom aus dem Jahr 1855 gehört zu Deutschlands größten romantischen Orgeln, während im Naumburger Dom Deutschlands kleinste Hauptorgel eines Domes zu finden ist: Eine Eule-Orgel aus dem Jahr 1983 mit 28 RegisternRegister Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe und unterschiedlicher Tonhöhe, die über einen Registerzug als Ganzes an- und ausgeschaltet werden können..

Die längste Darbietung einer Komposition ist in der Halberstädter Burchardi-Kirche zu hören: Hier wird das Stück ASLSP (As slow as possible – so langsam wie möglich) von John Cage aufgeführt. Die Dauer des Stücks ist auf 639 Jahre angelegt. So viele Jahre vor dem geplanten Beginn des Projekts im Jahr 2000, also 1361, wurde nämlich die erste Orgel im Halberstädter Dom von Nikolaus Faber eingeweiht. In einem stilisierten Modell der Faber-Orgel erklingt das Stück von Cage in der Burchardi-Kirche seit 2001.

ASLSP
Die stilisierte Faber-Orgel in der Burchardi-Kirche spielt das längste Konzert der Welt, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt
Hildebrandt Orgel St. Wenzel
Die Hildebrandt-Orgel in St. Wenzel Naumburg, Foto: IMG Sachsen-Anhalt/Stadt Naumburg-Kultur und Tourismus

An Besonderheiten fehlt es Sachsen-Anhalts Orgellandschaft also nicht. Daneben zeichnet sie sich durch unzählige weitere Orgeln von hohem historischem und klanglichem Wert aus, die von Zeitz im Süden bis hoch in die Altmark verteilt in Kirchen, in Konzerthäusern und in Museen stehen und erklingen.

Einen Eindruck dieser Fülle vermittelt das Programm der 71. Internationalen Orgeltagung, die 2025 in Magdeburg stattfand. An sieben Tagen fanden Begehungen und Konzerte statt, die von Magdeburg aus zu Orgeln in Halberstadt, Quedlinburg, Bernburg und der Altmark führten.

Wer Orgelmusik ohne den liturgischen Kontext eines Gottesdienstes hören möchte, bekommt bei zahlreichen Konzerten oder einem der Festivals für Orgelmusik die Chance. Die Merseburger Orgeltage oder die Hildebrandt-Tage in Naumburg etwa bieten alte Musik und innovative Konzertformate und holen regelmäßig Stars der Orgelszene nach Sachsen-Anhalt.

Die Orgel verbindet die Sphären der Musik mit denen der Religion, der Architektur, der Klangforschung und der Handwerkskunst. Um sich ihr anzunähern, gibt es viele Zugänge. Einen bietet die Tätigkeit des Berufsstands, ohne den es gar keine Orgeln gäbe: der Orgelbau. Über die letzten Jahrhunderte, vor allem zu Zeiten der Romantik, lebten und arbeiteten viele namhafte Orgelbauer in Sachsen-Anhalt. Ladegast, Röver oder Rühlmann lauten ihre immer noch bekannten Namen. Auch heute sind Orgelbauer:innen in Sachsen-Anhalt tätig, einer von ihnen ist Johannes Hüfken.

Ein nicht allzu irdisches Handwerk

Schon als Kind spielte Johannes Hüfken in der Werkstatt seines Vaters zwischen Holzbalken und Werkzeugen. Früh wusste er, dass er den väterlichen Betrieb übernehmen will und so kam es dann auch. Johannes Hüfken ist Orgelbauer. Wie viele Orgelbauer:innen ist er auch Orgelspieler und gläubiger Christ. Aber in erster Linie ist er Handwerker und leitet seit 2019 die Werkstatt, die sein Vater 1979 gründete. Seine Mutter ist auch Orgelbauerin und als Inhaberin Teil des Familienbetriebes, der nur durch einen Garten vom Wohnhaus der Hüfkens getrennt in Halberstadt beheimatet ist.

Hier arbeitet Hüfken mit fünf angestellten Mitarbeitern an Pfeifen, WindladenWindlade Kernstück der Orgel: Hierauf stehen die Pfeifen und werden mit Wind versorgt. Zugleich findet hier der Übergang von der mechanischen Bewegung durch die Tasten in den Windfluss statt., ManualenManual Klaviatur für die Hände. und allem anderen, woraus Orgeln bestehen. Auf den ersten Blick würde man anhand der Werkbänke seiner Mitarbeiter nicht erkennen, woran hier gearbeitet wird. Ein Kreuz an der Wand lässt einen kirchlichen Bezug erahnen und blickt man ans Ende des großen Werkstattraums, sieht man das Skelett einer Hausorgel. Ansonsten könnten hier aber auch Schränke, Tische oder Fenster hergestellt werden. Folgt man Hüfken durch die Räume der Werkstatt, gewinnt man hinter jeder Tür neue Eindrücke der Vielseitigkeit seiner Profession.

Werkraum der Orgelbaufirma Huefken 1
In der Werkstatt der Firma Orgelbau Reinhard Hüfken in Halberstadt, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Ein Angestellter etwa arbeitet an Abstrakten. Das sind dünne lange Holzleisten, die die Tasten des Spieltischs über sogenannte Wellenbretter mit der WindladeWindlade Kernstück der Orgel: Hierauf stehen die Pfeifen und werden mit Wind versorgt. Zugleich findet hier der Übergang von der mechanischen Bewegung durch die Tasten in den Windfluss statt. verbinden und dafür sorgen, dass im richtigen Moment Luft in die richtige Pfeife strömt.

Die Gesamtheit der Bauteile, die zu diesen Verbindungen beitragen, wird als TrakturTraktur Übertragungssystem zwischen Tasten (Spiel- oder Tontraktur) bzw. Registerzügen (Registertraktur) und den Pfeifenventilen. bezeichnet. Wenn es sich wie hier um eine mechanische Traktur handelt, wird das Ventil einzig vom Anschlag des Organisten oder der Organistin geöffnet, weshalb die Abstrakten so leicht wie möglich sein müssen. Sie sind wenige Millimeter dick, aber mitunter einen Meter lang oder noch viel länger. Im Gegensatz zur Präzision und dem Feingefühl bei dieser Arbeit geht es im Nebenraum mit Klopfholz und Lötkolben zur Sache: Hier werden Pfeifen restauriert, auch neue Pfeifen können hier gebaut werden.

In der Werkstatt spielt sich nur ein Teil dieses Berufes ab. Neben den alltäglichen Aufträgen, die in der Werkstatt verrichtet werden (etwa Reparaturen einzelner Teile oder Arbeiten an kleinen Haus- oder Truhenorgeln), gibt es zahlreiche Routinearbeiten an den Instrumenten direkt, etwa das Reinigen und Stimmen der Orgeln oder das Beheben von Defekten.

Orgelbauer im Einsatz

Jonathan Hohmann aus dem Team des Musiklands hat Johannes Hüfken und seinen Kollegen bei einem der zahlreichen Reparaturaufträge begleitet. Bei den Vorbereitungen für ein abendliches Konzert in der Pauluskirche in Magdeburg fiel auf, dass eine Taste der pneumatischenPneumatisch Die Steuerung erfolgt mit Hilfe von Luftdruck. Orgel keinen Klang erzeugte. Im gut 50 Kilometer entfernten Halberstadt musste Johannes Hüfken eine Entscheidung treffen: Ist es möglich, den Defekt innerhalb weniger Stunden zu beheben und das Konzert wie geplant zu spielen oder muss eine Alternative gefunden werden? Allein die Fehlersuche innerhalb der pneumatischen Anlage kann viele Stunden dauern. Ob das Problem anschließend rasch behoben ist oder aufwendigere Arbeiten nach sich zieht, ist offen.

Darum entschied man sich für einen alternativen Konzertort und tags darauf begann die Fehlersuche, die erfreulicherweise rasch von Erfolg gekrönt war. Schnell war die Orgel wieder spielbar. Der Einsatz wird mit einem Probespiel beendet, um zu überprüfen, ob wirklich alles klingt und funktioniert, wie es soll. Gebaut wurde die Orgel in der Magdeburger Pauluskirche Ende des 19. Jahrhunderts vom Zörbiger Orgelbaumeister Wilhelm Rühlmann. Rühlmann war in der Region einer der wichtigsten Orgelbauer der Romantik.

Huefken im Orgelinneren
Johannes Hüfken während…
Huefken vor der Ruehlmannorgel der Pauluskirche
…und nach der Arbeit in der Magdeburger Pauluskirche, Fotos: Musikland Sachsen-Anhalt

Der Orgelbau und die Lage der Kirchen

Die Werkstatt arbeitet auch am Bau neuer Orgeln, ein inzwischen seltenes Unterfangen. Neue Instrumente sind teuer und nur wenige Gemeinden verfügen über die nötigen Mittel. Zwischen 2019 und 2021 gingen beim Orgelfonds der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) 208 Förderanträge ein, doch nur fünf betrafen Neubauten.

Besser geht es dem Markt für gebrauchte Orgeln. Restaurierte Instrumente bieten Gemeinden die Chance, ein größeres oder besseres Instrument zum Preis eines Neubaus zu erhalten und dabei eine alte Orgel zu erhalten. Die Lage der Kirchen spiegelt sich im Orgelbau wider: Fachkräftemangel und Mitgliederrückgang halten sich derzeit zwar die Waage, doch langfristig sieht Johannes Hüfken seinen Berufsstand schrumpfen. Neue Märkte, etwa in Asien, können den Trend hierzulande nicht aufhalten.

Auf der Internationalen Tagung der Gesellschaft der Orgelfreunde 2025 in Magdeburg berichtete Elke Bergt von der EKM von den kirchlichen Entwicklungen: Rund 3.900 Kirchen gehören zur EKM und damit zu einer Region, in der große Teile der Bevölkerung konfessionslos sind. Gleichzeitig sank die Mitgliederzahl 2023 unter 600.000. So kommen statistisch nur etwa 150 Gemeindemitglieder auf eine Orgel.

Das hat Folgen: Rund sechs Prozent der Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Da laut Elke Bergt für den regulären Betrieb einer Gemeinde durchschnittlich 18 Ehrenamtliche erforderlich sind, ließe sich rechnerisch nur etwa die Hälfte der EKM-Orgeln betreuen. Um diesen Bestand zu erhalten, müssten die Bauinvestitionen um 66 Prozent steigen. Die EKM konzentriert sich daher auf einen Kernbestand von 800 bis 1.200 gut ausgestatteten Kirchen; Schließungen und Umnutzungen – sofern der Denkmalschutz es zulässt – sind Teil dieser Strategie. Für Johannes Hüfken ist das spürbar. Er erzählt vom merkwürdigen Gefühl, eine Orgel ein letztes Mal zu stimmen, bevor eine Kirche geschlossen wird. Gerade in kleineren Dörfern, deren Kirchen einst aus enormer Eigenleistung entstanden, sei diese Gefühl besonders stark.

Das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen in Westdeutschland Bevölkerung und Gemeinden, und viele neue Kirchen entstanden – architektonisch oft umstritten. Dieser Boom stärkte auch den Orgelbau in der DDR. Die staatseigenen Werkstätten exportierten Orgeln und erwirtschafteten darüber Staatseinnahmen. Der Betrieb von Hüfkens Vater konzentrierte sich jedoch vor allem auf den Erhalt vorhandener Instrumente und baute nur selten neu. Die Nähe zur Kirche machte das Orgelbauerhandwerk auch zu einem Rückzugsort für systemkritische Menschen, die nicht studieren durften. Sie hätten im Orgelbau einen geschützten Raum gefunden, erzählt Hüfken.

Teilnehmende der int. Orgeltagung im Magdeburger Dom 1
Reges Treiben im Magdeburger Dom bei der 71. Internationalen Orgeltagung, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt
Orgel des oekumenischen Domgymnasiums Magdeburg
Die Orgel des ökumenischen Domgymnasiums Magdeburg wurde im Rahmen der Tagung ebenfalls besucht, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Orgelbau, quo vadis?

Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Einheit zahlen Orgelbaubetriebe im Osten ihren Mitarbeiter:innen noch immer weniger als im Westen, sagt Christoph Zimmermann von der EKM. Profiteure sind vor allem die Gemeinden, die günstigere Angebote erhalten.

Auch die Ausbildungsbedingungen verschärfen die Ungleichheit: Die einzige Berufsschule für Orgelbauer:innen liegt in Ludwigsburg, so entstehen für Auszubildende aus dem Osten hohe Reisekosten. Der Freistaat Bayern übernimmt diese Kosten für seine Auszubildenden, eine ähnliche Unterstützung im Osten wäre laut Johannes Hüfken dringend nötig. Hüfken ist der einzige – man will nicht sagen, der letzte – Orgelbaumeister in Sachsen-Anhalt, der ausbildet. Er ist stolz, alle seine Auszubildenden im Anschluss auch übernommen zu haben. Das funktioniere aber nur, betont er, weil er nie mehrere Orgelbauer:innen gleichzeitig ausbilde. Wenn also mehrere junge Menschen eines Jahrgangs in Sachsen-Anhalt die Ausbildung machen möchten, wird höchstens einer im Bundesland bleiben können.

Eine andere Hürde für den Orgelbau ist inzwischen Geschichte: Von 2004 bis 2019 konnten sich Orgelbauer:innen ohne Meistertitel selbstständig im Orgelbau machen. Damit stieg die Anzahl der Betriebe sprunghaft an und etablierte Werkstätten sahen sich starker Konkurrenz und Dumpingpreisen ausgesetzt. 2020 wurde die Meisterpflicht wieder eingeführt, was Johannes Hüfken und der Bund deutscher Orgelbaumeister begrüßen: Die „Wiedervermeisterung“ sichere nämlich Wissen und Tradition im Orgelbau.

Wie eine Orgel aus England über Halberstadt nach Kasachstan reiste

Deutsche Orgelbaubetriebe sind weltweit tätig, um ihre Expertise zum Einsatz zu bringen und auch Hüfkens Orgelbaubetrieb hat schon an vielen Orten gewirkt. So führte ihn ein ganz besonderes Projekt in die Hauptstadt Kasachstans, nach Astana:

Reinhard Hüfken, Johannes Hüfkens Vater, war zu DDR-Zeiten ein engagierter Christ, der sogar Bibeln nach Russland schmuggelte. Alte Freundschaften aus dieser Zeit führten nach 1990 dazu, dass er den Förderverein der lutherischen Kirche in Kasachstan unterstützte. In Astana sollte eine neue Kirche entstehen und zu einer richtigen Kirche gehört eine Orgel.

Reinhard und sein Sohn Johannes machten sich auf die Suche. Johannes kannte die englische Orgellandschaft gut und fand schnell eine passende romantische Orgel, deren weicher Klang, wie er wusste, in Russland und Zentralasien besonders geschätzt wird. Das Instrument wurde abgebaut, nach Halberstadt gebracht und mit viel Liebe restauriert, finanziert durch den Förderverein und private Spenden.

Doch mitten im Projekt starb Reinhard Hüfken plötzlich, für Johannes Hüfken ein schwerer persönlicher und beruflicher Einschnitt. Gleichzeitig brach mit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine der Transportweg weg, niemand wollte und konnte die Orgel über Tausende Kilometer nach Kasachstan bringen, die herausfordernden Transportbedingungen verkomplizierten die Situation zusätzlich.

Erst ein Spediteur mit kasachischen Wurzeln fand eine Lösung: Durch einen Wechsel der Transportfahrzeuge an der polnisch-belarussischen Grenze konnte die Orgel schließlich rund 5.000 Kilometer bis Astana zurücklegen. Johannes Hüfken selbst konnte erst später reisen. Währenddessen wurde der alte Freund seines Vaters, auf dessen Initiative das Projekt zurückging, zunehmend ungeduldig – ohne allerdings zu offenbaren, dass er schwer erkrankt war. Und so starb auch er tragischerweise, bevor die Orgel aufgebaut war.

Trotz neuer Hürden, unklarer Zuständigkeiten und fehlender Mittel reisten Johannes Hüfken und ein Kollege schließlich nach Astana und bauten drei Wochen lang das Instrument auf. Heute steht dort – in einer Millionenstadt mit bislang nur einer weiteren Orgel – das fertiggestellte Instrument. Insgesamt drei Jahre hat das Projekt in Anspruch genommen und ganz am Rande etwas Grundsätzliches gezeigt: Oft sind es engagierte Einzelpersonen und leidenschaftliche Gemeinden, die dafür sorgen, dass Orgeln erhalten bleiben und erklingen.

„Seit es die Orgel gibt, wird ihre Zukunft diskutiert.“

Wenn über Orgeln gesprochen wird, geht es früher oder später auch darum, wie sie und vor allem ihr Publikum sich in Zukunft entwickeln werden. Vor dem Hintergrund des Mitgliederschwunds der Kirchen, eines immer älter werdenden Publikums bei Konzerten und zahlreicher ungespielter Orgeln könnte man pessimistisch in die Zukunft schauen. Doch es gibt viele Ansätze, um mehr Menschen für die Orgel zu begeistern.

Danny Manthei ist für die Produktion der Merseburger Orgeltage zuständig und erzählt, dass Vermittlungsprojekte eine immer größere Rolle spielen. Man müsse sich der Herausforderung stellen, die Orgel aus dem Elfenbeinturm zu holen, ohne ihr die Aura zu nehmen. Man wolle Räume öffnen, vorstellbar seien etwa Künstler:innenresidenzen oder Crossover Konzertprogramme. Um Aufmerksamkeit für neue Formate zu erzeugen, brauche es aber auch neue Marketingstrategien.

Auch die Vertreter:innen der Landeskirchen betonten im Rahmen einer Diskussion mit dem Musikjournalisten Claus Fischer bei der Tagung der Gesellschaft der Orgelfreunde die Wichtigkeit von Vermittlungs- und Beteiligungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Auch nur einige von ihnen zu begeistern, könne einen Unterschied machen. Wenn eine Orgel wieder gespielt wird, trage das nicht selten dazu bei, das Gemeindeleben zu beflügeln. Entsprechend könne schon ein einziger junger Mensch, der die Orgel spielt, viel bewirken.

Podiumsdiskussion bei der int. Orgeltagung in Magdeburg
Elke Bergt (EKM), Claus Fischer (MDR), Matthias Mück (Bistum Magdeburg) und Christoph Zimmermann (EKM) diskutieren über die Zukunft der Orgel, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Auch Johannes Hüfken bestätigt das. Alle Auszubildenden des Familienbetriebs seien über die Kirchengemeinde und Orgelunterricht zu ihrem Berufswunsch gekommen. Nur folgerichtig ist es, dass auch seine Orgelbaufirma ein pädagogisches Angebot bereitstellt: Ihre MeloPipes sind Orgelpfeifen zum Selbstbauen und -spielen für Kinder, besonders geeignet etwa für Schulprojekte, in denen die Kinder direkt gemeinsam musizieren können.

Der Aufbau selbst ist kinderleicht und dank der eigens angefertigten grafischen Notationen braucht es kein Vorwissen, um loszulegen. Jede Pfeife hat einen farbigen Aufkleber mit dem dazugehörigen Notennamen.

Beim Halberstädter Orgeltag im September 2025 spielten mehr als 100 Kinder gemeinsam im Rahmen eines städtischen Schulprojektes ein Konzert auf ihren selbstgebauten MeloPipes.

„Seit es die Orgel gibt, wird ihre Zukunft diskutiert“, sagte Claus Fischer bei der Tagung der Gesellschaft der Orgelfreunde. Er, der im Mitteldeutschen Rundfunk die einzige Radiosendung in ganz Deutschland moderiert, die sich nur der Orgelmusik widmet, muss es wissen. Nach mehr als 2.000 Jahren Geschichte ist es nur schwer vorstellbar, dass die aktuellen Herausforderungen historisch einmalig sind. Die Menschen und Initiativen jedenfalls, die sich für die Orgellandschaft Sachsen-Anhalts einsetzen, machen viel Hoffnung.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.