Sachsen-Anhalts Jugendbarockorchester BACHS ERBEN

BACHS ERBEN ist eines der ersten Jugendbarockorchester in Deutschland. Geprobt wird in der Landesmusikakademie Kloster Michaelstein in Sachsen-Anhalt. Foto: Ulrich Schrader
© Musikland Sachsen-Anhalt

Am Anfang eines jeden Jahres treffen sich in der Landesmusikakademie im Kloster Michaelstein junge Musiker:innen: Neugierig und hochmotiviert spielen sie Alte Musik auf alten Musikinstrumenten. „Praeludium“ heißt dieses Schnupperwochenende von Sachsen-Anhalts Jugendbarockorchester BACHS ERBEN. Wer danach weiter Alte Musik spielen möchte, hat dazu Gelegenheit bei zwei Probenphasen, die sich im Laufe des Jahres anschließen. Was junge Leute an Barockmusik fasziniert, wie das Ensemble entstanden ist und was es braucht, um bei BACHS ERBEN mitzuspielen, dazu unterhielt sich Musikland Sachsen-Anhalt mit der Referentin für „Aufführungspraxis“ und Managerin von BACHS ERBEN, Antje Becker.

Alte Musik für junge Leute: Ein Jugendbarockorchester für Sachsen-Anhalt

Antje Becker: BACHS ERBEN sind eines der ersten Jugendorchester für Barockmusik. Eines, das sich durch eine große Kontinuität hinsichtlich der (institutionellen) Verortung, der inhaltlichen Arbeit wie auch der künstlerischen Leitung auszeichnet. Daneben gibt es beispielsweise das Bayerische Jugend-Barockorchester, das Landesjugendbarockorchester Baden-Württemberg, das JugendBarockOrchester Rheinland und die Stuttgarter „Telemänner“ – allesamt Organisationen, die sich dem Motto „Alte Musik für junge Leute“ verschrieben haben. Das ist schon eine ganz beachtliche Zahl an Ensembles auf diesem Gebiet.

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Antje Becker: Hier trafen sich die Interessen dreier Akteur:innen: Zum einen suchte die Musikakademie nach einem neuen, tragfähigen Konzept für eine Nachfolge des „Internationalen Sommerkurses junger Instrumentalisten“, mit dem bereits seit den 1960er Jahren in Michaelstein junge Musiker:innen an die Barockmusik herangeführt wurden. Zum anderen hatte sich der Verein „Mitteldeutsche Barockmusik“ neben vielen anderem auch die musikalische Jugendförderung zum Ziel gesetzt und suchte nach Möglichkeiten, diese in die Tat umzusetzen.

Auch unter den Mitgliedern der „Akademie für Alte Musik Berlin“ war ein großes Interesse daran entstanden, den eigenen Erfahrungsschatz an junge Menschen weiterzugeben. Als impulsgebend hatte dabei das Education-Projekt gewirkt, das im Zusammenhang mit der Verpflichtung von Sir Simon Rattle zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker initiiert worden war und an dem sich beispielsweise auch Raphael Alpermann beteiligte. Er wurde als künstlerischer Leiter des Ensembles BACHS ERBEN bestellt, das schließlich aus der Suche der drei genannten Akteure heraus „geboren“ wurde.

Der packende Moment Alte Musik auf alten Instrumenten zu spielen

Antje Becker: Die Begeisterung für Alte Musik bringen die jungen Musiker:innen meist schon mit, wenn sie sich für einen Kurs anmelden und dann hier her nach Michaelstein kommen. Die Initialzündung wird im Elternhaus, im Freundeskreis, in der Musikschule und anderen Bildungseinrichtungen gelegt.

Die Musikakademie trägt jedoch viel dazu bei, dass – um mit den Worten einer BACHS ERBIN zu sprechen – aus diesem Funken an Interesse ein Feuerwerk wird: Kloster Michaelstein als nahezu paradiesisches Architektur- und Naturerlebnis, das Ambiente, die gute Ausstattung der Probenräume, das von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt mit der künstlerischen Arbeit betraute Dozententeam rund um Raphael Alpermann und Georg Kallweit, die Art der Projekte, die immer auch das überregionale Wirken von BACHS ERBEN im Blick haben und den Teilnehmer:innen regelmäßig Konzertreisen im In- und Ausland ermöglichen wie auch das Wie des Miteinanders in der Gruppe sorgen dafür, das alle, die einmal dabei gewesen sind, gerne wiederkommen.

Gerade der letztgenannte Punkt ist für das Musizieren des betreffenden Repertoires, das auch in größeren Besetzungen sehr vom kammermusikalischen Gedanken geprägt ist, von großer Bedeutung – etwas, das vielleicht sowohl auf musikalischer als auch privat-emotionaler Ebene bei den Jugendlichen besonderen Zuspruch findet. Der Moment, in dem sie das erste Mal mit einem Barockbogen über die Geigensaiten gestrichen oder die Taste eines Cembalos gedrückt haben, ist jedenfalls sicher noch einem jeden von ihnen im Gedächtnis. Alte Musik auf „alten“ Instrumenten zu spielen und klanglich zu erleben ist ein Abenteuer – ganz besonders für so junge Menschen.

BACHS ERBEN ist eines der ersten Jugendbarockorchester in Deutschland. Geprobt wird in der Landesmusikakademie Kloster Michaelstein in Sachsen-Anhalt. Foto: Ulrich Schrader
© Ulrich Schrader

Antje Becker: Viele der jungen Leute werden durch ihr Elternhaus, ihre Lehrer an Musik(spezial)schulen, vielleicht auch durch den Freundeskreis an die Barockmusik – mit und ohne „alte Instrumente“ – herangeführt. Das kammermusikalische Moment, die Vielfältigkeit hinsichtlich der Klangfarben der „alten“ Instrumente, der Raum für Eigeninitiative und Flexibilität hinsichtlich der musikalischen Gestaltung, die Bedeutung des Rhythmus, die Verbindung zu Tanz und Sprache – all das, und noch viel mehr, können Gründe dafür sein, bewusst oder unbewusst, die die Alte Musik so spannend für sie macht.

Viele der aktuellen und ehemaligen BACHS ERBEN beschäftigen sich inzwischen professionell mit Musik, absolvier(t)en ein praktisches oder wissenschaftliches Studium, zum Teil mit dem Schwerpunkt „Historisch informierte Aufführungspraxis“. Für andere ist und wird die Barockmusik ein wunderbarer Begleiter neben der ganz anders gelagerten, berufsmäßig gewählten Bestimmung sein. Ich glaube jede:r, der oder die einmal Teil von BACHS ERBEN war, trägt die Leidenschaft für dieses Repertoire sehr weit in seine Zukunft mit hinein – auf welche Art und Weise auch immer.

Das Jugendbarockorchester BACHS ERBEN sucht immer Nachwuchs: Möglichkeiten des Einstiegs

Antje Becker: Grundsätzlich ist das Orchester offen für alle, die sich für Barockmusik begeistern. Wer Freude am gemeinsamem Musizieren hat, am Ausprobieren, Experimentieren, und über ein gewisses Maß an technisch-musikalischen Fähigkeiten verfügt ist hier genau richtig. Einen idealen Einstieg in das Arbeiten mit BACHS ERBEN bietet dabei das sogenannte „Praeludium“ – eine Art Schnupperkurs, der immer zu Beginn des neuen Jahres stattfindet. Hier können die Teilnehmer:innen im Rahmen einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter unter Anleitung von Raphael Alpermann erste Schritte in die historisch informierte Aufführungspraxis unternehmen, ganz gleich, welches Instrument sie spielen. Wem der Kurs gefällt und wer gut zurechtkommt, kommt im Sommer wieder und wird im Rahmen der größeren Konzertprojekte von den eingeladenen Dozent:innen und erfahreneren jungen Leuten „mitgenommen“.

Antje Becker: Das Programm wird wesentlich von Raphael Alpermann gestaltet. Er kennt sich wunderbar mit dem betreffenden Repertoire aus, kennt auch die Musiker:innen von BACHS ERBEN sehr gut. Er weiß genau, wo und wie sich ein jeder von ihnen in idealer Weise einbringen kann. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht natürlich stets das Wirken von Johann Sebastian Bach, das durch entsprechende Stückauswahl in den größeren musikhistorischen Kontext gesetzt wird, um Musiker:innen wie Publikum stets für das „Größere Ganze“ zu sensibilisieren.

Antje Becker: Die jungen Leute kommen nach Michaelstein, weil sie neugierig sind auf Musik und diese auf hohem Niveau spielen wollen. Sie wollen lernen und individuell gefördert werden, kommen zusammen, um sich gemeinschaftlich der Musik zu widmen und sie als Gemeinschaft für die Zuhörer:innen zu einem ganz besonderen Erlebnis zu machen. Gerade dieser letzte Punkt prägt die Arbeit Raphael Alpermanns mit den jungen Leuten ganz wesentlich. Zusammen versuchen sie, den Intentionen der Komponisten auf die Spur zu kommen, ihre musikalische Sprache zu verstehen.

Ohnehin spielt die Sprache, neben dem Tanz, eine große Rolle für das relevante Repertoire. Ziel ist immer, eine gemeinsame Aussage, einen gemeinsamen Gestus zu finden, der die jungen Musiker:innen zu einem wirklichen Ensemble verschmelzen lässt, das die Hörer:innen in ihren Bann zieht.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.