„Die Oud transportiert nicht nur Musik, sondern auch Kultur.“ Das Projekt MusiqaLab verbindet Instrumentenbau, Musikunterricht und kulturelle Bildung

Foto: Omar Shalash

Die Passage 13 ist ein selbstorganisiertes Stadtteil- und Kulturzentrum in Halle-Neustadt. Sie ist ein beliebter Treffpunkt und geprägt von der Vielfalt der Bewohner:innen des Stadtteils und ihren Geschichten. Seit September 2025 wird hier von Omar Shalash und Abdullah Alqaseer ein musik– und kulturpädagogisches Projekt angeboten, das einen ganz eigenen Ansatz verfolgt.

Wie sich das Projekt von anderen musikpädagogischen Angeboten unterscheidet, ist bei einem Besuch in der Passage 13 schnell zu bemerken. Eine Gruppe aus Kindern und Jugendlichen steht im Kreis. Sie stampfen und klatschen rhythmisch und singen dazu. Einer der beiden Kursleiter, Abdullah Alqaseer, gibt den Takt an und singt die erste Melodie vor, während sein Kollege, Omar Shalash, sich dem Werkzeug widmet, von dem die Gruppe umgeben ist. Anschließend versammeln sie sich um eine große Werkbank herum, um mit Holz, Bleistiften und Werkzeugen zu arbeiten. Gemeinsam bieten Omar und Abdullah MusiqaLab an, ein Projekt, in dem Kinder und Jugendliche Instrumente nicht nur spielen, sondern auch selbst bauen können. Und sie bauen nicht irgendwelche Instrumente, sondern Ouds. Die Oud ist eine kurzhalsige Laute, deren Wurzeln im antiken Mesopotamien liegen. Als Vorläufer der hier entstandenen Lauteninstrumente gelangte sie im Frühmittelalter nach Europa.

Alle teilnehmenden Kinder und Jugendlichen stammen aus Familien mit Migrationsgeschichte. Manche kannten die Oud bereits aus ihrem Umfeld. Es ist zwar nicht die Musik, die sie auf ihren Handys hören, aber unbekannt ist sie ihnen auch nicht. Eines der Anliegen des Projekts sei es, sagt Abdullah, Brücken zu bauen zu den Kulturräumen, zu denen sie familiäre Bezüge haben, ohne sie unmittelbar erleben zu können.

Kulturvermittlung ist aber nicht das einzige Ziel des Projekts. Auch das handwerkliche Geschick der Teilnehmer:innen wird gefördert. Sie lernen, mit Holz und Werkzeug umzugehen und entwickeln eine zentrale Schlüsselkompetenz, die ihnen auch später beim Üben am Instrument helfen wird: Geduld. „Die ersten zwei, drei Wochen war die Frage, die fast von allen kam: Sind wir nächste Woche fertig?“, erzählt Omar. „Nun, nach zwei, drei oder vier Wochen haben sie begriffen, wie lange dieser Prozess ist.“ Aus dem langen Atem könne Motivation werden und die wiederum mache das Projekt nachhaltig. Es entstehen Verbindungen zu den Instrumenten, die eben nicht einfach online bestellt, sondern über viele Monate in regelmäßiger Arbeit selbst gefertigt wurden. All die viele Arbeit solle man am Ende hören können. Der Abschluss des Projekts soll mit einer öffentlichen Präsentation der Ergebnisse gefeiert werden, natürlich in der Passage 13. Und weil es ja kein klassischer Musikunterricht ist, muss auch die Präsentation kein klassisches Konzert sein. Abdullah und Omar zeigen sich offen. Die Präsentation am Ende sei nicht wichtiger als der Prozess.

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Abdullah (links) und Omar (rechts) in der Werkstatt der Passage 13, Foto: Musikland Sachsen-Anhalt

Abdullah und Omar sind Freunde und Kollegen. Beide sind umtriebige Kulturschaffende. Abdullah stellt sich als Schriftsteller, Filmemacher und Musiker vor. Er ist Gründer der Kaza Hadda Band und arbeitet in der Passage 13 in verschiedenen kulturpädagogischen Projekten. Omar ist ebenfalls Filmemacher, außerdem Musiker und Filmmusikkomponist und vor allem Instrumentenbauer. 2025 entschied er sich, beruflich ganz auf seine große Leidenschaft, den Oudbau, zu setzen.

Seine erste Oud kaufte sich Omar von dem Geld, das er in den Ferien zwischen der achten und neunten Klasse bei der Zwiebelernte verdiente. Einen Bekannten aus seinem Dorf im Norden Palästinas, der zum Studium nach Jordanien gegangen war, bat er, ihm von dort eine Oud mitzubringen. Er begann erst, sich das Spiel selbst beizubringen und bekam später einige Unterrichtsstunden bei dem Musiklehrer seiner Grundschule. Seitdem begleitet ihn die Oud.

Abdullah lernte das Oudspiel in Syrien, wo er lebte, bevor er nach Deutschland kam. Als Journalist dokumentierte er lokale Musiktraditionen im ganzen Land. Er machte mehr als tausend Videos von Menschen, häufig Älteren, die ihre Lieder sangen und spielten. Dabei merkte er, dass er, um die Musik besser verstehen zu können, selbst spielen musste. So begann auch er, sich das Oudspiel beizubringen.

Nachdem die beiden in Halle Freunde geworden waren, stellte sich heraus, dass eines der Videos, die Abdullah in Syrien aufgezeichnet hatte, ein wichtiges Hilfsmittel für Omar gewesen war, als dieser sein Wissen über den Oudbau vertiefte. Das Video zeigt Ibrahim Sukar, einen renommierten Oudbauer aus Syrien, in seiner Werkstatt in Aleppo. Doch nicht nur im Bereich des Baus der Oud ist man hier auf Wissen aus dem Netz angewiesen. Auch was das Spiel angeht, gibt es in Deutschland nur in wenigen Großstädten Unterrichtsangebote. MusiqaLab stellt in diesem Bereich eine wichtige Ergänzung dar.

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Eine Oud im Entstehungsprozess, Foto: Omar Shalash

Die mehr als tausend Jahre alte Geschichte der Oud macht sie weder zum Ausstellungsstück in einem Museum noch zur Sache historisch informierter Aufführungspraxis. Omar betont, wie lebendig sie ist. Junge Musiker:innen entwickeln die Musik weiter, die auf ihr gespielt wird. Sie wird nicht nur für Folklore genutzt, sondern auch für Jazz-, Pop- und verschiedene Stile der Kunstmusik. Gleichzeitig beklagt Omar, dass die öffentliche Wahrnehmung dieser Realität noch nicht gerecht werde. Er wünscht sich mehr Repräsentanz und Forschung für die Oud und dadurch auch einen besseren Markt. Obwohl er mittlerweile Aufträge aus der ganzen Welt bekomme, seien die Preise, die er als Instrumentenbauer aufrufen kann, niedriger als bei anderen Instrumenten mit vergleichbarem Arbeitsaufwand.

MusiqaLab wurde bisher nur als einmaliges Projekt finanziert. Ermöglicht wurde das durch Mittel aus dem Förderprogramm „Musik für alle“ des Bundesverbands Chor & Orchester, BMCO e.V. Teilnahmekosten wurden nicht erhoben. Abdullah und Omar hoffen, es zukünftig als längerfristiges oder sogar dauerhaftes Angebot anbieten zu können. Der Abschluss des ersten MusiqaLabs ist für Ende Oktober 2026 geplant.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.