Zwischen Verwaltung und Visionen – Florian Amort, die Stiftung Händel-Haus und die Händel-Festspiele in Halle

Foto: Anna Kolata

Der Seminarraum im Händel-Haus ist funktional. Tische sind im Kreis angeordnet, Stühle stehen ordentlich drumherum. Abgesehen von einem mächtigen historischen Holzschrank ist hier nur wenig Altehrwürdiges. Eine Luftbefeuchtungsmaschine läuft hörbar, weil hier historische Objekte gelagert werden, die konstante Bedingungen brauchen. Für das Interview darf ich sie aber kurz ausschalten. 

Ich bin mit Florian Amort verabredet, er kommt direkt aus Berlin. Natürlich hatte der Zug Verspätung, doch das ist er offenbar gewöhnt. Er reist viel, auch wenn die Zeit für ausgiebiges Konzerthopping quer durch die Republik seit seinem Amtsantritt als Direktor der Stiftung Händel-Haus und als Intendant der Händel-Festspiele im letzten Jahr deutlich knapper geworden ist. 

Florian Amort ist Jahrgang 1992, geboren in Berchtesgaden. Für ein Haus mit Museum, Sammlung, Forschung und internationalem Festival ist er ungewöhnlich jung. Die Stiftung selbst betonte bei seinem Amtsantritt, dass er trotz seines Alters bereits Festspielerfahrung und einen musikwissenschaftlichen Hintergrund mitbringe. Er selbst findet, dass seine Position deutlich exponierter klingt als sie sich in Wirklichkeit darstellt.

Florian Amorts Karriereweg war früh spezialisiert. Er studierte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichte und Katholische Theologie in München; Studien- und Forschungsaufenthalte führten ihn nach Wien, Pavia, Rom und Paris. Und er hat früh Verantwortung übernommen: Arbeit in der Forschung, Dramaturg am Brucknerhaus Linz, später Chefdramaturg der Bregenzer Festspiele. Schon mehrfach hat er in Zusammenhängen gearbeitet, in denen Programm, Öffentlichkeit und Institution ineinandergreifen: in Bregenz mit Regisseurinnen und Regisseuren wie Brigitte Fassbaender oder Andreas Kriegenburg; als Herausgeber eines Bandes über 500 Jahre Bayerisches Staatsorchester; als Musikjournalist, unter anderem für die FAZ.

Hier im Seminarraum des Händel-Hauses wirkt er nicht wie jemand, der Jugendlichkeit betont. Eher im Gegenteil. Florian Amort kommt immer im Anzug, seine fast schon berüchtigten Fliegen sind häufig Thema in Gesprächen: Wie viele er besitze, wolle man oft von ihm wissen. Auf die Frage, was in den Darstellungen seines Karriereweges oft zu wenig thematisiert würde, nennt er seine wissenschaftliche Arbeit: Er habe sich intensiv mit Cimarosa beschäftigt und arbeite noch an einem Promotionsprojekt, das er bald abzuschließen hoffe. Und da sei sein langjähriges Engagement für junge Opernfreund:innen in Europa, für das Juvenilia European Network of Young Opera Friends, ein Netzwerk mit mehreren tausend Menschen aus aller Welt. Beides habe ihn maßgeblich geprägt, sagt er.

Über seine jetzige Position spricht er ohne Pathos. Die Arbeit als Direktor und Intendant sei hauptsächlich Organisation, Verwaltung und Management. Für inhaltliche Auseinandersetzung bleibe wenig Zeit. Er bedauert, dass er kaum noch zum Lesen komme, obwohl ihm das wichtig sei. Gefragt, wie er seine eigene Arbeitsweise beschreiben würde, nennt er zunächst eine Eigenschaft: Ungeduld. Prozesse dauerten oft länger, als er es sich vorstelle. Übergeordnetes Ziel seiner Arbeit sei es, das Händel-Haus und die Festspiele wieder stärker in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen. Die Ideen dafür entstünden nicht nach einem festen Schema, vielmehr beobachte er zunächst die bestehenden Strukturen und tausche sich mit Kolleginnen und Kollegen aus. Inhalte, die ihn interessieren, merke er sich und entwickle daraus Vorschläge, die er im kleinen Kreis bespreche. Auch Gespräche mit Freund:innen spielten eine Rolle und ein besonderer Bezugspunkt sei seine Familie. Florian Amort kommt aus einem nicht-akademischen Haushalt, seine Mutter ist Schneiderin, sein Vater Koch. Wenn Themen dort als interessant wahrgenommen werden, sagt er, ist das für ihn ein wichtiges Signal.

Die Gestaltung von Programmen, ganz aktuell etwa das Programm der diesjährigen Händel-Festspiele, versteht er nicht als Deutung. Was auf der Bühne oder im Konzert passiert, ist für ihn ein Angebot. Wie es aufgenommen und verstanden wird, entzieht sich seiner Verfügung. Diese Grenze zieht er klar, auch wenn seine Position anderes nahelegen könnte. Das zeigt sich besonders in seinem Blick auf den großen Georg Friedrich Händel: Als historische Figur bleibt dieser auf Distanz. Zu groß, sagt Florian Amort, ist die zeitliche Differenz, um mit heutigen Maßstäben zu urteilen. Gegenwart entsteht für ihn stattdessen im Moment der Aufführung. Wenn die Musik erklingt und etwas auslöst, unabhängig davon, was intendiert war, dann sei Händels Musik Gegenwart.

So denkt er auch die Festspiele. Das Programm 2026 ordnet sich nicht um eine zentrale These, sondern um ein Thema: „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“. Ausgangspunkt ist Händels Biografie mit ihren Widersprüchen und Anknüpfungspunkten zur Gegenwart. Daraus entwickelte sich ein doppelter Ansatz in der Programmgestaltung: Im üppigen Programm finden sich einerseits die klassischen Formate mit Opern, Oratorien und Konzerten, die sich an ein internationales Fachpublikum richten. Zum anderen gibt es zahlreiche Formate, die in die Stadt hineinreichen, etwa Kooperationen mit Kinos, mit dem Literaturhaus oder Clubs. Die Festspiele sollen unterschiedliche Zugänge ermöglichen und Händel nicht nur zeigen, sondern als Ausgangspunkt für weitere Perspektiven nutzen.

Natürlich seien die Länge und Form vieler Händel-Opern eine ganz reale Hürde für heutige Hörgewohnheiten, sagt Amort: Vier Stunden Aufführungsdauer sind für viele schwer zugänglich. Er denkt deshalb über alternative Formate nach: gekürzte Fassungen von 70 bis 80 Minuten für Einsteiger:innen, klarere Pausenstrukturen statt Verdichtung auf wenige Unterbrechungen und generell flexiblere Aufführungsformen. Dabei gehe es nicht um Vereinfachung, sondern um Zugänglichkeit, um ein Angebot für unterschiedliche Erfahrungsstände im Publikum. Historische Rezeptionsweisen, in denen Oper weniger konzentriert und weniger streng ablief als heute, versteht er dabei nicht als Verlust, sondern als möglichen Ansatzpunkt, um neue Formen des Hörens zu erproben. Dass solche thematischen Zugänge nicht nur Zustimmung erzeugen, erwähnt er beiläufig. Gegenwind gehöre dazu, sagt er, entscheidend sei, dass überhaupt reagiert werde und dass das Händel-Haus und die Festspiele als Teil der Stadt wahrgenommen werden.

Dass das passiert, schreibt er auch der Freundlichkeit der Stadt zu, die ihn vor inzwischen mehr als einem Jahr sehr zuvorkommend empfangen habe. Sie, nein eigentlich das ganze Bundesland, dürften ruhig etwas selbstbewusster auftreten. Sachsen-Anhalt habe gerade als Musikland einfach wahnsinnig viel zu bieten. Diesem Angebot möchte Florian Amort in den nächsten Jahren noch so einiges hinzufügen, u.a. sollen die Aktivitäten des Händel-Hauses jenseits der Festspiele stärker in die ländlichen Regionen hineinwirken.

Das Gespräch habe ihm Spaß gemacht, sagt er zum Ende, das seien mal ganz andere Fragen gewesen als sonst üblich. Die Luftbefeuchtungsmaschine schalte ich jetzt wieder ein.

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.