Sachsen-Anhalts Chöre: Tradition und Aufbruch

Gesangsverein „Concordia“ 1863 Hamersleben, Gemischter Chor 1876/1983 Ristedt, Männerchor Hoym von 1844. Die Jahreszahlen ihrer Gründung, die viele Gesangsvereine bis heute stolz im Namen tragen, zeugen von einer langen Tradition des gemeinschaftlichen Singens. Mit dem Stadtsingechor zu Halle und seiner mehr als 900-jährigen Geschichte wirkt in Sachsen-Anhalt sogar der drittälteste Knabenchor Deutschlands. Das Singen im Chor erfreut sich bis heute großer Beliebtheit und ist als Bestandteil des Musiklebens in Sachsen-Anhalt nicht wegzudenken.

Viele der hiesigen Chöre haben sich dem Chorverband Sachsen-Anhalt angeschlossen. Mehr als 8.000 Menschen in ungefähr 300 Chören zählen heute dazu. Der Verband unterstützt seine Mitgliedschöre in organisatorischen Angelegenheiten wie Versicherungen und Fragen zur GEMA, fördert den Austausch zwischen den Chören und tritt bei Workshops, dem Internationalen Chorfest Magdeburg oder Konzerten auch als Veranstalter auf. Christel Kanneberg leitet die Geschäftsstelle des Verbands und gehört zu den Menschen, die sich bestens mit der Chorlandschaft Sachsen-Anhalts auskennen.

Die Frage, was diese in ihren Augen auszeichnet, beantwortet sie, ohne lange zu überlegen, mit drei Aspekten: Zum einen sei da die große Tradition, die sich beispielsweise in der Fülle lange bestehender Chöre spiegle, zum anderen aber auch eine spürbare Aufbruchsstimmung in vielen Chören. Am prägendsten aber seien die vielen Menschen, die im Ehrenamt ihre Zeit investieren. Ihnen verdanken viele Chöre ihr langes Bestehen und viele Dorf- oder Stadtfeste ihr musikalisches Programm. Die Selbstverständlichkeit, mit der Chöre häufig zum Musik-, Gemeinde- oder Stadtleben gehören, so Kanneberg, bringt aber auch Nachteile mit sich. Viele Aspekte der Chorarbeit, etwa die Ausbildung oder Bezahlung von Chorleiter:innen, blieben oft ungesehen.

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Konzert im Rahmen des Internationalen Chorfests Magdeburg, Foto: Nilz Böhme

Vom Antrag bis zum Großkonzert

Der Chorverband setzt sich nicht nur für seine Mitgliederchöre ein, sondern engagiert sich auch selbst gesellschaftlich. Ein Beispiel hierfür ist das Großprojekt The Night Concert. Dieses internationale Musikprojekt wirbt für Toleranz und erinnert an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Der Verband bringt es unter Schirmherrschaft des ehemaligen Ministerpräsidenten Rainer Haseloff in Kooperation mit dem Verein Völkerverständigung und Toleranz Hannover und mit Förderung unter anderem der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt am 30. Juni 2026 im Magdeburger Dom auf die Bühne. Zur beeindruckenden Liste der Mitwirkenden gehören unter anderem die Magdeburgische Philharmonie, der MDR-Rundfunkchor, zwei Synagogalchöre und der Kantor der New Yorker Central Synagogue Daniel Mutlu. Das musikalische Programm dieses symphonischen Chorkonzerts besteht aus liturgischen Werken von Leib Glantz in einer Fassung von Joseph Ness. Ergänzend dazu werden Texte des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel gelesen.

Das Konzert wurde so schon an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt aufgeführt. Die Aufführung ist die zweite in Deutschland. Der Chorverband hat das Konzert allerdings um einen Aspekt erweitert: Zum ersten Mal gibt es pädagogisches Begleitmaterial, das an alle weiterführenden Schulen im Land geschickt wurde und auch noch ins Englische übersetzt werden soll. Das Konzert erfordert einen großen Organisationsaufwand und kostet viel Geld, insbesondere weil der Eintritt nur einen symbolischen Euro kostet. Christel Kanneberg betont aber auch, wie viel Unterstützung sie dabei von allen Beteiligten erhält. Mit dieser Hilfe und einem Programm, das aufregend, ergreifend und emotional ist, zeigt sie sich guter Dinge, mit dem Konzert ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen setzen zu können. Der Chorverband möchte Menschen erreichen und Debatten anstoßen. Im Wahljahr 2026 sei das besonders wichtig.

Von der Konzert- zur Begegnungsreise

Gut eine Autostunde südwestlich von Magdeburg in Wernigerode zeigt ein Chor ebenfalls, wie es gelingt, Verbindungen zu schaffen, die mitunter ein ganzes Leben halten. Die Rede ist vom Rundfunk-Jugendchor Wernigerode (RJC), der 2026 sein 75-jähriges Bestehen feiert. Die Geschichte des RJC ist fest verbunden mit dem Landesgymnasium für Musik Wernigerode. Schon zu DDR-Zeiten wurde in dem Gymnasium, das damals Erweiterte Oberschule Gerhart Hauptmann hieß, ein Fokus auf die musikalische Ausbildung gelegt, der auch nach der Wende beibehalten wurde. Fünf aufeinander aufbauende Chöre ermöglichen es den Schüler:innen, sich über den Verlauf ihrer Schullaufbahn stimmlich weiterzuentwickeln. Am Ende dieser Entwicklung steht dann in der elften und zwölften Klasse der Rundfunk-Jugendchor. Auch der Name des Chores stammt noch aus der DDR, wo der Chor wiederholt an Rundfunkproduktionen beteiligt war und deshalb den Ehrentitel Rundfunk-Jugendchor verliehen bekam. Heute gehört ein Internat zum Gymnasium. Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland besuchen es und sind Teil der Chöre. Ungefähr die Hälfte der Schüler:innen kommt nicht aus der Region.

Die musikalische Spezialausbildung erfolgt zusätzlich zum Stoff des normalen Abiturs. Hinzu kommen Konzertreisen. Insgesamt haben die Sänger:innen also allerhand zu tun und müssen Schul- und Choraufgaben jonglieren. Das ist nicht immer einfach. Um die Schüler:innen dabei zu unterstützen, wird neben dem hohen künstlerischen Niveau auch auf Fähigkeiten wie Teamgeist und Selbstvertrauen immer mehr Wert gelegt. Diese Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung im Chor sind heute fester Bestandteil des Selbstverständnisses und helfen den Sänger:innen auch im regulären Schulalltag.

Auch die Konzertreisen haben sich über die Zeit verändert. Während man bei einer Chorreise nach Japan 1992 noch 30 Konzerte in vier Wochen sang, liegt der Fokus heute nicht mehr darauf, möglichst oft aufzutreten. Stattdessen stehen bei den Chorreisen heute Begegnungen im Mittelpunkt. Anstatt möglichst viele Konzerte zu singen, erarbeitet man mit lokalen Chören gemeinsame Programme oder besucht Schulen vor Ort. Solche Reisen führten den Chor unter anderem nach Vietnam, Israel und zuletzt wieder nach Japan. Im Land der aufgehenden Sonne schloss sich für den Chor dann auch ein Kreis: Außer Konkurrenz trat der Chor beim NHK-Schulchorwettbewerb 2025 auf und sang das eigens dafür komponierte Stück Wakusei Sozoro. Der Wettbewerb hat in Japan Tradition und wird landesweit live im Fernsehen übertragen, womit der Chor seinem Namen ein weiteres Mal alle Ehre machte.

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Der Ehemaligenchor beim Festkonzert zum 75. Jubiläum des Rundfunk-Jugendchores im Konzerthaus Liebfrauen Wernigerode, Foto: Christoph Caesar

Tradition haben im Chor die Alumnitreffen. Viele der Ehemaligen haben den Kontakt aufrechterhalten und zum 75. Jubiläum des Chores beschloss man, das Ehemaligentreffen größer zu denken. Die Schule setzte eigens einen Stab zur Planung ein. Im großen Stil wurden Ehemalige kontaktiert und eingeladen. Mehr als 400 Menschen sagten zu.

Unter den Gästen des Ehemaligentreffens zum 75. Chorjubiläum sind viele mittlerweile im hohen Alter. Alle haben sie die Freude an der Musik behalten. Mehr als 100 von ihnen traten neben anderen Chören als Ehemaligenchor im Konzerthaus Liebfrauen Wernigerode auf. Der Saal war rappelvoll, wofür allein die vielen Ehemaligen schon sorgten.

Vom gemeinsamen Singen zum gegenseitigen Interesse

Dass es keine Jahre dauern muss, sich durch Musik und gemeinsames Singen miteinander in Beziehung zu setzen, möchte ein Projekt in Bitterfeld-Wolfen zeigen. Im Rahmen des OSTEN Festivals erarbeitet das Regieduo Vöcks de Schwindt hier mit einer Gruppe ein Bühnenprogramm aus gesungenen, gesprochenen und szenischen Elementen. Vöcks de Schwindt sind die beiden aus Buenos Aires in Argentinien und Magdeburg stammenden Regisseure Federico und Wenzel Vöcks de Schwindt. Wenzel wuchs selbst in Sachsen-Anhalt auf und sang etliche Jahre. Unter anderem war er Mitglied des Landesjugendchores Sachsen-Anhalt. Das OSTEN Festival versteht sich als Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse und hat das Regieduo mit dem Auftrag eingeladen, sich durch gemeinsames Singen einer Frage anzunähern: Wie klingt der Osten?

Nicht die beiden Regisseure sind es, die versuchen Antworten darauf zu geben, sondern die Menschen, die am Ende auf der Bühne stehen werden. Das Projekt ist partizipativ angelegt. Bürger:innen aus Bitterfeld-Wolfen wurden eingeladen, sich zu beteiligen. Gefunden hat sich so eine Gruppe von um die 10 Frauen verschiedenen Alters. Regelmäßig treffen sie sich in der Bitterfelder Musikschule, um gemeinsam zu singen und sich gegenseitig zuzuhören. Vöcks de Schwindt begleiten sie, hören ebenfalls zu und erarbeiten ausgehend von diesen Gesprächen Texte und ein musikalisches Programm. Für das Musikalische bekommen sie Unterstützung von Benjamin Junghans, dessen Rolle im Projekt der eines Chorleiters ähnelt. Ein klassischer Chorleiter ist er hier aber nicht, denn eines betonen alle Beteiligten: Das hier ist kein Chor! Zumindest kein Chor im klassischen Sinne. Das ist Mixtape Ost.

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Die Regisseure Wenzel und Federico Vöcks de Schwindt in Bitterfeld-Wolfen, Foto: Falk Wenzel

Das chorische Singen wird als Ausgangspunkt genommen, von dem aus ein Programm entstehen soll, in dem gemeinsames Singen gleichberechtigt neben individuellen Erfahrungen und Erzählungen steht. Es ist ihnen wichtig, die Frage nach dem Klang des Ostens weder räumlich noch zeitlich auf die DDR zu beschränken. Mit ausgewählten Beispielen, etwa einem Lied von Fanny Hensel, einem Bachchoral oder Songs von den Prinzen und Silbermond, möchten Vöcks de Schwindt den Blick der Gruppe dahingehend weiten.

Mindestens die Hälfte ihrer Probenzeit nutzen sie, um einfach miteinander zu sprechen, sich zum Thema auszutauschen. Eine nach der anderen erzählen die Teilnehmerinnen von Liedern, die sie mit „dem“ Osten verknüpfen. Schnell werden die Gespräche persönlich. Es geht um Erinnerungen, um verflossene Lieben und Kinderlieder, aber auch darum, was man heute hört, wenn man mit dem Fahrrad um die Goitzsche, einen See bei Bitterfeld, fährt. Die Teilnehmerinnen, so das Regieduo, hätten Freude daran sich mitzuteilen und auszutauschen. Wenzel erinnert sich an eine Teilnehmerin, die feststellte, nachdem sie bei einer der Proben über einen Aspekt ihrer Prägung in der DDR gesprochen habe, fühle sie sich damit viel mehr im Reinen.

Mit vielen Liedern verbinden mehrere der Teilnehmenden Erinnerungen. Die können sich ähneln, aber auch ganz unterschiedlich sein. Federico erzählt von Liedern, die manche in der Gruppe zu DDR-Zeiten als bevormundend und andere schlicht als Teil des schulischen Alltags erlebt haben, während eine jüngere Teilnehmerin positive Assoziationen dazu hat und wieder Jüngere es gar nicht kennen. Solche Ambivalenzen als prägendes Element vielfältiger Identitäten zum Ausdruck zu bringen, sei eines ihrer Anliegen, sagen die Regisseure. Das Projekt entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen subjektiven Erfahrungen und der Kollektivität, die das gemeinsame Singen im Chor auszeichnet.

Natürlich ist das Projekt mit einem Aufwand verbunden, der in dieser Form für viele Chöre nicht zu stemmen wäre. Zwei künstlerische Leiter, eine musikalische Leitung und zusätzliche Logistik vom Festival OSTEN machen es in dieser zeitlich begrenzten Form möglich. Als Experiment zeigt es dennoch Möglichkeiten für Chöre auf: Bewusst Zeit für Austausch und Gespräche aufzuwenden, kann eine positive Wirkung auf die Mitglieder und die Gemeinschaft eines Chores haben, das Repertoire mit persönlichen Bezügen bereichern und nicht zuletzt auch spannende Impulse für Konzertformate liefern.

Vom kleinen Chor zum großen Ganzen

Überall in Sachsen-Anhalt finden sich Beispiele, die es verdient hätten, hier vorgestellt zu werden. Sie setzen sich ein für Chormusik und ein offenes Miteinander. In Egeln, der beschaulichen Gemeinde im Salzlandkreis, etwa bringt das Internationale Chorfest „Sine musica nulla vita“ schon seit 25 Jahren Chöre aus der ganzen Welt zusammen. Sie reisen nach Egeln, um ihre Programme zu präsentieren und ein gemeinsames Medley zu erarbeiten. Der Festivalslogan lautet treffenderweise international aber persönlich.

Es liegt Aufbruchsstimmung in der Luft. Viele Chöre probieren derzeit Neues aus. Nicht nur in Bitterfeld experimentiert man mit neuen Formaten. Im Mansfelder Land freut sich etwa der MSHsingt #partychor mit einem offenen Konzept über einen starken Zulauf und im ganzen Land entstehen neue Pop-, Jazz- und Projektchöre. Auch Christel Kanneberg leitet im Nebenamt einen Popchor. Schon kurz nach der Gründung habe es einen Aufnahmestopp für Neumitglieder geben müssen, trotzdem gäbe es wöchentlich neue Anfragen. Was sich sowohl Kanneberg als auch Vöcks de Schwindt wünschen würden, wären mehr männliche Personen in ihren Projekten. Kanneberg berichtet in diesem Bereich aber auch von einer leicht positiven Tendenz. Ihr Wunsch ist es, mit dem Chorverband daran mitzuwirken, dass es in Sachsen-Anhalt langfristig für jeden Menschen ein passendes Singangebot gibt – unabhängig von Alter, Geschlecht und musikalischer Vorbildung. Die Nachfrage sei da. Sie erlebe, dass Menschen nach Zusammenhalt, Zerstreuung und Selbstwirksamkeit suchen, so Kanneberg. All das könnten Chöre bieten. Und wie auch die Beispiele aus Wernigerode und Bitterfeld-Wolfen zeigen, betont Kanneberg, dass Chöre nicht nur für Individuen, sondern auch für Gemeinschaften positive Effekte schaffen: „Chöre sind die Möglichkeit, ein Miteinander zu erleben und bilden eine Gesellschaft ab. Hier haben alle einen gemeinsamen Nenner und kommen trotzdem aus unterschiedlichen Erfahrungsbereichen. (…) Das schafft so viel Potenzial für Verständnis. Wir lernen im Chor, was wir alle wieder lernen müssen: dass man sich zuhört.“

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Helen Hahmann

Helen arbeitet freiberuflich für das Netzwerkbüro und ist die verantwortliche Redakteurin für das Projekt #volltemperament. Die promovierte Musikethnologin ist unter anderem Expertin für das Instrument mit den 1000 Namen, das in jede Hosentasche passt: die Maultrommeln, sowie für das Jodeln und die Jodlerwettstreite im Harz. Sie arbeitet darüber hinaus als Hörfunkautorin und Audiobiografin.