Der kleine Trompeter

Fritz-Weineck-Denkmal in Halle, Briefmarke DDR 1970

Historischer Hintergrund

Der kleine Trompeter ist der Titel eines Liedes aus dem Jahr 1925, mit dem wohl jeder DDR-Schüler ab 1959 mehrfach in Berührung gekommen ist und das als „Kampflied der Arbeiterklasse” wie kaum ein anderes ins kollektive Gedächtnis des Arbeiter-und-Bauern-Staates eingegangen ist.

Dahinter steht jedoch auch eine wahre Begebenheit, in deren Zentrum der Musiker Friedrich August (Fritz) Weineck steht, der als Hornist (nicht Trompeter!) dem Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehörte und am 13. März 1925 bei einer Wahlkampfveranstaltung im halleschen „Volkspark” (Veranstaltungsgebäude in Halle, errichtet 1906 als Vereinshaus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) kurz vor seinem 28. Geburtstag von der Polizei erschossen wurde.

Bereits im selben Jahr entstand das Lied Der kleine Trompeter im Parodieverfahren zur Melodie eines Soldatenliedes aus dem 1.Weltkrieg, dessen Text nur geringfügig abgewandelt worden war. In dem ursprünglichen Lied ging es um den Tod eines Frontsoldaten und Signaltrompeters in Frankreich im Jahr 1914.

Mit der inhaltlichen Übertragung des Liedes auf Fritz Weineck wurden kommunistischer Propaganda und Legendenbildung Tür und Tor geöffnet. Besonders in der DDR wurde Weineck zum Märtyrer für den Kampf der Arbeiterklasse stilisiert. Da spielte es auch keine Rolle, dass er keinesfalls im Mittelpunkt der Ereignisse von 1925 stand, sondern eher eine Randfigur war. Mit ihm fanden neun weitere Besucher der Veranstaltung, an der auch Ernst Thälmann als kommunistischer Kandidat für die Reichpräsidentschaft teilnahm, den Tod. Auch war Weineck kein „Junge“, wie der Liedtitel vermuten lässt, sondern verheiratet und Familienvater. Bei dem Versuch, den Ort des Geschehens zu verlassen, wurde er von einer Kugel in den Rücken getroffen.

Der Vereinnahmung durch das politische System der DDR taten solche offensichtlichen Unwahrheiten jedoch keinen Abbruch. Das Lied, das 1964 erstmalig in einem Musiklehrbuch erschien (mit einer zusätzlichen 6. Strophe, die später wieder entfiel), und ein daraus entstandener Marsch für Blasorchester wurden 1959 verpflichtend in die Lehrpläne für den Musikunterricht der Klassenstufen 2–4 aufgenommen und im Verlauf der Grundschulzeit in der Regel mehrfach behandelt, ohne dass den Lehrkräften konkrete Informationen zu den Hintergründen geliefert wurden. Dies hatte zur Folge, dass „ein großer Teil der Lehrer den Marsch und das Lied Der kleine Trompeter aus Informationsmangel unter falschen Voraussetzungen“ (Siedentop 2000, S. 337) thematisierte.

Der kleine Trompeter im Musikunterricht diente wie viele andere Arbeiter- und Pionierlieder auch der staatsbürgerlichen Erziehung und sollte einerseits „Tapferkeit und Heldentum  des jungen Kommunisten Fritz Weineck“ und „Kameradschaft der Widerstandskämpfer“ als Ausdruck der Werte der Arbeiterklasse vermitteln, andererseits den Schülern aber auch die emotionalisierenden Wirkungen von Musik aufzeigen, welche in diesem Lied speziell „Gefühle des Heldentums, der Trauer, des Stolzes und der Freude“ hervorzubringen vermag (vgl. Siedentop 2000).

Durch die mehrfache unterrichtliche Thematisierung in verschiedenen Klassenstufen, eine ausführliche Beschäftigung mit Fragen der gesanglichen Interpretation (Auswendiglernen inklusive) sowie den schlichten, balladenhaften Stil des Liedes prägte sich Der kleine Trompeter gut ein und wurde laut Zeitzeugenberichten von den meisten Schülern sehr gerne gesungen, was immer noch die häufig positiven Reaktionen im Internet auf neuere CD-Ausgaben belegen.

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Fritz-Weineck-Denkmal in Halle, Briefmarke DDR 1970
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Halle, Riveufer, Fritz-Weineck-Denkmal 1958 CC BY-SA 3.0, Bundesarchiv, Bild 183-58198-0024/Krueger

Regionale Tradition

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Fritz-Weineck-Gedenktafel in der Nähe des „Volksparks” am 13. März 2021, seinem Todestag © Georg Maas
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Gedenkstein in Reinstedt vor dem Haus Unterdorf 46, CC BY-SA 4.0, Migebert

Bereits 1958 wurde dem kleinen Trompeter in Halle ein Denkmal gesetzt. Am in Fritz-Weineck-Ufer umbenannten Riveufer (das seit 1992 wieder seinen Ursprungsnamen trägt) wurde im Rahmen eines Treffens der in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) organisierten Jungpioniere eine Bronzeskulptur von Gerhard Geyer eingeweiht. Diese wurde bald zur staatlich „verordneten Wallfahrtsstätte“ (Falgowski 2016) und zum Ort regelmäßiger Fahnenappelle der Jungpioniere, wobei natürlich auch das Lied gesungen wurde.

Darüber hinaus gab es eine DDR-Briefmarke (s. Bild oben), einen Spielfilm aus dem Jahr 1964, der in Halle gedreht und uraufgeführt wurde, sowie Kinderbücher zu Ehren Fritz Weinecks, der wie ein Held verehrt wurde. Straßen, Schulen und Plätze in der DDR wurden nach ihm benannt.

Der kleine Trompeter soll das Lieblingslied Erick Honeckers gewesen sein, das er sich für seine Beerdigung gewünscht haben soll. Auch der sozialkritische westdeutsche Liedermacher Hannes Wader hatte das Lied vom kleinen Trompeter zeitweilig in seinem Repertoire.

Das Weineck-Denkmal befand sich lange Jahre im Magazin des halleschen Stadtmuseums, nachdem es in den 1990er-Jahren zunächst von seinem Sockel gestohlen und später von der Polizei, mit weißer Farbe beschmiert, im Museum abgegeben worden war. 1998 wurde an seiner Stelle ein Rive-Denkmal aufgestellt. Im Frühjahr 2018 wurde die Skulptur wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht im Rahmen der Eröffnung des zweiten Teiles der neuen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte im Stadtmuseum Halle.

Eine Gedenktafel an der Ecke Burgstraße/Riveufer nahe dem „Volkspark” erinnert ebenfalls an den kleinen Trompeter. Kranzniederlegungen zur Erinnerung an das revolutionäre Idol gibt es dort gelegentlich heute noch.

Auch in Berga bei Kelbra gibt es eine Weineck-Statue, die 1975, ebenfalls von Gerhard Geyer, für die damalige Polytechnische Oberschule „Fritz Weineck” geschaffen und am 1. September 1976 enthüllt worden war. Zunächst stand das Denkmal unmittelbar an der Schule, später wurde es auf einem Sockel auf den Pausenhof zwischen Sekundarschule und Grundschule gestellt. Auch diese Skulptur war im Jahr 2006 zwischenzeitlich verschwunden, später aber wieder aufgetaucht.

In Reinstedt, einem Ortsteil der Stadt Falkenstein im sachsen-anhaltischen Teil des Harzes, befindet sich ein Fritz-Weineck-Gedenkstein.

Klangbeispiele

Lied vom kleinen Trompeter (Von all unsern Kameraden) vom Pionierchor des Zentralhauses der jungen Pioniere „German Titow” Berlin

Der kleine Trompeter (Von all unsern Kameraden) (mit Originalfotos der Ereignisse von 1925, Erich-Weinert-Ensemble, Männerchor)

Der kleine Trompeter (Hannes Wader)

Literatur

Michael Falgowski, Plastik für Riveufer. Kommt der kleine Trompeter zurück?, 22.10.2016, 10:00 Uhr, https://www.mz-web.de/halle-saale/plastik-fuer-riveufer-kommt-der-kleine-trompeter-zurueck–24955262, abgerufen am 12.04.2018.

Inge und Gerhard Holtz-Baumert, Der kleine Trompeter und sein Freund, Die kleinen Trompeterbücher Bd. 1, Kinderbuchverlag Berlin, o. J. (für Kinder ab 7 Jahre).

Sieglinde Siedentop, Musikunterricht in der DDR, Augsburg, S. 334–349. 2000

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.